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Plötzlich Prinzessin …© Sorin Morar und Thomas Straub

Versetzt euch mal zurück in eure Kindheit:
Ja auch ihr Männer. Die meisten Mädchen waren Indianerin oder Indianer, Cowgirls oder Cowboys , manch eine wollte Pippi Langstrumpf sein und die Jungs waren neidisch, dass es kein wirkliches männliches Pendant dazu gab und ganz viele Prinzessin – Prinz wollte ohnehin keiner werden. Richtig? Nun was ist all diesen ‚Berufsgruppen‘ gemein … genau, sie sind stark. Indianerinnen und Indianer kennen keinen Schmerz, Cowgirls und -boys sind einfach nur cool und tragen eine Waffe, um alles was ihnen und ihren Freunden ans Leder will wegzuballern. Pippi Langstrumpf ist nach wie vor das Sinnbild eines wilden, ungestümen Mädchens, einfach anders als die anderen, klar manchmal auch traurig, aber im Großen und Ganzen so, wie viele Mädchen sein möchten. Ja und Prinzessinnen sind  schön, elegant, stolz, gepflegt, wenn sie hinfallen, auch wenn dies in der Öffentlichkeit geschieht – stehen sie auf, richten sich das Körnchen und gehen weiter ihren Prinzessinnen-Weg.

Wir haben also die Wahl, mir gefallen alle vier Persönlichkeiten sehr gut, wobei ich die Prinzessin allen vorziehe. Nicht weil sie reich und schön ist, sondern die sprichwörtliche Attitude des Hinfallens, Aufstehens, Kronerichtens und Weitergehens gefällt mir sehr gut. Es sagt dabei ja niemand, dass es immer leicht ist.

Ich hatte gestern so einen Prinzessinnentag.
Nichts Dramatisches, aber für einen Menschen, der aufgrund der Geschehnisse in der Vergangenheit ohnehin schon einen recht engen Zeitkorridor, in welchem er sein Arbeitsleben frei gestalten kann, wirklich einschneidend. Ich habe meine Bestrahlungstermine bekommen: Diese finden spätabends statt, dann, wenn ich mir in den vergangenen Monaten, recht diszipliniert, meine Kraft im Schlaf geholt habe.

Das ist ein Kronenereignis.
Da muss sofort der Verstand greifen: Kinder und alte Menschen kommen tagsüber dran, kräftige, starke Menschen – Indianer, Cowboys oder -girls, Prinzessionen und Prinzen sowie männliche und weibliche Pippilangstrumpfs eben nachts. Ganz ehrlich, ich freue mich darüber unter der letzteren Gruppe zu sein,  auch wenn mich die Tatsache gestern wirklich erzürnt hat, weil ich eben so gerne schlafe.

So nehme ich nun meinen medizinischen Terminplan, trage ihn ganz diszipliniert in meinen persönlichen Kalender ein, versuche heute noch zwei Modifikationen mit der Strahlentherapie hinzubekommen, um zwei wichtige Geschäftstermine nicht umlegen zu müssen und werde dann die sechs Wochen eben in einem anderen Rhythmus leben.

Ganz Prinzessin eben!

THE NEW LOOK © Sorin Morar

Das hatte ich mir so gedacht und die ersten Tage gelang dies auch sehr gut. Laufen gehen, Fotoshooting mit Sorin Morar und Thomas Straub an einem Tag, Fotoshooting mit Sorin Morar bei mir Zuhause an einem anderen. Die Haare müssen ab, bevor ich sie verliere – und dann …

© Sorin Morar und Thomas Straub

Darf ich vorstellen: Olga. © Sorin Morar und Thomas Straub

Es ist ein lustiges Shooting mit Sorin und Thomas, irgendwie finden sich hier drei Menschen, die es wirklich gut miteinander können. Die beiden Fotografen sind mir sehr nahe, ich kann mich fallen lassen und meinen Gefühlen, meinen Emotionen freien Lauf lassen, offen, ohne Angst verletzt zu werden.  Bekannte Gefühle, jene, die Erinnerungen aus wach werden lassen, als ich als junge Frau mein Geld mit Moderationen verschiedener TV-Formate und beim Film verdiente. Kamerascheu bin ich also nicht geworden, das beruhigt. Dafür musste ich mit Schrecken feststellen, dass das Gesicht, wenn es ehrlich und ausdrucksstark abgelichtet wird, alt und ja, auch ein wenig müde wirkt. Aber irgendwie auch … schön. Ehrlich.

