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THE NEW LOOK © Sorin Morar

Das hatte ich mir so gedacht und die ersten Tage gelang dies auch sehr gut. Laufen gehen, Fotoshooting mit Sorin Morar und Thomas Straub an einem Tag, Fotoshooting mit Sorin Morar bei mir Zuhause an einem anderen. Die Haare müssen ab, bevor ich sie verliere – und dann …

© Sorin Morar und Thomas Straub

Darf ich vorstellen: Olga. © Sorin Morar und Thomas Straub

Es ist ein lustiges Shooting mit Sorin und Thomas, irgendwie finden sich hier drei Menschen, die es wirklich gut miteinander können. Die beiden Fotografen sind mir sehr nahe, ich kann mich fallen lassen und meinen Gefühlen, meinen Emotionen freien Lauf lassen, offen, ohne Angst verletzt zu werden.  Bekannte Gefühle, jene, die Erinnerungen aus wach werden lassen, als ich als junge Frau mein Geld mit Moderationen verschiedener TV-Formate und beim Film verdiente. Kamerascheu bin ich also nicht geworden, das beruhigt. Dafür musste ich mit Schrecken feststellen, dass das Gesicht, wenn es ehrlich und ausdrucksstark abgelichtet wird, alt und ja, auch ein wenig müde wirkt. Aber irgendwie auch … schön. Ehrlich.

Am liebsten habe ich dieses Bild oben – Sorin’s Arm mit Olga, jener Errungenschaft, nach der ich lange gesucht habe, die ich unbedingt haben musste und nicht ein Mal getragen habe. Sie ist nicht ehrlich, passt nicht zu mir. Mit ihr komme ich mir vor wie eine Schaufensterpuppe. Instinktiv wusste ich das zu diesem Zeitpunkt schon. Später hat sich dies bestätigt. Olga gehört zwischenzeitlich einer jungen Frau, die hoffentlich glücklich mit ihr ist.

Ein seltsames Gefühl

Tag drei nach der ersten Chemotherapie macht sich in meinem Körper ein seltsames Gefühl breit, undefinierbar, seltsam. Das Kortison hält mich nachts wach und tagsüber fühle ich mich ein wenig schlapp. Also, gehe ich laufen, was sonst, laufen macht den Kopf frei und ich fühle mich danach jedes Mal glücklich und stark. Doch irgendwie mag dieses dumme Gefühl nicht schwinden. Es ist nicht greifbar. Nun so hangle ich mich durch die Tage, arbeite, mache Sport und organisiere meinen ‚Glatzentag‘.

„De wachn ja wieda“, © Selfi Andreas Ried

Mein Bergfreund Andi ist solidarisch und lässt sich auch eine Glatze rasieren – am gleichen Tag – und grinst … „de wachsn ja wieda“, typisch Andi, danke dir an dieser Stelle für deinen trockenen Humor!

Hairday: Oder wie die Friseurin verzweifelt

Nun ist er also da, der gefürchtete Tag, der Tag, an dem ich meine Haarpracht nun gegen Glatze tausche – bewusst mit die Haare abschneiden lasse, bevor sie mir büschelweise in wenigen Tagen ausgehen werden. Keine vorübergehende Kurzhaarfrisur, sondern einen Radikalschnitt – denn: „De wachen ja wieda“.

Bilder sind in diesem Falle sicher besser als Worte, daher gibt es nun Einblicke in die Prozedur des Haarschneidens – ungeschminkt und es gab keine Träne, außer die der lieben Friseurin. Meine Tochter Sara war mit dabei, ein kleines Familienfest der anderen Art.

