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Ich möchte es mit meinem Lieblingszitat beginnen:
Ihr aber seht und sagt: Warum? Aber ich träume und sage: Warum nicht? G. B. Shaw

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Geh raus und lauf‘! © Sara Thaller

Es gibt immer mehrere Wege im Leben, ich beschreite immer jenen, den ich für mich für richtig und wichtig erachte. Niemals jenen, der vermeintlich einfach erscheint. Warum das so ist, weiß ich nicht. Es ist einfach so. Wenn andere sagen: Das geht nicht! Dann fühle ich mich geradezu angespornt es trotz aller Widrigkeiten zu versuchen. Ein gemütliches Leben ist nicht das meinige. Habe ich eine Vision, muss ich es zumindest versuchen, diese in die Tat umzusetzen. So verhält es sich auch mit Outdoor against Cancer.

Die Idee entstand auf einer meiner gemütlichen Skitouren während der Chemotherapie: Ich merkte wie Schritt für Schritt die Krankheit in den Hintergrund trat, Energie meinen durchaus geschwächten Körper durchströmte und meine Gedanken zu fliegen begannen … Wann kann ich wieder auf Expedition gehen? Wenn ich jetzt weiter trainiere, muss ich nicht von vorne anfangen! Ich muss das Kortison, das es sich langsam aber sicher  in Form von unschönen Pölsterchen an an Hüfte und Bauch gemütlich machte, wieder loswerden. Schritt für Schritt lösten sich auch diese Gedanken auf und ich erstarkte.

Egal was ich draußen unternahm, es war immer der gleiche Prozess … abschalten, Gedanken fliegen lassen, stark werden, den Kopf frei bekommen, Normalität – ein wunderbares Lebensgefühl.

Ich möchte damit nicht sagen, dass es immer leicht war, den Fuß vor die Türe zu setzen, aber es war immer großartig. Jeder Augenblick draußen. Egal, ob beim Laufen an der Isar, beim Rennradfahren, auf kleinen Bergtouren, beim Kraft- und Ausdauertraining  in meinem geliebten Outdoor-Fitnessstudio am Entenweiher in München. (Standorte der Studios in eurer Nähe findet ihr unter 4F Circles.)

Jede große Idee beginnt im Kleinen und so folge ich nach und nach dem Motto: Beginnen gibt Stärke. Vollenden gibt Kraft. 

Es war ein langer Weg, voller Höhen und Tiefen, die ich wunderbar bewältigt habe.
Es gab Tage, an denen selbst mir der Sport draußen  nicht wirklich leicht fiel und Tage, an denen ich hätte Berge besteigen können – im Schneckentempo. Aber eines war sowohl den guten, als auch den schlechten Tagen gemein: Sobald ich draußen war, ging es mir besser. Daher habe ich beschlossen kein Wort mehr über die Vergangenheit zu verlieren und euch weiterhin an den positiven Dingen teilnehmen zu lassen, an den Geschichten, die es wert sind sie zu erzählen. Eingestreut wird es im Rückblick sicher den einen oder anderen Moment geben, den ich auch heute noch wichtig finde mitzuteilen.

Gipfelgespräch International Mountain Summit, Brixen © Michaela Wiese

Eines steht fest, die Chemotherapie, all die traurigen Dinge, die sich ereignen können, Ängste und Nöte, welche Betroffene und ihre Familien ereilen, werden zu Hauf in Foren und Blogs besprochen und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Leider bekommen hierdurch die Menschen eben auch Angst. Furcht greift um sich und genau das möchte ich nicht. Es gibt nichts zu fürchten, denn all das was während der Therapie passiert, für eine die eine große Sache gut – zunächst für das eigene Überleben und schließlich für ein weiteres Leben mit den Menschen, die wir lieben und die uns lieben.

Mein letzter Post ist Monate her
Ich verspürte einfach keine Lust über die Krankheit zu schreiben. Wollte nicht in Konkurrenz mit Menschen treten, denen es ein riesiges Bedürfnis ist über ihr Leid zu sprechen. Vielmehr verspürte ich eine große Kraft in mir, Menschen mit Krebs zu helfen, so wie meine Kinder und meine Freunde mir halfen. All diese Menschen akzeptierten einfach meinen Tatendrang, mein: „Ich muss jetzt raus, ich muss mich spüren, ich muss spüren, dass ich noch Kraft habe.“ Zuzusehen, wie ein Mensch, der immer nur so vor Energie und Kraft strotzte, langsam aber sicher, trotz der regelmäßigen Outdoor-Aktivitäten, immer langsamer wurde. Früh zu Bett ging und morgens am liebsten liegen geblieben wäre, ist nicht leicht. Zu akzeptieren, dass dieser Mensch alles weiterhin selbst machen möchte, sich nicht helfen lassen, um die Normalität im Leben nicht zu verlieren, ist nicht einfach. Dafür möchte und muss ich an dieser Stellen all meinen Lieben danken.