Am liebsten habe ich dieses Bild oben – Sorin’s Arm mit Olga, jener Errungenschaft, nach der ich lange gesucht habe, die ich unbedingt haben musste und nicht ein Mal getragen habe. Sie ist nicht ehrlich, passt nicht zu mir. Mit ihr komme ich mir vor wie eine Schaufensterpuppe. Instinktiv wusste ich das zu diesem Zeitpunkt schon. Später hat sich dies bestätigt. Olga gehört zwischenzeitlich einer jungen Frau, die hoffentlich glücklich mit ihr ist.

Ein seltsames Gefühl

Tag drei nach der ersten Chemotherapie macht sich in meinem Körper ein seltsames Gefühl breit, undefinierbar, seltsam. Das Kortison hält mich nachts wach und tagsüber fühle ich mich ein wenig schlapp. Also, gehe ich laufen, was sonst, laufen macht den Kopf frei und ich fühle mich danach jedes Mal glücklich und stark. Doch irgendwie mag dieses dumme Gefühl nicht schwinden. Es ist nicht greifbar. Nun so hangle ich mich durch die Tage, arbeite, mache Sport und organisiere meinen ‚Glatzentag‘.

„De wachn ja wieda“, © Selfi Andreas Ried

Mein Bergfreund Andi ist solidarisch und lässt sich auch eine Glatze rasieren – am gleichen Tag – und grinst … „de wachsn ja wieda“, typisch Andi, danke dir an dieser Stelle für deinen trockenen Humor!

Hairday: Oder wie die Friseurin verzweifelt

Nun ist er also da, der gefürchtete Tag, der Tag, an dem ich meine Haarpracht nun gegen Glatze tausche – bewusst mit die Haare abschneiden lasse, bevor sie mir büschelweise in wenigen Tagen ausgehen werden. Keine vorübergehende Kurzhaarfrisur, sondern einen Radikalschnitt – denn: „De wachen ja wieda“.

Bilder sind in diesem Falle sicher besser als Worte, daher gibt es nun Einblicke in die Prozedur des Haarschneidens – ungeschminkt und es gab keine Träne, außer die der lieben Friseurin. Meine Tochter Sara war mit dabei, ein kleines Familienfest der anderen Art.

Bilder sagen mehr als Worte

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

Der erste Cut ist getan, alle sind erleichtert. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Sieht ja gar nicht so schlecht aus, wenn die Haarpracht runter ist. © Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

Wir nähern uns an, Kurzhaarschnitt so viel weiß ich jetzt schon, kommt nicht in Frage 😉 © Sorin Morar

© Sorin Morar

Danke an die Tochter, dass sie diesem ‚Spaß‘ mitgemacht hat. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Not my style. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Schräg. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Viel Gesicht. © Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

Final cut. © Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

Ich sag nur Olga. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Olga … immer wieder Olga © Sorin Morar

© Sorin Morar

Fremdkörper © Sorin Morar

© Sorin Morar

Geschafft … die Frage ist, wer war hier mehr erleichtert :-). © Sorin Morar

© Sorin Morar

Stilleben mit Haaren © Sorin Morar

© Sorin Morar

Na also, darf ich vorstellen, THE NEW LOOK © Sorin Morar

Sieht man es mir an? Ich bin froh, dass dieser Schritt getan ist. Froh, dass ich diesen Schritt weiter bin, denn jeder Tag ist ein Tag, der mich dem Ziel: Erfolgreiches Ende der Chemotherapie, näher bringt. Und ich habe einen Vorsatz, auch wenn es nicht immer ganz leicht fällt: Lebe dein leben, nimm es in die Hand, dann geht diese Zeit auch schnell vorüber.

Briefe an mich

Es ist schön zu lesen, dass Menschen ehrlichen Anteil an Geschichten haben, auch wenn sie nicht vom Elend einer Krankheit handeln, sondern von den positiven Seiten. Wenn sie mit einem Schmunzeln erzählt werden, anstatt mit dem bitteren Beigeschmack des Leids. Darüber freue ich mich persönlich am meisten. Denn schließlich findet das Leben in der Gegenwart statt.