Bilder sagen mehr als Worte

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

Der erste Cut ist getan, alle sind erleichtert. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Sieht ja gar nicht so schlecht aus, wenn die Haarpracht runter ist. © Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

Wir nähern uns an, Kurzhaarschnitt so viel weiß ich jetzt schon, kommt nicht in Frage 😉 © Sorin Morar

© Sorin Morar

Danke an die Tochter, dass sie diesem ‚Spaß‘ mitgemacht hat. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Not my style. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Schräg. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Viel Gesicht. © Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

Final cut. © Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

Ich sag nur Olga. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Olga … immer wieder Olga © Sorin Morar

© Sorin Morar

Fremdkörper © Sorin Morar

© Sorin Morar

Geschafft … die Frage ist, wer war hier mehr erleichtert :-). © Sorin Morar

© Sorin Morar

Stilleben mit Haaren © Sorin Morar

© Sorin Morar

Na also, darf ich vorstellen, THE NEW LOOK © Sorin Morar

Sieht man es mir an? Ich bin froh, dass dieser Schritt getan ist. Froh, dass ich diesen Schritt weiter bin, denn jeder Tag ist ein Tag, der mich dem Ziel: Erfolgreiches Ende der Chemotherapie, näher bringt. Und ich habe einen Vorsatz, auch wenn es nicht immer ganz leicht fällt: Lebe dein leben, nimm es in die Hand, dann geht diese Zeit auch schnell vorüber.

Briefe an mich

Es ist schön zu lesen, dass Menschen ehrlichen Anteil an Geschichten haben, auch wenn sie nicht vom Elend einer Krankheit handeln, sondern von den positiven Seiten. Wenn sie mit einem Schmunzeln erzählt werden, anstatt mit dem bitteren Beigeschmack des Leids. Darüber freue ich mich persönlich am meisten. Denn schließlich findet das Leben in der Gegenwart statt.

Briefe an mich

Briefe an mich

Einen schönen guten Morgen wünsche ich dir liebe Petra,
ich kenne dich leider nicht persönlich, was aber keinen Unterschied macht Anteil an deiner Geschichte zu haben und mich zu freuen wenn du wieder in der Natur warst und schöne Dinge erlebst.
Ich wünsche dir alles Gute für die kommende Zeit und ich finde du siehst auch ohne Haare wunderschön aus und finde es toll wie du damit umgehst.
Ich schicke dir positive ENERGIE und vielleicht gibt es einmal gelegenheit sich persönlich zu begegnen.

Bis bald ganz liebe Grüße

Briefe an mich

Das ist heute mein ganz persönlicher Brief. Denn heute bin ich wieder dran mit der nächsten Chemo – dieses Mal im Wochenrhythmus – 12 Wochen lang ist Mittwoch mein Chemo-Tag und dann ist’s vorbei. Also ganz lieben Dank für diese Zeilen, sie sind heute mein Mutmacher des Tages!

Briefe an mich (c) iPhone Petra Thaller

Briefe an mich (c) iPhone Petra Thaller

Liebe Petra,

jetzt muss ich dir doch schreiben, aber ich ziehe nicht die Öffentlichkeit vor. Ich finde es grandios, wie du das alles von der Seele schreibst.
Ich lese jede Zeile und warte auf die nächste und überlege mir, wie es mir wohl erginge  … Und mir würde es nicht so ergehen – ich hätte Angst und Zweifel und wahrscheinlich auch Panik.

Deine Worte geben mir, als noch gesunden Menschen, Mut und Hoffung und geben mir jetzt schon Kraft, falls mal etwas Unerwartetes eintritt.
Ich beschäftige mich viel mit Sterben und Tod, aber mittlerweile bestimmt nicht mehr voller Angst und Sorge. Deshalb habe ich die Ausbildung zum Kinderhospizhelfer gemacht und warte aber  ängstlich und gleichermaßen auch neugierig auf meinen ersten „Einsatz“. Deine Worte helfen mir dabei.

Danke, ich würde dich jetzt sehr gerne in den Arm nehmen!

