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Just realize!

Halong Bay Dezember 2016

Doha, 0.01 Uhr, ich warte auf meinen Cesar Salate und bin schon ein wenig beschwipst. Der Flug von Saigon hierher war lange und die Blockbuster ein Muss. An Schlafen war folglich nicht zu denken. Ich bin so neugierig. Will nichts verpassen. Hinter mir liegen acht Stunden Flug und ein ganzer Tag. Fotoshooting für Freunde von mir, Marktbesuch und Sightseeing. Eine eiskalte Nacht dank Klimaanlage.

Was habe ich doch für ein Leben. Voller Abwechslung, für Viele wäre das alles zu viel. Zu anstrengend, schließlich habe ich schon einige Jahre hinter mir, zwei Kinder erwachsen werden gesehen, unzählige schlaflose Nächte, durchwacht an deren Betten. Ängste, dass irgendetwas schief laufen könnte. Überflüssig! Ist es eben nicht. Zumindest nie so richtig.

Ich habe immer versucht das Optimum des Lebens auszuschöpfen, mich mit dem Lauf der Jahre verändert und entwickelt, sodass ich ganz bei mir bin – und glücklich.

Viele meiner Freunde fragen sich warum das so ist. Schließlich lag der eine oder andere Brocken mitten im Weg. Zuletzt mein lieber Freund Krebs. Für viele ein Schock, für mich schon beinahe Normalität. Ich bin schon eine komische Person – schießt es mir allenthalben durch meinen Kopf. Warum nur kann ich nicht so ticken wie die meisten Menschen. Ruhe geben, das Erreichte einfach hinnehmen und es damit auch gut sein lassen.

Nein, nicht ich. Ich muss immer weiter, Neuland finden. Neues entwickeln. Bloß nicht verharren. Mein Leben ist Bewegung – und Angst kommt darin nicht wirklich vor. Respekt ja und ein wenig Angst wieder einmal zu vertrauensselig zu sein. Darin bin ich groß. Ganz groß sogar. Wer etwas von mir möchte und es gut anstellt, bekommt es auch. Aber ich lerne zu differenzieren und dieses Jahr war wohl dann auch das letzte in der Serie von 55 in welchem mich die Menschen noch übervorteilen konnten. Damit ist jetzt Schluss. Definitiv.

Schluss mit: Nur wenn ich hübsch lieb bin und alles tu was andere von mir erwarten, werde ich geliebt.

Plötzlich Prinzessin …© Sorin Morar und Thomas Straub

Versetzt euch mal zurück in eure Kindheit:
Ja auch ihr Männer. Die meisten Mädchen waren Indianerin oder Indianer, Cowgirls oder Cowboys , manch eine wollte Pippi Langstrumpf sein und die Jungs waren neidisch, dass es kein wirkliches männliches Pendant dazu gab und ganz viele Prinzessin – Prinz wollte ohnehin keiner werden. Richtig? Nun was ist all diesen ‚Berufsgruppen‘ gemein … genau, sie sind stark. Indianerinnen und Indianer kennen keinen Schmerz, Cowgirls und -boys sind einfach nur cool und tragen eine Waffe, um alles was ihnen und ihren Freunden ans Leder will wegzuballern. Pippi Langstrumpf ist nach wie vor das Sinnbild eines wilden, ungestümen Mädchens, einfach anders als die anderen, klar manchmal auch traurig, aber im Großen und Ganzen so, wie viele Mädchen sein möchten. Ja und Prinzessinnen sind  schön, elegant, stolz, gepflegt, wenn sie hinfallen, auch wenn dies in der Öffentlichkeit geschieht – stehen sie auf, richten sich das Körnchen und gehen weiter ihren Prinzessinnen-Weg.

Wir haben also die Wahl, mir gefallen alle vier Persönlichkeiten sehr gut, wobei ich die Prinzessin allen vorziehe. Nicht weil sie reich und schön ist, sondern die sprichwörtliche Attitude des Hinfallens, Aufstehens, Kronerichtens und Weitergehens gefällt mir sehr gut. Es sagt dabei ja niemand, dass es immer leicht ist.

Ich hatte gestern so einen Prinzessinnentag.
Nichts Dramatisches, aber für einen Menschen, der aufgrund der Geschehnisse in der Vergangenheit ohnehin schon einen recht engen Zeitkorridor, in welchem er sein Arbeitsleben frei gestalten kann, wirklich einschneidend. Ich habe meine Bestrahlungstermine bekommen: Diese finden spätabends statt, dann, wenn ich mir in den vergangenen Monaten, recht diszipliniert, meine Kraft im Schlaf geholt habe.