Briefe an mich

Briefe an mich

Einen schönen guten Morgen wünsche ich dir liebe Petra,
ich kenne dich leider nicht persönlich, was aber keinen Unterschied macht Anteil an deiner Geschichte zu haben und mich zu freuen wenn du wieder in der Natur warst und schöne Dinge erlebst.
Ich wünsche dir alles Gute für die kommende Zeit und ich finde du siehst auch ohne Haare wunderschön aus und finde es toll wie du damit umgehst.
Ich schicke dir positive ENERGIE und vielleicht gibt es einmal gelegenheit sich persönlich zu begegnen.

Bis bald ganz liebe Grüße

So könnte ein leeres Gesicht aussehen. Nur das mit dem leidenden Ausdruck wollte ich nicht aufnehmen. (c) iPhone Petra Thaller

Wie ich wohl ohne Haare aussehe, ohne Augenbrauen und ohne Wimpern. Kurzerhand greife ich zur Schere – nicht um mir die Haare zu schneiden, nein, um mir ein Stück Leukoplast von der Rolle abzuschneiden und über meine Augenbrauen zu kleben.

So  könnte ein leeres Gesicht aussehen. Nur das mit dem leidenden Ausdruck wollte ich nicht aufnehmen. (c) iPhone Petra Thaller

So könnte ein leeres Gesicht aussehen. Nur das mit dem leidenden Ausdruck wollte ich nicht aufnehmen. (c) iPhone Petra Thaller

Dann setze ich mir eine Mütze auf, verstaue meine Haarpracht unter selbiger und pudere mir mein Gesicht hell, farblos, transparent. Ich trete vor den Spiegel und betrachte mich erschrocken – jetzt noch der theatralisch leidende Gesichtsausdruck und ich bin das perfekte Krebs-Gesicht – scarry. Sara erschrickt. „Du spinnst, warum machst du das?“ Und dann, dann möchte sie es ebenfalls probieren. Mitgehangen, mitgefangen. Es ist nicht leicht für eine junge Frau solch eine Mutter zu haben. Eine, die alles als eine Challenge annimmt und die immer versucht, das Gute in der Sache zu sehen.

Nicht einfach, wenn ich dann auch noch sage, was ich doch für ein Glück habe, Krebs zu haben. Dass ich diese Erfahrung machen darf und dadurch vielleicht anderen Menschen helfen kann. „Mama, du spinnst“, kommentiert Sara wiederum meine Gedanken.

Der Port vor der ersten Chemo
Wie ich die Vorstellung verabscheue, dass in meinen Körper dieses Ding eingesetzt wird. Ein Fremdkörper, der nun mein Leben weiterhin begleitet. Ich bin in einer Tagesklinik in der Sonnenstraße, es ist 12.00 Uhr mittags. Parkplatz: vor der Türe, was sonst.

Sie sind schon dran Frau Thaller, kommen Sie bitte mit. Dann wird mir wieder eines der superschönen, hinternfreien Nachthemden gereicht, eine äußerst attraktive Kopfbedeckung, wie die Duschhauben in manchen Hotels und Überzieher für die Füße. Los geht’s. Ich bekomme ein Bett zugewiesen, den Zugang gelegt und warte. Dann kommt mein Operateur wir sprechen über den Port und ich erinnere ihn an meine Bitte unseres Erstgespräches, er möge mir den Port so setzen, dass ich noch problemlos einen Rucksack tragen kann. Er schmuntzelt. Und schon bin ich dran. In dem kleinen OP-Raum werde ich Zeugin eines Steitgespräches zweier Schwestern und höre mich fragen: „Na, wie lange sind Sie denn schon hier Ladies?“ Dann dämmere ich weg.

Es ist vollbracht, denke ich mir, als ich langsam wieder in den Wachzustand zurückdämmere, zwei OPs habe ich nun hinter mir. Es ist vollbracht. Jetzt bin ich bereit um meinen neuen Mitbewohner loszuwerden. Es ist der 24. Februar 2015.

Briefe an mich

Das ist heute mein ganz persönlicher Brief. Denn heute bin ich wieder dran mit der nächsten Chemo – dieses Mal im Wochenrhythmus – 12 Wochen lang ist Mittwoch mein Chemo-Tag und dann ist’s vorbei. Also ganz lieben Dank für diese Zeilen, sie sind heute mein Mutmacher des Tages!