Ganz liebe Grüße

Briefe an mich

Nach und nach werde ich Briefe von Freunden und bis dato Unbekannten auf meiner Seite veröffentlichen. Ohne Namensnennung und ohne persönlichen Bezug, um die Privatsphäre der Menschen zu wahren. Dies sind Worte für alle, die mit einer ähnlichen Situation umgehen müssen, Worte die das Gefühl des sich alleine Fühlens vielleicht ein wenig erträglicher Briefe an mich

Briefe an mich (c) iPhone Petra Thaller

Ich beantworte jede Nachricht so gut ich kann. Wenn ich also die Ihre oder deine noch nicht beantwortet habe, werde ich dies sicher noch tun. Und Danke an alle, die mir schreiben.  Das gibt Kraft und Mut diesen Weg intensive weiterzugehen.
Liebe Petra,
nachdem ich lange nicht auf Facebook unterwegs war, hab ich erst kürzlich mitbekommen, was dich für ein Sch … Schicksal ereilt hat. Das tut mir echt sehr, sehr leid! :-(. Ich bin mir aber sicher – nachdem was ich jetzt alles auf deiner Seite gelesen hab – du schaffst das und du bist sicher stärker als dieses blöde Tier – wär doch gelacht!
 
Warum schreib ich dir diese Zeilen? Deine Geschichte nimmt mich gerade ziemlich mit – meine Mama ist letztes Jahr an Hautkrebs operiert worden – nach der OP war die Prognose seitens Ärzten sehr gut. Dieses Jahr im März war sie zweimal wg. OP eines Lymphons im Krankenhaus und bekommt jetzt auch Chemo. Nachdem meine Mama aber seit zig Jahren alles andere als gesund gelebt hat (starke Raucherin, keine Bewegung – aber immerhin viel Schlaf ) verkraftet sie die Chemo natürlich nicht so gut – und sie zieht sich noch mehr zurück in ihr Schneckenhaus. Alle Bemühungen sie da raus zu bekommen oder sie zu bewegen, dass sie endlich das Rauchen aufhört scheitern kläglich in verletzenden Kommentaren. Ich sag ja nie, dass man Hochleistungssport machen muss – aber nur einfach eine Stunde spazieren gehen – das wäre ja schon echt grandios.
 

Als ich deine Geschichte gelesen hab, war eigentlich mein erster Gedanke: „Könnte nicht meine Mama nur einen winzigen Teil deiner lebensbejahenden Energie haben? – Oder, wie verdammt noch mal, kann man sie dazubringen sich endlich mal was Gutes zu tun?“ Es ist wirklich schlimm und ich leide so sehr darunter, weil ich es einfach nicht verstehen kann, dass man sich mit Gewalt selber kaputt machen will … Wenn ich dann deine Geschichte dazu lesen, denk ich mir immer: Wie geil ist das denn? – Genauso und nicht anders!

Mach weiter so – bleib stark – und lass dich nicht unterkriegen! Never!

 
So jetzt reichts – sonst muss ich gleich wieder weinen, wenn ich weiter schreibe!
 
Herzliche Grüße und pass auf auf dich, ja!

„Ja Leute, ich bin wieder da. Wie es war? Prima. Ich habe Hunger und zwar richtig.“ Zum Dinner gibt es zwei Scheiben Brot, eine Margarine und drei Scheiben Käse sowie zwei winzig kleine Käseecken. Kein Gemüse, keine Gurkenscheibe. Nicht einmal Wasser stellen sie einem hin.

(c) Sorin Morar

(c) Sorin Morar.

 

Verrückt. Ich verspüre solch eine intensive Lust nach Salat, dass ich mich entschließe die nette Aufwachschwester zu fragen, ob ich kurz raus darf an die frische Luft.
Nicht in meinem sexy hinternfreien Nachthemd, sondern standesgemäß im lässigen OnePiece mit Uggs und Daunenjacke. Was sonst. Sie starrt mich mit ihren riesigen braunen Augen an und kann nicht nein sagen.
Bingo. Ich darf raus, nach nur sechs Stunden. Vorsichtshalber bekomme ich noch einen Einweghandschuh über den Zugang an der Hand, damit kein Schmutz reinkommt. Dann bin ich weg.  Den Drainagebeutel verstecke ich unterm Anorak, schließlich möchte ich die Leute nicht erschrecken. Ich atme tief ein, ja, genauso machen es Heldinnen. Sie machen das was sie möchten. „Brave Mädchen kommen in den Himmel …“, schießt es mir durch den Kopf, „ich komme überall hin!“