„Kaum ziehe ich meine Bergklamotten an, fühle ich mich wie Batwomen, stark und bereit alles leisten zu können.“ Petra Thaller © Michaela Wiese

In den Monaten der Chemotherapie habe ich den Grundstein für mein viertes Baby gelegt
Outdoor against Cancer (OAC)– unter dem Motto #stayfitgethealthy haben wir es uns zum Ziel gesetzt, Krebskranken Menschen und ihren Familien zu helfen. Sei es mit speziell ausgearbeiteten Touren in den Bergen, einem eigenen OaC-Dorf, wir wollen beratend zur Seite stehen und dafür sorgen, dass die wichtige Normalität aus dem Leben nicht verschwindet.

Mein ganz persönliches Engagement startet klein
Ab Mitte November werde ich zunächst ein Mal pro Woche mit Patientinnen des Brustzentrums der LMU München rausgehen, um mit ihnen die Magie des Outdoor-Trainings zu teilen. Eineinhalb Stunden draußen trainieren. Im Focus stehen dabei sanfte Bewegungen um die Leistungsfähigkeit zu erhalten, Kraft und Ausdauer aufzubauen, den Kopf frei bekommen. Diese Stunden sollen dazu dienen den Patientinnen zu zeigen, dass Outdoor-Aktivitäten während der Chemotherapie und natürlich im Anschluss daran, ein wunderbarer Weg sind.

#stayfitgethealthy
Es geht nicht darum Höchstleistungen zu vollbringen, sondern darum fit zu bleiben und nach Möglichkeit zu gesunden.

Briefe an mich

Nach und nach werde ich Briefe von Freunden und bis dato Unbekannten auf meiner Seite veröffentlichen. Ohne Namensnennung und ohne persönlichen Bezug, um die Privatsphäre der Menschen zu wahren. Dies sind Worte für alle, die mit einer ähnlichen Situation umgehen müssen, Worte die das Gefühl des sich alleine Fühlens vielleicht ein wenig erträglicher Briefe an mich

Briefe an mich (c) iPhone Petra Thaller

Ich beantworte jede Nachricht so gut ich kann. Wenn ich also die Ihre oder deine noch nicht beantwortet habe, werde ich dies sicher noch tun. Und Danke an alle, die mir schreiben.  Das gibt Kraft und Mut diesen Weg intensive weiterzugehen.
Liebe Petra,
nachdem ich lange nicht auf Facebook unterwegs war, hab ich erst kürzlich mitbekommen, was dich für ein Sch … Schicksal ereilt hat. Das tut mir echt sehr, sehr leid! :-(. Ich bin mir aber sicher – nachdem was ich jetzt alles auf deiner Seite gelesen hab – du schaffst das und du bist sicher stärker als dieses blöde Tier – wär doch gelacht!
 
Warum schreib ich dir diese Zeilen? Deine Geschichte nimmt mich gerade ziemlich mit – meine Mama ist letztes Jahr an Hautkrebs operiert worden – nach der OP war die Prognose seitens Ärzten sehr gut. Dieses Jahr im März war sie zweimal wg. OP eines Lymphons im Krankenhaus und bekommt jetzt auch Chemo. Nachdem meine Mama aber seit zig Jahren alles andere als gesund gelebt hat (starke Raucherin, keine Bewegung – aber immerhin viel Schlaf ) verkraftet sie die Chemo natürlich nicht so gut – und sie zieht sich noch mehr zurück in ihr Schneckenhaus. Alle Bemühungen sie da raus zu bekommen oder sie zu bewegen, dass sie endlich das Rauchen aufhört scheitern kläglich in verletzenden Kommentaren. Ich sag ja nie, dass man Hochleistungssport machen muss – aber nur einfach eine Stunde spazieren gehen – das wäre ja schon echt grandios.
 