Briefe an mich (c) iPhone Petra Thaller

Briefe an mich (c) iPhone Petra Thaller

Liebe Petra,

jetzt muss ich dir doch schreiben, aber ich ziehe nicht die Öffentlichkeit vor. Ich finde es grandios, wie du das alles von der Seele schreibst.
Ich lese jede Zeile und warte auf die nächste und überlege mir, wie es mir wohl erginge  … Und mir würde es nicht so ergehen – ich hätte Angst und Zweifel und wahrscheinlich auch Panik.

Deine Worte geben mir, als noch gesunden Menschen, Mut und Hoffung und geben mir jetzt schon Kraft, falls mal etwas Unerwartetes eintritt.
Ich beschäftige mich viel mit Sterben und Tod, aber mittlerweile bestimmt nicht mehr voller Angst und Sorge. Deshalb habe ich die Ausbildung zum Kinderhospizhelfer gemacht und warte aber  ängstlich und gleichermaßen auch neugierig auf meinen ersten „Einsatz“. Deine Worte helfen mir dabei.

Danke, ich würde dich jetzt sehr gerne in den Arm nehmen!

Ganz liebe Grüße

Briefe an mich

Nach und nach werde ich Briefe von Freunden und bis dato Unbekannten auf meiner Seite veröffentlichen. Ohne Namensnennung und ohne persönlichen Bezug, um die Privatsphäre der Menschen zu wahren. Dies sind Worte für alle, die mit einer ähnlichen Situation umgehen müssen, Worte die das Gefühl des sich alleine Fühlens vielleicht ein wenig erträglicher Briefe an mich

Briefe an mich (c) iPhone Petra Thaller

Ich beantworte jede Nachricht so gut ich kann. Wenn ich also die Ihre oder deine noch nicht beantwortet habe, werde ich dies sicher noch tun. Und Danke an alle, die mir schreiben.  Das gibt Kraft und Mut diesen Weg intensive weiterzugehen.
Liebe Petra,
nachdem ich lange nicht auf Facebook unterwegs war, hab ich erst kürzlich mitbekommen, was dich für ein Sch … Schicksal ereilt hat. Das tut mir echt sehr, sehr leid! :-(. Ich bin mir aber sicher – nachdem was ich jetzt alles auf deiner Seite gelesen hab – du schaffst das und du bist sicher stärker als dieses blöde Tier – wär doch gelacht!
 
Warum schreib ich dir diese Zeilen? Deine Geschichte nimmt mich gerade ziemlich mit – meine Mama ist letztes Jahr an Hautkrebs operiert worden – nach der OP war die Prognose seitens Ärzten sehr gut. Dieses Jahr im März war sie zweimal wg. OP eines Lymphons im Krankenhaus und bekommt jetzt auch Chemo. Nachdem meine Mama aber seit zig Jahren alles andere als gesund gelebt hat (starke Raucherin, keine Bewegung – aber immerhin viel Schlaf ) verkraftet sie die Chemo natürlich nicht so gut – und sie zieht sich noch mehr zurück in ihr Schneckenhaus. Alle Bemühungen sie da raus zu bekommen oder sie zu bewegen, dass sie endlich das Rauchen aufhört scheitern kläglich in verletzenden Kommentaren. Ich sag ja nie, dass man Hochleistungssport machen muss – aber nur einfach eine Stunde spazieren gehen – das wäre ja schon echt grandios.
 

Als ich deine Geschichte gelesen hab, war eigentlich mein erster Gedanke: „Könnte nicht meine Mama nur einen winzigen Teil deiner lebensbejahenden Energie haben? – Oder, wie verdammt noch mal, kann man sie dazubringen sich endlich mal was Gutes zu tun?“ Es ist wirklich schlimm und ich leide so sehr darunter, weil ich es einfach nicht verstehen kann, dass man sich mit Gewalt selber kaputt machen will … Wenn ich dann deine Geschichte dazu lesen, denk ich mir immer: Wie geil ist das denn? – Genauso und nicht anders!

Mach weiter so – bleib stark – und lass dich nicht unterkriegen! Never!

 
So jetzt reichts – sonst muss ich gleich wieder weinen, wenn ich weiter schreibe!
 
Herzliche Grüße und pass auf auf dich, ja!
André Tappe für Thaller Media

(c) André Tappe für Thaller Media

… Von wegen. Zwei Aufzugfahrten später sitze ich wieder in meinem Zimmer. Notfall. Ich muss noch warten.