Was ich möchte. Keine Ahnung. Nur raus hier und was Frisches zu essen besorgen. Um die Ecke ist ein Italiener, dort gehe ich hin. Es ist anstrengender als gedacht, ich telefoniere mit meiner Freundin Michaela– eine wahrhaft echte Freundin, sie erklärt mich zwar für verrückt, begleitet mich aber am Telefon bis ins Lokal. Sie kennt mich. Ich muss aufhören und bestellen. Büffelmozzarella mit Ruccola und Tomate – yeah und Orangenlimonade. Welche ein Genuss. Mit meiner kulinarischen Beute kehre ich langsam zurück. Ich bin schlapp, aber glücklich und freue mich auf dieses wunderbare Essen.

Soap-Gespräche
Es ist wie in diesen Soaps, die ich mir, nach dem Kieferbruch von vor drei Jahren, nächtelang angesehen habe, um irgendwann in meinen süßen schmerzfreien Schlaf hinüberzudämmern. Wir sitzen im Zimmer: Maria, ihr Mann und ich. Trinken Crémant, ihr wisst schon, dieses Sprudelwasser aus der Champagnertraube, die aber nicht in der Champagne wächst und daher darf sich dieses Zeug auch nicht Champagner nennen. Ich bin wirklich verrückt, schmunzle ich in mich hinein. Aber das Leben findet nunmal jetzt statt. Also wir trinken Fake-Champagner und sprechen: übers Leben. Nicht über meine Krankheit.
Ich durfte ja bereits am Morgen vor meiner OP Marias Hintern betrachten– den Ort Nummer zwei des Geschehens. Dort haben Sie ihr links und rechts jeweils ein Stück herausgenommen und daraus eine wundervolle Brust modelliert. Und ganz ehrlich, sie ist wirklich gelungen. Die Originalform, sie sieht aus wie das Original. Nur vielleicht noch einen Ticken schöner. Maria zeigt mir Bilder von ihren Nacktaufnahmen vor der OP. Wirklich wundervoll ästhetische Nacktbilder einer „Durchschnittsfrau“. Kein Supermodel und keine Superstar. Einfach einer wunderschönen, sportlichen Frau. Maria hat sich viel mehr Gedanken über die OP gemacht als ich. Ist klar. Schließlich ist sie Trägerin des BRCA1-Gens. Dies bedeutet: Ein Lebenszeitrisiko an Brustkrebs zu erkranken von 80% bis 90 %, das Risiko an Eierstockkrebs zu erkranken beläuft sich auf 20% bis 30%. Maria ist die letzte überlebende Frau in Ihrer Familie und soll ich euch was sagen, mit Ihrer Entschlossenheit Entscheidungen in die richtige Richtung zu treffen, wird sie auch die erste Frau dieser Familie werden, die bis in hohe Alter den Männern den Kopf verdrehen darf.

Gut gemacht Maria! Ich bin stolz auf solche Frauen, Frauen die zu sich zum Leben, zu ihren Entscheidungen stehen. Und nicht zaudern, ihre angeborene Weiblichkeit gegen eine neue austauschen.

André Tappe für Thaller Media

(c) André Tappe für Thaller Media

… Von wegen. Zwei Aufzugfahrten später sitze ich wieder in meinem Zimmer. Notfall. Ich muss noch warten.

Endlich ist es so weit – oder die skurrile Atmosphäre vor der OP
Ich liege auf meinem OP-Bett und bekomme den Zugang für die Infusion gelegt. Kein leichter Akt für die Narkoseschwester. Bevor sie vergeblich im Arm nach einem leichten Zugang sucht, schlage ich ihr vor doch den Handrücken zu nehmen, bis dato hat das immer geklappt bei mir. Und ja, ich weiß, dass diese Stelle am Körper echt schmerzt, wenn die Nadel unter die Haut in die Ader geschoben wird. Aber, ich kann mich aber auch nur zu gut daran erinnern, wie sehr es schmerzte, als die letzte Narkoseschwester nicht fündig wurde und mir den Arm förmlich zerstochen hat, um dann doch den Zugang auf dem Handrücken zu legen. Dann doch lieber gleich so. Fuck. Das tut wirklich weh.