Das ist ein Kronenereignis.
Da muss sofort der Verstand greifen: Kinder und alte Menschen kommen tagsüber dran, kräftige, starke Menschen – Indianer, Cowboys oder -girls, Prinzessionen und Prinzen sowie männliche und weibliche Pippilangstrumpfs eben nachts. Ganz ehrlich, ich freue mich darüber unter der letzteren Gruppe zu sein,  auch wenn mich die Tatsache gestern wirklich erzürnt hat, weil ich eben so gerne schlafe.

So nehme ich nun meinen medizinischen Terminplan, trage ihn ganz diszipliniert in meinen persönlichen Kalender ein, versuche heute noch zwei Modifikationen mit der Strahlentherapie hinzubekommen, um zwei wichtige Geschäftstermine nicht umlegen zu müssen und werde dann die sechs Wochen eben in einem anderen Rhythmus leben.

Ganz Prinzessin eben!

Ich möchte es mit meinem Lieblingszitat beginnen:
Ihr aber seht und sagt: Warum? Aber ich träume und sage: Warum nicht? G. B. Shaw

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Geh raus und lauf‘! © Sara Thaller

Es gibt immer mehrere Wege im Leben, ich beschreite immer jenen, den ich für mich für richtig und wichtig erachte. Niemals jenen, der vermeintlich einfach erscheint. Warum das so ist, weiß ich nicht. Es ist einfach so. Wenn andere sagen: Das geht nicht! Dann fühle ich mich geradezu angespornt es trotz aller Widrigkeiten zu versuchen. Ein gemütliches Leben ist nicht das meinige. Habe ich eine Vision, muss ich es zumindest versuchen, diese in die Tat umzusetzen. So verhält es sich auch mit Outdoor against Cancer.

Die Idee entstand auf einer meiner gemütlichen Skitouren während der Chemotherapie: Ich merkte wie Schritt für Schritt die Krankheit in den Hintergrund trat, Energie meinen durchaus geschwächten Körper durchströmte und meine Gedanken zu fliegen begannen … Wann kann ich wieder auf Expedition gehen? Wenn ich jetzt weiter trainiere, muss ich nicht von vorne anfangen! Ich muss das Kortison, das es sich langsam aber sicher  in Form von unschönen Pölsterchen an an Hüfte und Bauch gemütlich machte, wieder loswerden. Schritt für Schritt lösten sich auch diese Gedanken auf und ich erstarkte.

Egal was ich draußen unternahm, es war immer der gleiche Prozess … abschalten, Gedanken fliegen lassen, stark werden, den Kopf frei bekommen, Normalität – ein wunderbares Lebensgefühl.

Ich möchte damit nicht sagen, dass es immer leicht war, den Fuß vor die Türe zu setzen, aber es war immer großartig. Jeder Augenblick draußen. Egal, ob beim Laufen an der Isar, beim Rennradfahren, auf kleinen Bergtouren, beim Kraft- und Ausdauertraining  in meinem geliebten Outdoor-Fitnessstudio am Entenweiher in München. (Standorte der Studios in eurer Nähe findet ihr unter 4F Circles.)

Jede große Idee beginnt im Kleinen und so folge ich nach und nach dem Motto: Beginnen gibt Stärke. Vollenden gibt Kraft. 

Es war ein langer Weg, voller Höhen und Tiefen, die ich wunderbar bewältigt habe.
Es gab Tage, an denen selbst mir der Sport draußen  nicht wirklich leicht fiel und Tage, an denen ich hätte Berge besteigen können – im Schneckentempo. Aber eines war sowohl den guten, als auch den schlechten Tagen gemein: Sobald ich draußen war, ging es mir besser. Daher habe ich beschlossen kein Wort mehr über die Vergangenheit zu verlieren und euch weiterhin an den positiven Dingen teilnehmen zu lassen, an den Geschichten, die es wert sind sie zu erzählen. Eingestreut wird es im Rückblick sicher den einen oder anderen Moment geben, den ich auch heute noch wichtig finde mitzuteilen.