Endlich ist es so weit – oder die skurrile Atmosphäre vor der OP
Ich liege auf meinem OP-Bett und bekomme den Zugang für die Infusion gelegt. Kein leichter Akt für die Narkoseschwester. Bevor sie vergeblich im Arm nach einem leichten Zugang sucht, schlage ich ihr vor doch den Handrücken zu nehmen, bis dato hat das immer geklappt bei mir. Und ja, ich weiß, dass diese Stelle am Körper echt schmerzt, wenn die Nadel unter die Haut in die Ader geschoben wird. Aber, ich kann mich aber auch nur zu gut daran erinnern, wie sehr es schmerzte, als die letzte Narkoseschwester nicht fündig wurde und mir den Arm förmlich zerstochen hat, um dann doch den Zugang auf dem Handrücken zu legen. Dann doch lieber gleich so. Fuck. Das tut wirklich weh.

„Der OP muss noch geputzt werden, Frau Thaller. Wir sind gleich so weit.“
Ich liege also gefühlte Ewigkeiten da und warte, starre auf die Beleuchtung im Vorraum und warte. Betten werden vorbeigeschoben, die wartende Patientin neben mir abgeholt. Putzpersonal geht vorbei … ich warte. „Wissen Sie was, ich schiebe Sie jetzt gleich in den OP und wir machen die weiteren Vorbereitungen dort. Und sobald alles fertig ist, legen wir los.“ Nun gut. Stellt euch vor, ich liege also unter diesen OP-Leuchten und plaudere mit der Schwester. Währenddessen montiert sie zwei „Armausleger“ auf welchen meine Arme dann festgeschnallt werden. Ein Beruhigungsmittel hat bis dato meinen Körper noch nicht erreicht. Ich muss an etwas anderes denken. Ich drehe gleich durch. Ich stehe nicht auf Fesselspiele und schon gleich gar nicht im OP. Und ich frage mich, warum all dies Schwestern nicht aussehen, wie in den hübschen TV Serien aus den USA. Meine Güte, welch schaurige Gedanken habe ich. Als ob es nicht völlig egal ist, wie diese Damen aussehen, wo sie doch alle so freundlich sind.

Erleichterung in Sicht
Die Narkoseärztin. Endlich. Wegdämmern. Angst? Fehlanzeige. Sie spritzt mir ein Mittel, es fließt kühl in die Adern, wenige Atemzüge später bin ich weg. Und Augenblicke weiter, wache ich auf. An einem anderen Ort. Ich bin entspannt. Schlummere wieder weg und wache nochmals auf, als Plastischer Chirurg vor mir steht und mich frägt, ob er mich nach der Fallkonferenz am nächsten Donnerstag um 21.00 Uhr noch anrufen soll, oder lieber am darauffolgenden Tag. „Darauffolgender Tag.“, antworte ich und dann bin ich wieder weg. Sie sollen mich doch alle in Ruhe lassen, ich will jetzt schlafen und zwar so lange, bis ich wach bin. Was ich dann irgendwann bin.

Die Schwester im Aufwachraum
Die Unterhaltung mit der Krankenschwester ist klasse. Wir sprechen über mein Lieblingsthema, den Diagnostiker. Über den Plastischen Chirurgen, der mit die Brüste in einem halben Jahr neu modellieren soll. Über Chemotherapie, Haarverlust und all die Dinge, die nun anstehen. Ach ja und über meinen Friseur, dem ich in den nächsten Tagen den vorläufig letzten Besuch abstatten werden, um meine eigenen Haare nochmals so richtig aufpimpen zu lassen. Vier Tage später soll ich erfahren, dass sie bereits dort war und wiederum einen Tag danach treffe ich sie während der Nachkontrolle im Krankenhaus. Sie sieht toll aus und liebt meinen Friseur. Sein Verdienstausfall ist gerettet J.

Wenig später stehen wir gemeinsam am Fenster und genießen die frische, winterliche Abendluft. Die Schwester, der Blutbeutel und ich. 

Es ist schön, wenn man sich verlassen kann. Es ist nicht so, dass uns die Kinder auffangen sollen. Aber, so oft ist es so, dass sie es tun, ohne es zu wissen. (c) iPhone Sara Thaller, years ago.