„Der OP muss noch geputzt werden, Frau Thaller. Wir sind gleich so weit.“
Ich liege also gefühlte Ewigkeiten da und warte, starre auf die Beleuchtung im Vorraum und warte. Betten werden vorbeigeschoben, die wartende Patientin neben mir abgeholt. Putzpersonal geht vorbei … ich warte. „Wissen Sie was, ich schiebe Sie jetzt gleich in den OP und wir machen die weiteren Vorbereitungen dort. Und sobald alles fertig ist, legen wir los.“ Nun gut. Stellt euch vor, ich liege also unter diesen OP-Leuchten und plaudere mit der Schwester. Währenddessen montiert sie zwei „Armausleger“ auf welchen meine Arme dann festgeschnallt werden. Ein Beruhigungsmittel hat bis dato meinen Körper noch nicht erreicht. Ich muss an etwas anderes denken. Ich drehe gleich durch. Ich stehe nicht auf Fesselspiele und schon gleich gar nicht im OP. Und ich frage mich, warum all dies Schwestern nicht aussehen, wie in den hübschen TV Serien aus den USA. Meine Güte, welch schaurige Gedanken habe ich. Als ob es nicht völlig egal ist, wie diese Damen aussehen, wo sie doch alle so freundlich sind.

Erleichterung in Sicht
Die Narkoseärztin. Endlich. Wegdämmern. Angst? Fehlanzeige. Sie spritzt mir ein Mittel, es fließt kühl in die Adern, wenige Atemzüge später bin ich weg. Und Augenblicke weiter, wache ich auf. An einem anderen Ort. Ich bin entspannt. Schlummere wieder weg und wache nochmals auf, als Plastischer Chirurg vor mir steht und mich frägt, ob er mich nach der Fallkonferenz am nächsten Donnerstag um 21.00 Uhr noch anrufen soll, oder lieber am darauffolgenden Tag. „Darauffolgender Tag.“, antworte ich und dann bin ich wieder weg. Sie sollen mich doch alle in Ruhe lassen, ich will jetzt schlafen und zwar so lange, bis ich wach bin. Was ich dann irgendwann bin.

Die Schwester im Aufwachraum
Die Unterhaltung mit der Krankenschwester ist klasse. Wir sprechen über mein Lieblingsthema, den Diagnostiker. Über den Plastischen Chirurgen, der mit die Brüste in einem halben Jahr neu modellieren soll. Über Chemotherapie, Haarverlust und all die Dinge, die nun anstehen. Ach ja und über meinen Friseur, dem ich in den nächsten Tagen den vorläufig letzten Besuch abstatten werden, um meine eigenen Haare nochmals so richtig aufpimpen zu lassen. Vier Tage später soll ich erfahren, dass sie bereits dort war und wiederum einen Tag danach treffe ich sie während der Nachkontrolle im Krankenhaus. Sie sieht toll aus und liebt meinen Friseur. Sein Verdienstausfall ist gerettet J.

Wenig später stehen wir gemeinsam am Fenster und genießen die frische, winterliche Abendluft. Die Schwester, der Blutbeutel und ich. 

Ich gehe offen, ja sogar offensiv mit dem Thema Krebs um. Für genau diesen Weg habe ich mich entschieden. Und mein Umfeld muss damit leben, mit dieser Offenheit.

(c) Sorin Morar

(c) Sorin Morar

Manche können es, manche nicht. Manche bewundern mich, was völlig unnötig ist. Manchen fangen an zu schweigen, aber die meisten Menschen um mich herum reagieren genial. Einfach genial, denken mit, recherchieren für mein Leben. Bieten ihre selbstlose Hilfe an, wenn ich diese benötige. Wirklich, diese Krankheit führt mir vor Augen, was ich doch für wunderbare Menschen kenne. Wie sehr ich mich auf meine Freunde und auch auf meine Geschäftspartner verlassen kann. Offenheit ist ein Geschenk und ich breche eine Lanze dafür. Wer nicht spricht, wird nichts erfahren.