Als ich deine Geschichte gelesen hab, war eigentlich mein erster Gedanke: „Könnte nicht meine Mama nur einen winzigen Teil deiner lebensbejahenden Energie haben? – Oder, wie verdammt noch mal, kann man sie dazubringen sich endlich mal was Gutes zu tun?“ Es ist wirklich schlimm und ich leide so sehr darunter, weil ich es einfach nicht verstehen kann, dass man sich mit Gewalt selber kaputt machen will … Wenn ich dann deine Geschichte dazu lesen, denk ich mir immer: Wie geil ist das denn? – Genauso und nicht anders!

Mach weiter so – bleib stark – und lass dich nicht unterkriegen! Never!

 
So jetzt reichts – sonst muss ich gleich wieder weinen, wenn ich weiter schreibe!
 
Herzliche Grüße und pass auf auf dich, ja!
Es ist schön, wenn man sich verlassen kann. Es ist nicht so, dass uns die Kinder auffangen sollen. Aber, so oft ist es so, dass sie es tun, ohne es zu wissen. (c) iPhone Sara Thaller, years ago.

„Wenn’s läuft, dann läuft’s“, könnte ich gerade mein Leben beschreiben. Alles positiv. Positive Gespräche, positive Termine, gute Arbeit, viel Freude. Der eine oder andere Querschläger, der immer mal wieder daherkommt, detoniert nicht bei mir. Den Fangen meine Freunde für mich ab und schlagen zurück. Weil ich eines in solch kurzer Zeit nun endlich gelernt habe: Ich muss um Hilfe bitten. Es gibt Dinge, die ich nicht kann, von denen ich keine Ahnung habe. Ich werde doch noch ein kluges Mädchen, so eines, wie ich immer sein wollte. Klug, erfolgreich, beliebt, lustig und anderen Halt gebend. So und nicht anders möchte ich sein. Ich arbeite daran und dieser neue Freund ist mein Lehrmeister.

Es ist schön, wenn man sich verlassen kann. Es ist nicht so, dass uns die Kinder auffangen sollen. Aber, so oft ist es so, dass sie es tun, ohne es zu wissen. (c) iPhone Sara Thaller, years ago.

Es ist schön, wenn man sich verlassen kann. Es ist nicht so, dass uns die Kinder auffangen sollen. Aber, oft tun sie dies, ohne es zu wissen. (c) iPhone Sara Thaller. Diese Aufnahme liegt Jahre zurück.

Der schwarze Donnerstag
Eigentlich war er nicht schwarz, nur meine Psyche war es an diesem Tag. Und zwar exakt ab 15.00 Uhr, als ich die Praxis des Port-Chirurgen im Olympiazentrum betrat. Die Leute dort waren nett, der Doc auch, er hat mir alles erklärt, wie das Einsetzen des Ports funktioniert und was schief laufen kann. Ein vertrauenswürdiger Kerl. Aber die Beschreibung, wie diese OP von Statten geht und wie dann der Schlauch … mir lief plötzlich ein eisiger Schauer über den Rücken. Ich gebe mich souverän und vereinbare einen Termin für den 24. Februar. Ich will dieses Ding da nicht in meinem Körper haben, bei mir sträubt sich alles.

Und da sind sie wieder, die leisen Tränen. Diese leisen Dinger, die mir aus den Augen rinnen und deren Fluss ich nicht stoppen kann. Ich beschließe spontan meinem Onkologen einen Besuch abzustatten. Ich habe den Arztbrief von Prof. Harbeck im Gepäck. Sie schlägt eine Studie vor und ein weiteres Medikament, das in USA bereits zugelassen ist, bei uns noch nicht.
Die Tränen laufen weiter. Ein echt schwarzer Donnerstag. Bis dahin dachte ich, ich bekomme 4 Gaben Chemo alle drei Wochen, dann die Brust-OP und dann nochmal 12 Gaben wöchentlich. Jetzt erfahre ich, dass ich da wohl was falsch verstanden habe. Erst die gesamte Chemo und dann die OP im September.
Ich frage noch, wann ich die Haare verlieren werden. „Exakt 14 Tage nach der ersten Chemo.“, lautet die Antwort.
Ob wir gleich einen Termin vereinbaren wollen, werde ich gefragt. Und mir wird mitgeteilt, dass ich noch einen Herzultraschall benötige. Man zeigt mir das Zimmer, in welchem die Chemotherapie stattfinden wird. Die Tränen laufen einfach weiter. Seit nunmehr 30 Minuten. So ein Mist. Der Raum ist wie im Film, diese komischen Sitzbetten, zwei nebeneinander, der Blick aus dem Fenster: trist. Ikeakissen sollen eine wohnliche Atmosphäre suggerieren. Da will ich nicht hin.
An diesem Tag will ich einfach nichts. Auch nicht den Herzultraschall, der natürlich gut ist, wie sollte es bei meinem Herzen auch anders sein. Ich kann nicht aus den Augen sehen. Aber niemand spricht mich darauf an. Auf meine Tränen. Ich sehe aus wie ein Heulmonster, obwohl ich das überhaupt nicht bin. Ich bin kein Jammerlappen, kein Heulmädchen.