„Wenn’s läuft, dann läuft’s“, könnte ich gerade mein Leben beschreiben. Alles positiv. Positive Gespräche, positive Termine, gute Arbeit, viel Freude. Der eine oder andere Querschläger, der immer mal wieder daherkommt, detoniert nicht bei mir. Den Fangen meine Freunde für mich ab und schlagen zurück. Weil ich eines in solch kurzer Zeit nun endlich gelernt habe: Ich muss um Hilfe bitten. Es gibt Dinge, die ich nicht kann, von denen ich keine Ahnung habe. Ich werde doch noch ein kluges Mädchen, so eines, wie ich immer sein wollte. Klug, erfolgreich, beliebt, lustig und anderen Halt gebend. So und nicht anders möchte ich sein. Ich arbeite daran und dieser neue Freund ist mein Lehrmeister.

Es ist schön, wenn man sich verlassen kann. Es ist nicht so, dass uns die Kinder auffangen sollen. Aber, so oft ist es so, dass sie es tun, ohne es zu wissen. (c) iPhone Sara Thaller, years ago.

Es ist schön, wenn man sich verlassen kann. Es ist nicht so, dass uns die Kinder auffangen sollen. Aber, oft tun sie dies, ohne es zu wissen. (c) iPhone Sara Thaller. Diese Aufnahme liegt Jahre zurück.

Der schwarze Donnerstag
Eigentlich war er nicht schwarz, nur meine Psyche war es an diesem Tag. Und zwar exakt ab 15.00 Uhr, als ich die Praxis des Port-Chirurgen im Olympiazentrum betrat. Die Leute dort waren nett, der Doc auch, er hat mir alles erklärt, wie das Einsetzen des Ports funktioniert und was schief laufen kann. Ein vertrauenswürdiger Kerl. Aber die Beschreibung, wie diese OP von Statten geht und wie dann der Schlauch … mir lief plötzlich ein eisiger Schauer über den Rücken. Ich gebe mich souverän und vereinbare einen Termin für den 24. Februar. Ich will dieses Ding da nicht in meinem Körper haben, bei mir sträubt sich alles.

Und da sind sie wieder, die leisen Tränen. Diese leisen Dinger, die mir aus den Augen rinnen und deren Fluss ich nicht stoppen kann. Ich beschließe spontan meinem Onkologen einen Besuch abzustatten. Ich habe den Arztbrief von Prof. Harbeck im Gepäck. Sie schlägt eine Studie vor und ein weiteres Medikament, das in USA bereits zugelassen ist, bei uns noch nicht.
Die Tränen laufen weiter. Ein echt schwarzer Donnerstag. Bis dahin dachte ich, ich bekomme 4 Gaben Chemo alle drei Wochen, dann die Brust-OP und dann nochmal 12 Gaben wöchentlich. Jetzt erfahre ich, dass ich da wohl was falsch verstanden habe. Erst die gesamte Chemo und dann die OP im September.
Ich frage noch, wann ich die Haare verlieren werden. „Exakt 14 Tage nach der ersten Chemo.“, lautet die Antwort.
Ob wir gleich einen Termin vereinbaren wollen, werde ich gefragt. Und mir wird mitgeteilt, dass ich noch einen Herzultraschall benötige. Man zeigt mir das Zimmer, in welchem die Chemotherapie stattfinden wird. Die Tränen laufen einfach weiter. Seit nunmehr 30 Minuten. So ein Mist. Der Raum ist wie im Film, diese komischen Sitzbetten, zwei nebeneinander, der Blick aus dem Fenster: trist. Ikeakissen sollen eine wohnliche Atmosphäre suggerieren. Da will ich nicht hin.
An diesem Tag will ich einfach nichts. Auch nicht den Herzultraschall, der natürlich gut ist, wie sollte es bei meinem Herzen auch anders sein. Ich kann nicht aus den Augen sehen. Aber niemand spricht mich darauf an. Auf meine Tränen. Ich sehe aus wie ein Heulmonster, obwohl ich das überhaupt nicht bin. Ich bin kein Jammerlappen, kein Heulmädchen.

Meine Tochter Sara ruft mich an, wir müssen noch Foodshoppen gehen. Das ist die Rettung, mein Mädchen, sie möchte Essen kaufen gehen. Das tun wir auch und mit dem Telefonat versiegen die Tränen und Kraft durchströmt meinen Körper und meine Seele. Ich bin erschöpft vom Nichtstun. Wir kochen, um 20.00 Uhr gehe ins Bett und schlafe den komischen Tag einfach weg.