Ich geh zu meinem Friseur, hole mir Rat. Die Haare lasse ich mir nicht abschneiden, das muss ich noch früh genug. Ach ja, mein Okologe hat mir ein Perückenrezept gegeben. Ich kann also jederzeit losziehen und Haare shoppen. Meine Freundinnen interessiert, ob ich mir verschiedene Perücken kaufe, schwarz, blond, braun, lang, kurz? Sicher nicht! Ich kaufe mir Haare wie meine, denn wissen darf es jeder, sehen aber nicht. Ein Petra-Gesetz – dachte ich :-).

Mein neues Zuhause
Es wird mir schnell vertraut, ich beginne mich in ihm wohl zu fühlen. Finde die Lichtschalter und kann mich im Dunklen schon sehr gut orientieren. Mein Leben in dieser neuen Umgebung ist ausgefüllt, fröhlich, schön, manchmal traurig. Angst gibt es nicht. Mut jedoch sehr viel. Glück gibt es auch und negative Energien müssen draußen bleiben. Freunde fühlen sich mit mir dort wohl, wir lachen viel und auch meine Familie kennt sich schon ganz gut aus. Sara fürchtet die nächsten Monate, sie ist verwandelt, ich glaube das letzte Stück Pubertät ist bei dem Umzug auf der Strecke geblieben. Sie übernimmt Verantwortung und Joshua ebenso. Er steht kurz vor dem Abi und konzentriert sich darauf. All dies fällt leicht, weil Angst bei nicht im Vordergrund steht, sondern glücklich sein, Leben, sich freuen, Erfolg ist auch dabei.

Ich schreibe meine Gedanken nieder, in kurzen Kapiteln und merke, wie sehr ich mich auf genau diese Zeit schon immer gefreut habe. Schreiben ist meine Berufung; Geschichten erzählen, mein Wunsch. Im Alltag vor dem Umzug habe ich dies hinten angestellt und 1.000 Ausreden gefunden, warum ich nicht schreibe. Warum ich „nur“ arbeite. Jetzt weiß ich warum: Ich hatte kein Thema.

Mir wurde der Krebs geschenkt, um darüber zu schreiben, um anderen Frauen, aber auch Männern Mut zu machen, Kraft zu geben, sich mit dem „Feind“ zu verbünden, um gestärkt weiterschreiten zu können. Für Verzweiflung, Hass und Angst steht hier kein Raum zur Verfügung.

Klinikum Maistraße München
Frauenklinik Maistrasse Campus Innenstadt LMU München

Frauenklinik Maistrasse Campus Innenstadt LMU München

Über Prof. Dr. Kurt Hecher und Dr. Maike Manz habe ich den Kontakt zu Professor Dr. Nadja Harbeck von der Universitätsklinik München, sie ist eine Koryphäe in Sachen Brustkrebs. Der Termin ist erst in fünf Tagen, nun, sei es drum, auf diese fünf Tage kommt es ja wohl nicht an.

Ich gehe in die Geduldsschule, und wie. So wie ich mir das vorstelle, läuft das in meiner neuen Welt einfach nicht. Krebs heute, Heilung morgen, vergiss es einfach. Geduld ist meine ganz persönliche Challenge, mein Lernpotential auf dieser abenteuerlichen Reise. Ich arbeite – viel, gerne, liebe meinen Job, mein Beruf ist Berufung und so konzentriere ich mich die nächsten Tage drauf.

Zeit zwischen den Terminen
Mir ist meine Stringenz ein wenig abhanden gekommen. Manchmal komme ich mir vor als wäre mein Gehirn durchlässig, durchlöchert, nicht mehr ganz. Also setze ich mich hin und schreibe mir alles auf, was ich tun muss, um den Laden am Laufen zu halten. Gute Idee, Petra, das funktioniert gut. Und so lebe ich die nächsten Tage einfach normal, ist ja auch ein ganz normales Leben, ich gehe Laufen, treffe Freunde – mehr als zuvor. Dieser Krebs hat also auch was Gutes.