Gipfelgespräch International Mountain Summit, Brixen © Michaela Wiese

Eines steht fest, die Chemotherapie, all die traurigen Dinge, die sich ereignen können, Ängste und Nöte, welche Betroffene und ihre Familien ereilen, werden zu Hauf in Foren und Blogs besprochen und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Leider bekommen hierdurch die Menschen eben auch Angst. Furcht greift um sich und genau das möchte ich nicht. Es gibt nichts zu fürchten, denn all das was während der Therapie passiert, für eine die eine große Sache gut – zunächst für das eigene Überleben und schließlich für ein weiteres Leben mit den Menschen, die wir lieben und die uns lieben.

Mein letzter Post ist Monate her
Ich verspürte einfach keine Lust über die Krankheit zu schreiben. Wollte nicht in Konkurrenz mit Menschen treten, denen es ein riesiges Bedürfnis ist über ihr Leid zu sprechen. Vielmehr verspürte ich eine große Kraft in mir, Menschen mit Krebs zu helfen, so wie meine Kinder und meine Freunde mir halfen. All diese Menschen akzeptierten einfach meinen Tatendrang, mein: „Ich muss jetzt raus, ich muss mich spüren, ich muss spüren, dass ich noch Kraft habe.“ Zuzusehen, wie ein Mensch, der immer nur so vor Energie und Kraft strotzte, langsam aber sicher, trotz der regelmäßigen Outdoor-Aktivitäten, immer langsamer wurde. Früh zu Bett ging und morgens am liebsten liegen geblieben wäre, ist nicht leicht. Zu akzeptieren, dass dieser Mensch alles weiterhin selbst machen möchte, sich nicht helfen lassen, um die Normalität im Leben nicht zu verlieren, ist nicht einfach. Dafür möchte und muss ich an dieser Stellen all meinen Lieben danken.

„Kaum ziehe ich meine Bergklamotten an, fühle ich mich wie Batwomen, stark und bereit alles leisten zu können.“ Petra Thaller © Michaela Wiese

In den Monaten der Chemotherapie habe ich den Grundstein für mein viertes Baby gelegt
Outdoor against Cancer (OAC)– unter dem Motto #stayfitgethealthy haben wir es uns zum Ziel gesetzt, Krebskranken Menschen und ihren Familien zu helfen. Sei es mit speziell ausgearbeiteten Touren in den Bergen, einem eigenen OaC-Dorf, wir wollen beratend zur Seite stehen und dafür sorgen, dass die wichtige Normalität aus dem Leben nicht verschwindet.

Mein ganz persönliches Engagement startet klein
Ab Mitte November werde ich zunächst ein Mal pro Woche mit Patientinnen des Brustzentrums der LMU München rausgehen, um mit ihnen die Magie des Outdoor-Trainings zu teilen. Eineinhalb Stunden draußen trainieren. Im Focus stehen dabei sanfte Bewegungen um die Leistungsfähigkeit zu erhalten, Kraft und Ausdauer aufzubauen, den Kopf frei bekommen. Diese Stunden sollen dazu dienen den Patientinnen zu zeigen, dass Outdoor-Aktivitäten während der Chemotherapie und natürlich im Anschluss daran, ein wunderbarer Weg sind.

#stayfitgethealthy
Es geht nicht darum Höchstleistungen zu vollbringen, sondern darum fit zu bleiben und nach Möglichkeit zu gesunden.

THE NEW LOOK © Sorin Morar

Das hatte ich mir so gedacht und die ersten Tage gelang dies auch sehr gut. Laufen gehen, Fotoshooting mit Sorin Morar und Thomas Straub an einem Tag, Fotoshooting mit Sorin Morar bei mir Zuhause an einem anderen. Die Haare müssen ab, bevor ich sie verliere – und dann …

© Sorin Morar und Thomas Straub

Darf ich vorstellen: Olga. © Sorin Morar und Thomas Straub

Es ist ein lustiges Shooting mit Sorin und Thomas, irgendwie finden sich hier drei Menschen, die es wirklich gut miteinander können. Die beiden Fotografen sind mir sehr nahe, ich kann mich fallen lassen und meinen Gefühlen, meinen Emotionen freien Lauf lassen, offen, ohne Angst verletzt zu werden.  Bekannte Gefühle, jene, die Erinnerungen aus wach werden lassen, als ich als junge Frau mein Geld mit Moderationen verschiedener TV-Formate und beim Film verdiente. Kamerascheu bin ich also nicht geworden, das beruhigt. Dafür musste ich mit Schrecken feststellen, dass das Gesicht, wenn es ehrlich und ausdrucksstark abgelichtet wird, alt und ja, auch ein wenig müde wirkt. Aber irgendwie auch … schön. Ehrlich.