Meine Tochter Sara ruft mich an, wir müssen noch Foodshoppen gehen. Das ist die Rettung, mein Mädchen, sie möchte Essen kaufen gehen. Das tun wir auch und mit dem Telefonat versiegen die Tränen und Kraft durchströmt meinen Körper und meine Seele. Ich bin erschöpft vom Nichtstun. Wir kochen, um 20.00 Uhr gehe ins Bett und schlafe den komischen Tag einfach weg.

Jeder Tag ist einzigartig
So viel steht fest, jeder Tag beginnt von neuem. Das Grau des vergangenen ist einfach weg. Freitag der 13. ist für mich immer ein Glückstag, seitdem ich in der achten Klasse meine einzige Eins in Mathe an einem Freitag dem 13. geschrieben habe. Heute, wieder an einem Freitag den 13. ist Genetik-Tag. Sara kommt mit, es ist ein gutes Gefühl, dass die Tochter mit dabei ist und mithören kann, dass alles nicht so schlimm aussieht. Die Genetikerin ist die Frau meines geliebten Gynäkologen, der, der den Sohn auf die Welt gebracht hat.
Sie ist einmalig, das war zu erwarten. Ich verstehe endlich worum es geht und erfahre, dass ich wahrscheinlich ohnehin nicht dieses wirklich gefährliche Gen in mir trage. Das würde mich so sehr freuen für meine Kinder und für mich. Wir sprechen über die Eierstöcke, die im Falle des Falles dann auch noch rausmüssen. Und über die Faszination der Genetik.
Mein Gegenüber kommt ins Schwärmen. Ich fühle mich gut aufgehoben.

Sara und ich gehen shoppen, Geburtstagshoppen für Sara und zwei meiner Freundinnen. Ein hübsch normales Leben, danach zu Dean & David Salat zum Lunch besorgen und zurück nach Hause an den Schreibtisch. Ich bin superproduktiv. Wirklich. Meine Arbeit bereitet mir Freude. Ich bin motiviert und auch richtig gut in allem, was ich zur Zeit tue. Feiern gehört seit den Weihnachtsferien wieder zu meinem Alltag – wie sehr hatte ich dieses Gefühl vermisst.

Klinikum Maistraße München
Frauenklinik Maistrasse Campus Innenstadt LMU München

Frauenklinik Maistrasse Campus Innenstadt LMU München

Über Prof. Dr. Kurt Hecher und Dr. Maike Manz habe ich den Kontakt zu Professor Dr. Nadja Harbeck von der Universitätsklinik München, sie ist eine Koryphäe in Sachen Brustkrebs. Der Termin ist erst in fünf Tagen, nun, sei es drum, auf diese fünf Tage kommt es ja wohl nicht an.

Ich gehe in die Geduldsschule, und wie. So wie ich mir das vorstelle, läuft das in meiner neuen Welt einfach nicht. Krebs heute, Heilung morgen, vergiss es einfach. Geduld ist meine ganz persönliche Challenge, mein Lernpotential auf dieser abenteuerlichen Reise. Ich arbeite – viel, gerne, liebe meinen Job, mein Beruf ist Berufung und so konzentriere ich mich die nächsten Tage drauf.

Zeit zwischen den Terminen
Mir ist meine Stringenz ein wenig abhanden gekommen. Manchmal komme ich mir vor als wäre mein Gehirn durchlässig, durchlöchert, nicht mehr ganz. Also setze ich mich hin und schreibe mir alles auf, was ich tun muss, um den Laden am Laufen zu halten. Gute Idee, Petra, das funktioniert gut. Und so lebe ich die nächsten Tage einfach normal, ist ja auch ein ganz normales Leben, ich gehe Laufen, treffe Freunde – mehr als zuvor. Dieser Krebs hat also auch was Gutes.