Alles läuft in den richtigen Bahnen
Es ist Montag. Erst ein Geschäftstermin, der läuft perfekt und stimmt mich positiv, dann der Termin in der Uniklinik. Ich frage mich zum Vorzimmer von Prof. Harbeck durch. Ich mag die Klinik nicht wirklich. Hier umfängt mich das Gefühl von Krankheit. Eine Mutter trägt ihr winzig kleines Baby durch den Gang – es hängt am Tropf. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Ich sehe traurige Gesichter in alten Gemäuern und wie beim Amt muss ich für die Anmeldung eine Nummer ziehen. 42 blinkt auf, ich betrete den kleinen Anmelderaum und erschrecke. Vor mit sitzt eine junge Frau, schmal. Sie trägt ihre Bluse ein wenig zu offenherzig. Kein BH, dafür starre ich auf ihren Brustkorb, als hätte sie kein Gesicht und erblicke ein Tattoo. An das Motiv kann ich mich nicht erinnern, aber an dieses blaue Tattoo auf der durchscheinenden weißen Haut. Langsam wandern meine Augen zu ihrem Gesicht. Auch durchscheinend. Sie trägt ein beiges Kopftuch auf beiger Haut. Okey, so möchte ich das auf keinem Fall. Ich fühle mich provoziert, mir kommt vor als schreie sie mir ins Gesicht, ich habe Krebs und du sollst das auch sehen. Mir wird schlecht. Nein das will ich nicht, ich will so nicht aussehen und ich möchte auch nicht, dass anderen Menschen bei meinem Anblick schlecht wird. Sicher nicht.

Prof. Harbeck ist echt in Ordnung, eine auf dem Boden gebliebene Professorin, die mir Mut macht.  Sie bestätigt die Therapieabfolge, die mir nun bevorsteht.
Ich muss keine Angst haben, dass ich nicht weiter arbeiten kann. Genau das wollte ich hören! Meine Haare werde ich verlieren, aber da gibt es ja hübsche Lösungen und sie kommen wieder.

Es ist schon skurril. Da beschäftige ich mich mit meinen Haaren und habe Krebs. Aber so bin ich eben. Ich bin stark und darauf bin ich auch stolz. Ich stelle Fragen, bekomme Antworten und kann mir so ein Bild von meiner Situation machen und die sieht nicht so schlecht aus. 

Hier geht es zum Brustzentrum der LMU München.

Die Kinder? Wie sage ich es den Kindern? Sage ich es Ihnen überhaupt? Mit welchen Worten? Es ist alles nebulös. Wie werden sie es aufnehmen? Die Phase der Unsicherheiten ist kurz.

(c) Sorin Morar & Thomas Straub. Das Fotos entstand während des ersten Fotoshootings für meinen Blog.
(c) Sorin Morar & Thomas Straub. Das Fotos entstand während des ersten Fotoshootings für meinen Blog.
Ich besuche eine zuverlässige, jahrelange Freundin Andrea, sie liest den Befund. Andrea ist Heilpraktikerin, eine von den vernünftigen und guten. Verteufelt die klassische Medizin nicht. Im Gegenteil. Alles zu seiner Zeit. In meiner neuen Zeit gibt es keine Alternativen. Ich bin sauer. Worauf? Keine Ahnung. Auf dem Weg in mein altes Zuhause telefoniere ich mit meinem Jürgen, dem Vater unserer Kinder. Er wird es Joshua unserem Sohn mitteilen, ich unserer Tochter Sara. Sara sieht mich mit großen Augen an und weint. Ich halte sie im Arm und das große Mädchen weint. Die Nachricht schockiert andere Menschen mehr als mich. Meine Kinder allen voran. Joshua bekommt nachts Fieber. Eine Scheißsituation. Wie immer im Leben greife ich zur Alltäglichkeit, zur Normalität.

Jetzt bloß nicht den Kopf verlieren und ihn vor allem nicht in den Sand stecken. Aufstehen und stark sein für mich und meine Familie. Raus in den Sturm – die Flügel halten, so viel ist sicher.