Am liebsten habe ich dieses Bild oben – Sorin’s Arm mit Olga, jener Errungenschaft, nach der ich lange gesucht habe, die ich unbedingt haben musste und nicht ein Mal getragen habe. Sie ist nicht ehrlich, passt nicht zu mir. Mit ihr komme ich mir vor wie eine Schaufensterpuppe. Instinktiv wusste ich das zu diesem Zeitpunkt schon. Später hat sich dies bestätigt. Olga gehört zwischenzeitlich einer jungen Frau, die hoffentlich glücklich mit ihr ist.

Ein seltsames Gefühl

Tag drei nach der ersten Chemotherapie macht sich in meinem Körper ein seltsames Gefühl breit, undefinierbar, seltsam. Das Kortison hält mich nachts wach und tagsüber fühle ich mich ein wenig schlapp. Also, gehe ich laufen, was sonst, laufen macht den Kopf frei und ich fühle mich danach jedes Mal glücklich und stark. Doch irgendwie mag dieses dumme Gefühl nicht schwinden. Es ist nicht greifbar. Nun so hangle ich mich durch die Tage, arbeite, mache Sport und organisiere meinen ‚Glatzentag‘.

„De wachn ja wieda“, © Selfi Andreas Ried

Mein Bergfreund Andi ist solidarisch und lässt sich auch eine Glatze rasieren – am gleichen Tag – und grinst … „de wachsn ja wieda“, typisch Andi, danke dir an dieser Stelle für deinen trockenen Humor!

Hairday: Oder wie die Friseurin verzweifelt

Nun ist er also da, der gefürchtete Tag, der Tag, an dem ich meine Haarpracht nun gegen Glatze tausche – bewusst mit die Haare abschneiden lasse, bevor sie mir büschelweise in wenigen Tagen ausgehen werden. Keine vorübergehende Kurzhaarfrisur, sondern einen Radikalschnitt – denn: „De wachen ja wieda“.

Bilder sind in diesem Falle sicher besser als Worte, daher gibt es nun Einblicke in die Prozedur des Haarschneidens – ungeschminkt und es gab keine Träne, außer die der lieben Friseurin. Meine Tochter Sara war mit dabei, ein kleines Familienfest der anderen Art.

Bilder sagen mehr als Worte

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

Der erste Cut ist getan, alle sind erleichtert. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Sieht ja gar nicht so schlecht aus, wenn die Haarpracht runter ist. © Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

Wir nähern uns an, Kurzhaarschnitt so viel weiß ich jetzt schon, kommt nicht in Frage 😉 © Sorin Morar

© Sorin Morar

Danke an die Tochter, dass sie diesem ‚Spaß‘ mitgemacht hat. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Not my style. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Schräg. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Viel Gesicht. © Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

Final cut. © Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

Ich sag nur Olga. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Olga … immer wieder Olga © Sorin Morar

© Sorin Morar

Fremdkörper © Sorin Morar

© Sorin Morar

Geschafft … die Frage ist, wer war hier mehr erleichtert :-). © Sorin Morar

© Sorin Morar

Stilleben mit Haaren © Sorin Morar

© Sorin Morar

Na also, darf ich vorstellen, THE NEW LOOK © Sorin Morar

Sieht man es mir an? Ich bin froh, dass dieser Schritt getan ist. Froh, dass ich diesen Schritt weiter bin, denn jeder Tag ist ein Tag, der mich dem Ziel: Erfolgreiches Ende der Chemotherapie, näher bringt. Und ich habe einen Vorsatz, auch wenn es nicht immer ganz leicht fällt: Lebe dein leben, nimm es in die Hand, dann geht diese Zeit auch schnell vorüber.

Erste Chemotherapie (c) iPhone Petra Thaller

Es ist nun alles getan, sämtliche Untersuchungen sind erfolgt. Die Wächterlymphknoten entnommen und lediglich zwei waren von Metastasen befallen, der Port gesetzt, die genetische Untersuchung erledigt. Ich bin bereit für den nächsten Schritt: die erste Chemotherapie.