Jeder Tag ist einzigartig
So viel steht fest, jeder Tag beginnt von neuem. Das Grau des vergangenen ist einfach weg. Freitag der 13. ist für mich immer ein Glückstag, seitdem ich in der achten Klasse meine einzige Eins in Mathe an einem Freitag dem 13. geschrieben habe. Heute, wieder an einem Freitag den 13. ist Genetik-Tag. Sara kommt mit, es ist ein gutes Gefühl, dass die Tochter mit dabei ist und mithören kann, dass alles nicht so schlimm aussieht. Die Genetikerin ist die Frau meines geliebten Gynäkologen, der, der den Sohn auf die Welt gebracht hat.
Sie ist einmalig, das war zu erwarten. Ich verstehe endlich worum es geht und erfahre, dass ich wahrscheinlich ohnehin nicht dieses wirklich gefährliche Gen in mir trage. Das würde mich so sehr freuen für meine Kinder und für mich. Wir sprechen über die Eierstöcke, die im Falle des Falles dann auch noch rausmüssen. Und über die Faszination der Genetik.
Mein Gegenüber kommt ins Schwärmen. Ich fühle mich gut aufgehoben.

Sara und ich gehen shoppen, Geburtstagshoppen für Sara und zwei meiner Freundinnen. Ein hübsch normales Leben, danach zu Dean & David Salat zum Lunch besorgen und zurück nach Hause an den Schreibtisch. Ich bin superproduktiv. Wirklich. Meine Arbeit bereitet mir Freude. Ich bin motiviert und auch richtig gut in allem, was ich zur Zeit tue. Feiern gehört seit den Weihnachtsferien wieder zu meinem Alltag – wie sehr hatte ich dieses Gefühl vermisst.

8.45 Uhr, ich stehe in der Praxis der Radiologie, vier Stunden soll ich für diesen Termin einplanen. Also habe ich alles eingepackt, was ich zum Leben tagsüber benötige. Mein iPad, mein iPhone und mein MacBook.

Manches Mal fehlt einfach der Durchblick, aber das wird besser, wenn man den ersten Schritt hinaus wagt und sich den Dingen stellt. (c) iPhone Petra Thaller

Manches Mal fehlt einfach der Durchblick, aber das wird besser, wenn man den ersten Schritt hinaus wagt und sich den Dingen stellt. (c) iPhone Petra Thaller

Auf die Frage nach einem WLan-Netz ernte ich ein müdes Lächeln und den schnippischen Satz der Empfangslady „Wir haben hier auch kein Internet für privat“. Kein Netz, schreien mich meine mobilen Geräte an. Kein Netz. Okay, dann eben nicht. Dann eben Gala, Vogue und Harpers Bazar.

Erst ist die Lunge dran, dann wird das Kontrastmittel gespritzt, dann Ultraschall der Leber und des Bauchraums. Bingo. Alles fein. Kein versteckter Scheißkerl. Das Kontrastmittel muss zweieinhalb Stunden einwirken, ich möge doch ins Café gehen und ordentlich frühstücken und viel trinken, mindestens einen Liter. Ich fahre an meinen Schreibtisch und arbeite, trinke Tee und frühstücke.
Kurz nach zwölf bin ich wieder vor Ort, eine Kamera durchleuchtet meinen gesamten Körper und wieder: Bingo, da ist nichts. Keine weiteren Tumore höre ich den Arzt sagen, die Knochensubstand sehr gut.

Happy Birthday Frau Thaller, ich könnte Schreien vor Glück. Meiner Familie und meinen Freunden teile ich mit, dass ich ab sofort am 10. Februar, exakt 20 Tage nach der Erstdiagnose, meinen zweiten Geburtstag feiere. Jawohl, es ist nur Brustkrebst. Wie genial ist das denn. Und wie schön es nun auch wirklich zu wissen.