Alles läuft in den richtigen Bahnen
Es ist Montag. Erst ein Geschäftstermin, der läuft perfekt und stimmt mich positiv, dann der Termin in der Uniklinik. Ich frage mich zum Vorzimmer von Prof. Harbeck durch. Ich mag die Klinik nicht wirklich. Hier umfängt mich das Gefühl von Krankheit. Eine Mutter trägt ihr winzig kleines Baby durch den Gang – es hängt am Tropf. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Ich sehe traurige Gesichter in alten Gemäuern und wie beim Amt muss ich für die Anmeldung eine Nummer ziehen. 42 blinkt auf, ich betrete den kleinen Anmelderaum und erschrecke. Vor mit sitzt eine junge Frau, schmal. Sie trägt ihre Bluse ein wenig zu offenherzig. Kein BH, dafür starre ich auf ihren Brustkorb, als hätte sie kein Gesicht und erblicke ein Tattoo. An das Motiv kann ich mich nicht erinnern, aber an dieses blaue Tattoo auf der durchscheinenden weißen Haut. Langsam wandern meine Augen zu ihrem Gesicht. Auch durchscheinend. Sie trägt ein beiges Kopftuch auf beiger Haut. Okey, so möchte ich das auf keinem Fall. Ich fühle mich provoziert, mir kommt vor als schreie sie mir ins Gesicht, ich habe Krebs und du sollst das auch sehen. Mir wird schlecht. Nein das will ich nicht, ich will so nicht aussehen und ich möchte auch nicht, dass anderen Menschen bei meinem Anblick schlecht wird. Sicher nicht.

Prof. Harbeck ist echt in Ordnung, eine auf dem Boden gebliebene Professorin, die mir Mut macht.  Sie bestätigt die Therapieabfolge, die mir nun bevorsteht.
Ich muss keine Angst haben, dass ich nicht weiter arbeiten kann. Genau das wollte ich hören! Meine Haare werde ich verlieren, aber da gibt es ja hübsche Lösungen und sie kommen wieder.

Es ist schon skurril. Da beschäftige ich mich mit meinen Haaren und habe Krebs. Aber so bin ich eben. Ich bin stark und darauf bin ich auch stolz. Ich stelle Fragen, bekomme Antworten und kann mir so ein Bild von meiner Situation machen und die sieht nicht so schlecht aus. 

Hier geht es zum Brustzentrum der LMU München.

(c) Sorin Morar & Thomas Straub. Das Foto ist entstanden bei unserem ersten Shooting.

(c) Sorin Morar & Thomas Straub. Das Foto ist entstanden bei unserem ersten Shooting.

Ich lerne täglich dazu. Neue Begriffe wie Sentinel gehören ebenso dazu, wie Geduld. Meine ganz schwache Seite. Ich bin ungeduldig und will schnelle Lösungen. Nicht tagelang rumeiern und warten was passiert. Klare Worte, damit kann ich gut umgehen.

In der Stadt gibt es ein Mammazentrum, dort sollen die Besten der Besten urteilen über meine Befunde. Gynäkologen, Onkologen, Plastische Chirurgen werden in mein Leben einziehen und es hoffentlich wieder auf die Gerade schieben. Ich helfe mit – ohne wenn und aber. Das fällt, wie man sich denken kann, nicht immer ganz leicht. Mir ist die Sprache nicht vertraut, sind die Begrifflichkeiten fremd.

Zum ersten Mal schlage ich im Mamma-Zentrum auf. Eine seltsame Atmosphäre umfängt mich. Ein wahrhaft altes Pärchen unterhält sich im anderen Wartezimmer. Die Frau hat Krebs. Ich schließe die Türe zu meinem kleinen Warteraum und telefoniere. Ich möchte mit dem Krebs der anderen nichts zu tun haben. Auch nicht mit deren Leiden. Ich will das alles nicht hören. Ich brauche gesunde, starke Menschen um mich herum. Keine Kranken, die sich nicht mehr auskennen und mit dunklen Gesichtern durchs Leben gehen. Ich will die Geschichten der anderen nicht hören. Das interessiert mich nicht. Ich möchte kein Wehklagen in meinem Umfeld. Ich bin klar. Glasklar und mit jeder weiteren Minute des Wartens auf den Satz: „Frau Thaller, kommen Sie mit.“, weiß ich, dass es jetzt ernst ist.