1. Chemositzung

1. Chemositzung (c) iPhone Petra Thaller

Es ist Montag, 3. März 2015 9.00 Uhr. 
Was auf mich zukommt weiß ich nicht. Ich sitze im Therapieraum von Dr. Sattler im Arabellahochhaus. Ikea lässt grüßen und nachdem ich wieder einmal nicht superpünktlich bin, erwische ich lediglich das letzte freie Sofa im Eingangsraum. Nun was soll’s. Bewaffnet mit leckerem Cappuccino, einem Croissant und einer leckeren Leberkässemmel aus dem Chocolatte meiner Freundin Yurdagül Balci, harre ich der Dinge die da kommen.

Ich werde über den Port mit den Chemikalien versorgt, so richtig erklärt wird mir nichts – ist ja schließlich für den Chemopfleger lediglich Routine. Für mich allerdings nicht. Nun, ich sitze also geduldig da und nehme die nächsten zweieinhalb Stunden einen Cocktail nach dem anderen zu mir. Ein roter ist auch dabei.

Die Zeit vergeht im Flug
Ich habe mein Laptop dabei und arbeite. Doch dann passiert das Unsägliche. Eine Frau meines Alters kommt mit ihrer Mutter (sie sitzt im Rollstuhl und kann sich nicht mehr artikulieren) in den Raum. Sie ältere Dame wird – bitte verzeiht den Ausdruck – direkt vor mir geparkt. In voller Montur, Hut, Mantel, wartet sie geduldig was nun passiert. Ich muss sie ständig anstarren, was mir richtig peinlich ist. Nun, die Tochter soll in der Apotheke um die Ecke ein Medikament für die Mutter besorgen. Für eine halbe Stunde kümmert sich niemand um diese Frau. Plötzlich taucht die aufgelöste Tochter wieder auf. Es entsteht ein kurzer Disput mit dem Chemopfleger, weil sie die Apotheke nicht gefunden hat. Welch ein Irrsinn. Die Rollstuhlfrau versucht sich einzumischen, daraufhin entfacht ein Streit zwischen Mutter und Tochter … wo bin ich nur hingeraten. Beschämt drehe ich mich weg.

Als ich kurze Zeit darauf wieder vom meinem Laptop hochblicke, sehe ich, wie der Chemopfleger den Pullover der älteren Frau hochhebt, mitten im Raum, ungeschützt vor fremden Blicken, und ihr eine Spritze in die Bauchdecke gibt. Ich bin entsetzt. Warum wird Intimsphäre nicht gewahrt? Warum gibt es keine Achtung dieser Frau gegenüber?

Die Szene ist irgendwann abgeschlossen, Mutter und Tochter haben die Praxis verlassen. Nach zweieinhalb Stunden, werde ich abgestöpselt. „Bis in drei Wochen Frau Thaller und trinken Sie viel!“ Das war’s? „Und nehmen Sie Ihre Tabletten, damit Ihnen nicht übel wird.“
Kein Info über wöchentliche Blutchecks, kein Hinweis, dass ich auf die Körpertemperatur achten muss, nichts. Das soll ich alles erst viel später von meiner Freundin Maike aus Lübeck erfahren.

Ich merke nichts
Im Anschluss an die erste Chemositzung fahre ich noch zu unsere Agentur, um mir den Fortschritt der Moutains4U anzusehen und die Umsetzung der Artikel zu besprechen. Eine seltsame Stimmung umfängt mich. Ich weiß nicht was passiert. Die Horrorgeschichten derer, die mir über die Therapie erzählt haben, stimmen mich ein wenig seltsam. Es ist einfach komisch nicht zu wissen was passiert.

Der Abend verläuft normal, ich trinke viel, esse mit den Kindern und gehe zu Bett. Ich bin richtig nervös, wache nachts ständig auf. Immer in Erwartung, dass irgendwas passiert – tut es aber nicht. Es passiert einfach nichts. Das kann ja nicht sein, ich bin keine Ausnahme! Sicher nicht! Nun, ich nehme alles so an, wie es eben ist und schlafe dann endgültig gegen Morgen tief und fest ein.

Briefe an mich

Es ist schön zu lesen, dass Menschen ehrlichen Anteil an Geschichten haben, auch wenn sie nicht vom Elend einer Krankheit handeln, sondern von den positiven Seiten. Wenn sie mit einem Schmunzeln erzählt werden, anstatt mit dem bitteren Beigeschmack des Leids. Darüber freue ich mich persönlich am meisten. Denn schließlich findet das Leben in der Gegenwart statt.