Besucht beim Plastischen Chirurgen
Am gleichen Tag, eine Stunde später sitze ich in einer superschicken Praxis von Prof. Fansa, er ist plastischer Chirurg, spezialisiert auf die weibliche Mamma. Ein sympathischer Typ. Auf dem Fensterbrett liegen Brustimplantate verschiedener Größen. Aber so weit sind wir noch nicht, nicht am heutigen Tag. Er bespricht mit mir die Entnahme des Sentinel. Dann werden meine Brüste aus vier Perspektiven fotografiert, sofort ein Termin mit dem Anästhesisten vereinbar. Ich möge mich beeilen, dann kann das Blut noch gleich heute abgenommen werden und eingeschickt.
So sollte es dann auch sein. Parkplatz vor der Praxis in der Sonnenstraße gecheckt. Blut abgenommen, Lungenfunktion getestet, EKG, ein Arztgespräch, ein Anästhesiegespräch, die Ärztin ist gerade mal dreißig himmeljung und cool.

Für die erste OP ich bin also gut vorbereitet. Nach einem acht Stunden-Ärztetag sitze ich endlich am Schreibtisch. So richtig viel schaffe ich nicht, ich bin mit freuen beschäftigt und mit Geburtstag feiern. Ein cooler Tag in die absolut richtige Richtung. Da saß echt ein Meister am Drehbuch.

 

Ich gehe offen, ja sogar offensiv mit dem Thema Krebs um. Für genau diesen Weg habe ich mich entschieden. Und mein Umfeld muss damit leben, mit dieser Offenheit.

(c) Sorin Morar

(c) Sorin Morar

Manche können es, manche nicht. Manche bewundern mich, was völlig unnötig ist. Manchen fangen an zu schweigen, aber die meisten Menschen um mich herum reagieren genial. Einfach genial, denken mit, recherchieren für mein Leben. Bieten ihre selbstlose Hilfe an, wenn ich diese benötige. Wirklich, diese Krankheit führt mir vor Augen, was ich doch für wunderbare Menschen kenne. Wie sehr ich mich auf meine Freunde und auch auf meine Geschäftspartner verlassen kann. Offenheit ist ein Geschenk und ich breche eine Lanze dafür. Wer nicht spricht, wird nichts erfahren.

Ich geh zu meinem Friseur, hole mir Rat. Die Haare lasse ich mir nicht abschneiden, das muss ich noch früh genug. Ach ja, mein Okologe hat mir ein Perückenrezept gegeben. Ich kann also jederzeit losziehen und Haare shoppen. Meine Freundinnen interessiert, ob ich mir verschiedene Perücken kaufe, schwarz, blond, braun, lang, kurz? Sicher nicht! Ich kaufe mir Haare wie meine, denn wissen darf es jeder, sehen aber nicht. Ein Petra-Gesetz – dachte ich :-).

Mein neues Zuhause
Es wird mir schnell vertraut, ich beginne mich in ihm wohl zu fühlen. Finde die Lichtschalter und kann mich im Dunklen schon sehr gut orientieren. Mein Leben in dieser neuen Umgebung ist ausgefüllt, fröhlich, schön, manchmal traurig. Angst gibt es nicht. Mut jedoch sehr viel. Glück gibt es auch und negative Energien müssen draußen bleiben. Freunde fühlen sich mit mir dort wohl, wir lachen viel und auch meine Familie kennt sich schon ganz gut aus. Sara fürchtet die nächsten Monate, sie ist verwandelt, ich glaube das letzte Stück Pubertät ist bei dem Umzug auf der Strecke geblieben. Sie übernimmt Verantwortung und Joshua ebenso. Er steht kurz vor dem Abi und konzentriert sich darauf. All dies fällt leicht, weil Angst bei nicht im Vordergrund steht, sondern glücklich sein, Leben, sich freuen, Erfolg ist auch dabei.

Ich schreibe meine Gedanken nieder, in kurzen Kapiteln und merke, wie sehr ich mich auf genau diese Zeit schon immer gefreut habe. Schreiben ist meine Berufung; Geschichten erzählen, mein Wunsch. Im Alltag vor dem Umzug habe ich dies hinten angestellt und 1.000 Ausreden gefunden, warum ich nicht schreibe. Warum ich „nur“ arbeite. Jetzt weiß ich warum: Ich hatte kein Thema.

Mir wurde der Krebs geschenkt, um darüber zu schreiben, um anderen Frauen, aber auch Männern Mut zu machen, Kraft zu geben, sich mit dem „Feind“ zu verbünden, um gestärkt weiterschreiten zu können. Für Verzweiflung, Hass und Angst steht hier kein Raum zur Verfügung.