Die ersten Tage
Ich kann schlafen. Weniger lange als vorher, aber ich schlafe. Gut so, das ist wichtig. Nachts wache ich auf, dann ist Gespensterzeit. Sie setzen sich auf meine Bettkante und ärgern mich so lange, bis ich mich entschließe aufzustehen und etwas Sinnvolles zu machen. Spülmaschine ausräumen, Waschmaschine bestücken. Emails checken. Tee trinken. Auf meinem iPad einen Film ansehen. Gegen Morgen schlafe ich wieder ein. Ein gutes Ritual. So lerne jeden Tag mein neues Zuhause ein wenig besser kennen. Es wird mir vertraut. Ich kann damit umgehen. Wobei: Ich bin ja erst im Einzugsstadium. Noch ist nichts passiert. Keine finale Diagnose. Das soll in den kommenden Tagen geschehen.

Der neue Freund ist angeblich nicht der böseste aller bösen Buben. Er ist gut abgegrenzt ein G1 Tumor,  „Glück gehabt, denke ich bei mir“ und blicke nach vorne.

(c) Sorin Morar & Thomas Straub

Termin in zwei Tagen. Und dann beginnt der Irrsinn. Ultraschall, Mammographie – die Ärztin will erst noch die Vergleichsbilder von vor sechs Jahren ansehen. Ich bleibe hart. Ich will es jetzt wissen, ich brauche für mich diese Biopsie. Wieder einmal möchte ich mit dem Kopf durch die Wand. In diesem Falle ist es die einzig richtige Entscheidung.

(c) Sorin Morar, Thomas Straub.

Zwei Tage später blicke ich in die Augen eines wirklich coolen jungen Arztes. Amnesie, Ausziehen, Ultraschall. So kann man das auf den Punkt bringen. Der Blick in seine Augen verrät nichts Gutes. Ich höre mich fragen, ob ich operiert werden muss, fragen, noch bevor der Typ überhaupt Gel auf meine deformierte Brust packt. Ja, höre ich und ich weiß, dass er die Wahrheit sagt. Danach eine Stanzbiopsie. Scheiße, das ist nicht angenehm – fünf Mal. Dann darf ich mir die rosa-weißen Würmchen in einem gläsernen Becher anschauen. Mit einem Druckverband werde ich entlassen. Am nächsten Tag ist das Ergebnis da – 16.00 Uhr.

Die erste Diagnose
Kurz nach 16.00 Uhr läutet mein Mobiltelefon, ich bin in der Röntgenklinik und warte auf das Ergebnis. Ich kann mich nur an einen Satz erinnern: „Frau Thaller, das geht in die falsche Richtung. Mich hat soeben die Klinik angerufen, es ist ein Mammakarzinom.“ So schnell kann es also gehen. Es geht in die falsche Richtung und das war’s.

Wie auf Knopfdruck zieht sich alles in mir zusammen. Zurückblickend wusste ich es ja bereits, instinktiv. Sportler kennen ihren Körper und sie sind Kämpfer. Müdigkeit wird ignoriert, Unlust auf Sport übergangen und der Umstand auf die vergangenen Jahre geschoben und die viele Arbeit. Es ist ganz einfach. Doch jetzt ist eben alles anders. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, die Handgelenke schmerzen und Tränen fließen leise. Ganz leise. Kein Schreien, kein Toben. Es sind stille Tränen und ein Gefühl des Vakuums macht sich breit.

Mit wem möchte ich jetzt sprechen? Muss ich mich überhaupt mitteilen? Für mich ist klar: ja, ich muss. Ich möchte darüber sprechen. Mein Gefühl in diesem Moment? Ich realisiere es nicht. Es fühlt sich an wie … heiraten, ja oder ausziehen von zu Hause, aufwachen in einem neuen zu Hause.

Ja, das ist es. Ich lebe ab sofort in einem neuen Zuhause. Ich finde die Lichtschalter noch nicht automatisch und im Dunklen fällt mir die Orientierung schwer. Linkisch tapse ich mich durch die ersten Stunden.