Briefe an mich

Briefe an mich

Einen schönen guten Morgen wünsche ich dir liebe Petra,
ich kenne dich leider nicht persönlich, was aber keinen Unterschied macht Anteil an deiner Geschichte zu haben und mich zu freuen wenn du wieder in der Natur warst und schöne Dinge erlebst.
Ich wünsche dir alles Gute für die kommende Zeit und ich finde du siehst auch ohne Haare wunderschön aus und finde es toll wie du damit umgehst.
Ich schicke dir positive ENERGIE und vielleicht gibt es einmal gelegenheit sich persönlich zu begegnen.

Bis bald ganz liebe Grüße

So könnte ein leeres Gesicht aussehen. Nur das mit dem leidenden Ausdruck wollte ich nicht aufnehmen. (c) iPhone Petra Thaller

Wie ich wohl ohne Haare aussehe, ohne Augenbrauen und ohne Wimpern. Kurzerhand greife ich zur Schere – nicht um mir die Haare zu schneiden, nein, um mir ein Stück Leukoplast von der Rolle abzuschneiden und über meine Augenbrauen zu kleben.

So  könnte ein leeres Gesicht aussehen. Nur das mit dem leidenden Ausdruck wollte ich nicht aufnehmen. (c) iPhone Petra Thaller

So könnte ein leeres Gesicht aussehen. Nur das mit dem leidenden Ausdruck wollte ich nicht aufnehmen. (c) iPhone Petra Thaller

Dann setze ich mir eine Mütze auf, verstaue meine Haarpracht unter selbiger und pudere mir mein Gesicht hell, farblos, transparent. Ich trete vor den Spiegel und betrachte mich erschrocken – jetzt noch der theatralisch leidende Gesichtsausdruck und ich bin das perfekte Krebs-Gesicht – scarry. Sara erschrickt. „Du spinnst, warum machst du das?“ Und dann, dann möchte sie es ebenfalls probieren. Mitgehangen, mitgefangen. Es ist nicht leicht für eine junge Frau solch eine Mutter zu haben. Eine, die alles als eine Challenge annimmt und die immer versucht, das Gute in der Sache zu sehen.

Nicht einfach, wenn ich dann auch noch sage, was ich doch für ein Glück habe, Krebs zu haben. Dass ich diese Erfahrung machen darf und dadurch vielleicht anderen Menschen helfen kann. „Mama, du spinnst“, kommentiert Sara wiederum meine Gedanken.

Der Port vor der ersten Chemo
Wie ich die Vorstellung verabscheue, dass in meinen Körper dieses Ding eingesetzt wird. Ein Fremdkörper, der nun mein Leben weiterhin begleitet. Ich bin in einer Tagesklinik in der Sonnenstraße, es ist 12.00 Uhr mittags. Parkplatz: vor der Türe, was sonst.

Sie sind schon dran Frau Thaller, kommen Sie bitte mit. Dann wird mir wieder eines der superschönen, hinternfreien Nachthemden gereicht, eine äußerst attraktive Kopfbedeckung, wie die Duschhauben in manchen Hotels und Überzieher für die Füße. Los geht’s. Ich bekomme ein Bett zugewiesen, den Zugang gelegt und warte. Dann kommt mein Operateur wir sprechen über den Port und ich erinnere ihn an meine Bitte unseres Erstgespräches, er möge mir den Port so setzen, dass ich noch problemlos einen Rucksack tragen kann. Er schmuntzelt. Und schon bin ich dran. In dem kleinen OP-Raum werde ich Zeugin eines Steitgespräches zweier Schwestern und höre mich fragen: „Na, wie lange sind Sie denn schon hier Ladies?“ Dann dämmere ich weg.

Es ist vollbracht, denke ich mir, als ich langsam wieder in den Wachzustand zurückdämmere, zwei OPs habe ich nun hinter mir. Es ist vollbracht. Jetzt bin ich bereit um meinen neuen Mitbewohner loszuwerden. Es ist der 24. Februar 2015.

Ich gehe offen mit meiner neuen Beziehung um. Einer Beziehung, in die ich mich nicht freiwillig begeben habe. 

Mysteriös, mysteriös … (c) iPhone Petra Thaller

 

Denn, soviel ist sicher, wenn ich nicht offensiv mit dem Thema an sich umgehe, gehe ich unter. Ich würde ersticken an Gedanken, an Phantasien, an Visionen vielleicht auch an Angst. Angst, die ich nicht habe. Ich habe keine Angst den Kumpel wieder los zu werden – alles zu seiner Zeit; Angst zu sterben habe ich schon gleich gar nicht.