Ein weiterer Ultraschall.
Machen Sie sich bitte obenrum frei. Ich schmunzle. Wie oft habe ich diesen Satz in den vergangenen Tagen gehört? Frauenarzt, Mammographie, Röntgen, Mammazentrum. Vier Mal in fünf Tagen. Arme hoch, die Brüste werden abgetastet. Dann folgt der Ultraschall. Dieser Doc sieht mehr, mehr Tumore. „Sie brauchen ein MRT, damit wir mehr Klarheit bekommen, wo die Burschen genau sitzen, das brauchen wir für die OP, ist aber kostenpflichtig.“ „Wir vereinbaren für Sie dort einen Termin, nächste Woche.“

Warten, wieder muss ich warten und bin alleine mit diesem Befund. „Die Hormonrezeptoren kommen am Freitag, dann wissen wir mehr.“ Wiedervorstellung nach dem MRT. Wiederschaun und alles Gute. … Mir reicht’s. Was soll ich jetzt mit der Diagnose. Ach ja, damit ich es nicht vergesse. Die Brust muss ab und zwar ganz. Das erfahre ich mit einem Lächeln bei der Verabschiedung. Dieser Doc hat auch Krebs, das weiß ich, woher ist egal.  Was ich aber auch weiß ist, dass er im Umgang mit Menschen in meiner Situation völlig ungeeignet ist. Der Typ Egomane, mit dem niemand etwas zu tun haben möchte.

Willkommen in der Realität
Wow, ich bekomme keine Luft mehr. Was ist, wenn der Bursche noch wo anders sitzt. Ich war doch gerade auf Expedition und bin fit. Fühle mich gut. Mich schmerzt meine Brust. Die Biopsie lässt grüßen. „Nun, liebe Petra“, spreche ich mit mir selbst,  das kriegst du hin und wirst wie Phönix aus der Asche steigen. Genau. Hoffentlich sind die Ergebnisse der Hormonrezeptoren, ein neues Wort in meinem Wortschatz, hoffentlich sind diese positiv, dass ich keine Chemo brauche. Was ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht weiß, ist der Umstand, dass es wiederum andere Indikatoren gibt, die selbst bei positiven Östrogen- und Progesteron-Rezeptoren, eine Chemo erfordern. Na ja, alles weiß man eben nicht sofort, kann ich hier nur anfügen. Sei es drum. Ich hoffe diese Dinger sind positiv und ich kann meine langen Haare behalten, muss nicht spucken und mich schlapp fühlen.

Die Zeit des Wartens ist die schlimmste, Ergebnisse zu haben, das allerbeste was einem passieren kann, denn nur dann weiß man was zu tun ist, oder eben auch nicht. 

Ich mache jetzt einen kleinen Zeitsprung Richtung Zukunft – einen kleinen Ausflug ins Thema Sport und Leben. 

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(c) Andreas Ried, iPhone-Selfie, Titel: Wer feiern kann, kann auch auf Skitour gehen oder das Wochenende der Lädierten

Ich bin wieder einmal mit meinem Freund Andi unterwegs. Er ist in den vergangenen Jahren zum Vertrauten geworden, zum Bergfreund noch dazu. Vor fünf Wochen hatte er beim Skifahren einen unglücklichen Sturz und dieser hat Bänder im Knie in Unruhe versetzt. Was genau – bitte verzeih Andi, dass ich mir das nicht gemerkt habe – weiß ich nicht. In jedem Falle konnte dieser bewegungswilde Zeitgenosse keinen Sport machen. Fünf lange Wochen. Gepaart mit einer Grippe waren das fatale fünf Wochen.

Wehe sie lassen ihn raus. Dann kann man mit diesem wunderbaren Freund eine Menge Spaß haben. Er ist zuvorkommend, lustig, laut und manchmal leise. Erzählt liebend gerne, weiß eine Menge und ist ein wahrhaft guter Zuhörer. Zur Zeit beschäftigt ihn wieder einmal die liebe Weiblichkeit.

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(c) Andreas Ried iPhone- Selfie

Mein Thema ist für mich an solchen Tagen zwar da, aber nicht vordergründig und als Andi mir anbietet sich auch eine Glatze rasieren zu lassen und mich frägt, ob wir nicht ein gemeinsames Projekt für Frauen mit einer Krebserkrankung auf die Beine stellen wollen, freue ich mich riesig. Mein Leben nimmt durch den Krebs eine unvorhersehbare Richtung an.

Der Böse Bube bringt mein Leben auf Vordermann. Dass ich abends schon wieder auf einem Fest bin (in meinen Bergklamotten unter schicker Gesellschaft) und dort eine der wohl faszinierendsten Frauen kennen lernen darf, macht den Tag zu einem runden Erlebnis.

Die Kinder? Wie sage ich es den Kindern? Sage ich es Ihnen überhaupt? Mit welchen Worten? Es ist alles nebulös. Wie werden sie es aufnehmen? Die Phase der Unsicherheiten ist kurz.

(c) Sorin Morar & Thomas Straub. Das Fotos entstand während des ersten Fotoshootings für meinen Blog.
(c) Sorin Morar & Thomas Straub. Das Fotos entstand während des ersten Fotoshootings für meinen Blog.
Ich besuche eine zuverlässige, jahrelange Freundin Andrea, sie liest den Befund. Andrea ist Heilpraktikerin, eine von den vernünftigen und guten. Verteufelt die klassische Medizin nicht. Im Gegenteil. Alles zu seiner Zeit. In meiner neuen Zeit gibt es keine Alternativen. Ich bin sauer. Worauf? Keine Ahnung. Auf dem Weg in mein altes Zuhause telefoniere ich mit meinem Jürgen, dem Vater unserer Kinder. Er wird es Joshua unserem Sohn mitteilen, ich unserer Tochter Sara. Sara sieht mich mit großen Augen an und weint. Ich halte sie im Arm und das große Mädchen weint. Die Nachricht schockiert andere Menschen mehr als mich. Meine Kinder allen voran. Joshua bekommt nachts Fieber. Eine Scheißsituation. Wie immer im Leben greife ich zur Alltäglichkeit, zur Normalität.

Jetzt bloß nicht den Kopf verlieren und ihn vor allem nicht in den Sand stecken. Aufstehen und stark sein für mich und meine Familie. Raus in den Sturm – die Flügel halten, so viel ist sicher.

Die ersten Tage
Ich kann schlafen. Weniger lange als vorher, aber ich schlafe. Gut so, das ist wichtig. Nachts wache ich auf, dann ist Gespensterzeit. Sie setzen sich auf meine Bettkante und ärgern mich so lange, bis ich mich entschließe aufzustehen und etwas Sinnvolles zu machen. Spülmaschine ausräumen, Waschmaschine bestücken. Emails checken. Tee trinken. Auf meinem iPad einen Film ansehen. Gegen Morgen schlafe ich wieder ein. Ein gutes Ritual. So lerne jeden Tag mein neues Zuhause ein wenig besser kennen. Es wird mir vertraut. Ich kann damit umgehen. Wobei: Ich bin ja erst im Einzugsstadium. Noch ist nichts passiert. Keine finale Diagnose. Das soll in den kommenden Tagen geschehen.

Der neue Freund ist angeblich nicht der böseste aller bösen Buben. Er ist gut abgegrenzt ein G1 Tumor,  „Glück gehabt, denke ich bei mir“ und blicke nach vorne.

(c) Sorin Morar & Thomas Straub

Termin in zwei Tagen. Und dann beginnt der Irrsinn. Ultraschall, Mammographie – die Ärztin will erst noch die Vergleichsbilder von vor sechs Jahren ansehen. Ich bleibe hart. Ich will es jetzt wissen, ich brauche für mich diese Biopsie. Wieder einmal möchte ich mit dem Kopf durch die Wand. In diesem Falle ist es die einzig richtige Entscheidung.

(c) Sorin Morar, Thomas Straub.

Zwei Tage später blicke ich in die Augen eines wirklich coolen jungen Arztes. Amnesie, Ausziehen, Ultraschall. So kann man das auf den Punkt bringen. Der Blick in seine Augen verrät nichts Gutes. Ich höre mich fragen, ob ich operiert werden muss, fragen, noch bevor der Typ überhaupt Gel auf meine deformierte Brust packt. Ja, höre ich und ich weiß, dass er die Wahrheit sagt. Danach eine Stanzbiopsie. Scheiße, das ist nicht angenehm – fünf Mal. Dann darf ich mir die rosa-weißen Würmchen in einem gläsernen Becher anschauen. Mit einem Druckverband werde ich entlassen. Am nächsten Tag ist das Ergebnis da – 16.00 Uhr.

Die erste Diagnose
Kurz nach 16.00 Uhr läutet mein Mobiltelefon, ich bin in der Röntgenklinik und warte auf das Ergebnis. Ich kann mich nur an einen Satz erinnern: „Frau Thaller, das geht in die falsche Richtung. Mich hat soeben die Klinik angerufen, es ist ein Mammakarzinom.“ So schnell kann es also gehen. Es geht in die falsche Richtung und das war’s.

Wie auf Knopfdruck zieht sich alles in mir zusammen. Zurückblickend wusste ich es ja bereits, instinktiv. Sportler kennen ihren Körper und sie sind Kämpfer. Müdigkeit wird ignoriert, Unlust auf Sport übergangen und der Umstand auf die vergangenen Jahre geschoben und die viele Arbeit. Es ist ganz einfach. Doch jetzt ist eben alles anders. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, die Handgelenke schmerzen und Tränen fließen leise. Ganz leise. Kein Schreien, kein Toben. Es sind stille Tränen und ein Gefühl des Vakuums macht sich breit.

Mit wem möchte ich jetzt sprechen? Muss ich mich überhaupt mitteilen? Für mich ist klar: ja, ich muss. Ich möchte darüber sprechen. Mein Gefühl in diesem Moment? Ich realisiere es nicht. Es fühlt sich an wie … heiraten, ja oder ausziehen von zu Hause, aufwachen in einem neuen zu Hause.

Ja, das ist es. Ich lebe ab sofort in einem neuen Zuhause. Ich finde die Lichtschalter noch nicht automatisch und im Dunklen fällt mir die Orientierung schwer. Linkisch tapse ich mich durch die ersten Stunden.

Es sind harmonische Feiertage bei uns im Haus. Ich werde meinen geschätzten Gastgeberpflichten mehr als gerecht und bin dabei voll in meinem Element. Kochen, Freunde bewirten, ein wenig arbeiten. Den Rest des vergangenen Jahres sowohl geschäftlich, als auch privat in Ordnung bringen.

(c) Petra Thaller iPhone, Vegetarische Quiche, Brustkrebs-Patientinnen sollten die Sojawürstchen weglassen, warum, können Sie nachlesen. Hier geht’s zu meinem Rezept. Brustkrebs-Patientinnen sollten die Sojawürstchen weglassen, warum, können Sie HIER nachlesen.

 

(c) Petra Thaller, iPhone Hier im Glas: Dinkelmehlboden (Bisquitteig), Zitronenquarkjoghurt Mischung nach eigenen Geschmack sowie Blaubeeren – extraordinär gut. Mit Honig nach Geschmack gesüßt.

So kenne ich mich seit langer Zeit nicht mehr. Plötzlich gestalten sich in meinem Kopf Pläne. Das ganze Leben fühlt sich erstmals wieder so richtig an. Rund und richtig. Mir scheint, als habe ich viel Zeit wie nie zuvor. Gemeinsam mit den erwachsenen Kindern erlebe ich gute Ferien. Skifahren, Essen, Lachen, Sport. Die Arbeit? Ja, aber nicht so vordergründig wie all die Jahre zuvor.

Schon gleich nach meiner Expedition haben mir Freunde bestätigt, ich sei weiblicher, weicher und irgendwie schön, warum auch immer. Meinem Leben fehlt in diesen Tagen nichts. Ein wenig Chaos vielleicht, an das hatte ich mich gewöhnt.

Die Sache mit der Vernunft
Eines Morgens stehe ich im Bad und betrachte mich ganz ausführlich, wo bin ich richtig, wo vielleicht auch perfekt und wo haben sich im Laufe der Jahre Dinge nicht ganz so schön entwickelt. Ich liebe meinen Hintern und mein Gesicht empfinde ich als schön. Eigentlich schon immer. Ich mag mich. Bleiben eigentlich nur der nicht ganz perfekte Bauch und die Brust. Die rechte vor allem. Die linke ist immer noch prima. Aber die rechte bereitet mir Sorge. Sie sieht komisch aus und das vermeintliche Hämatom wird auch nicht kleiner. Die Brustwarze zieht sich nach innen und ist sehr empfindlich. Warten oder doch sofort zum Doc.

Die Entscheidung fällt auf Doc – nicht zuletzt weil Tochter und zwei Freundinnen darauf drängen.