Vielmehr ist es eine Zeiterscheinung. Wie eine Schwangerschaft. Auf einen bestimmten Zeitraum beschränkt. Und während der Schwangerschaft leben wir ja auch weiter, machen Pläne, freuen uns daran und daran, dass es irgendwann vorbei ist und ein neues Zeitalter anbricht.

Ich kann mich, obwohl ich ihn mir nicht ausgesucht habe, sogar für meinen neuen Bewohner in gewisser Hinsicht begeistern. Er zeigt mir neue Wege auf und er zeigt mir auf, wie sehr mich die Menschen doch mögen. Wie sehr sie mich Petra schätzen. Meine Art Dinge anzugehen, meinen Weg durch das Leben. Mit einem starken Lachen und leisen Tränen, die niemand sieht.

Stärke ist meine Stärke
Ich bin gerne stark für andere und für mich selbst. Gebe Rückhalt und habe ein offenes Ohr. Ich glaube an mich. Bin weder Optimist, noch Pessimist. Ich bin positiv.  Ja das ist es, wenn ich mich charakterisieren müsste, möchte ich die Attribute stark und positiv verwenden, so sehe ich mich gerne und so lebe ich mein Leben. Stark und positiv.

Im Falle von Sara war das ganz klar: Kind, zwar schon beinahe erwachsen, ist krank, dann muss ich eben handeln.

Menschen erzählen mir ihre Sorgen, dann höre ich eben zu. Sie brauchen das und ich darf mir dazu meine Gedanken machen. Sorgen übernehme ich nicht. Und wenn ich nur zu dem Schluss komme und bei mir denke: Dann ändere was. Mach was, dass du deinen Zustand ist Positive kehrst.

Ich habe einen guten Freund, er hat oberflächlich gesehen einfach alles was man sich so wünschen kann. Sieht gut aus, ist erfolgreich, besitzt das eine oder andere Statussymbol. Ein kluger, witziger, sympathischer Bursche. Kurz: ein Prachtexemplar. Wenn er nur nicht immer krank wäre. Kaum ein Telefonat in welchem er nicht ein Zipperlein hier oder dort hat. Er selbst erkennt das nicht mehr. Er selbst nicht. Ich höre ihm zu. Mehr kann ich nicht tun. Am liebsten würde ich ihm sagen, er möge den einen oder anderen Zustand in seinem Leben ändern. Darf ich das? Nein, das muss er selbst machen. Ich bin dazu da ihm zuzuhören, mit ihm zu lachen und aufregende Gespräche zu führen. Ändern muss er sein Leben selbst.

Das ist das Geheimnis des Lebens – wenn wir etwas möchten, dann sind wir selbst dafür verantwortlich dies zu bekommen, oder eben nicht. Träume bringen uns weiter, wie schön ist es, wenn sich der eine oder andere realisieren lässt – nicht zuletzt weil wir daran glauben, dafür arbeiten und manchmal eben dafür auch kämpfen.

auf meinem Weg nach Hause, nach 22 Stunden im Hospital (c) iPhone Petra Thaller - bin noch nicht losgefahren :-)

Das Telefon läutet. Sara ist dran. Sie weint. Ihr Körper schmerzt. Ich bin hellwach. Gehe zur Nachtschwester und bitte um „Freigang“ für 45 Minuten, um nach der Tochter zu sehen. Ihre Begeisterung hält sich in Grenzen. Kurz darauf düse ich durch die Nacht zu uns nach Hause.

Auf meinem Weg nach Hause, nach 22 Stunden im Hospital  (c) iPhone Petra Thaller - bin noch nicht losgefahren :-)

Auf meinem Weg nach Hause, nach 22 Stunden im Hospital (c) iPhone Petra Thaller – bin noch nicht losgefahren 🙂

Da Kind glüht. Fieberthermometer. Es funktioniert nicht. Also Mama Hand an die Stirn und erfühlen, was in diesem Körper los ist. Ich schätze so kurz vor der magischen 40 und krame in unserer Medikamentenkiste: Halsscherzen, Gliederschmerzen, Husten, Fieber. Ich stelle den Medikamentencocktail zusammen und gebe ihn Sara. Als ich kurz darauf das Haus verlasse ist sie eingeschlafen. Ich muss schon schmunzeln. Ich bin verrückt. Anstatt eine meiner wirklich guten Nachbarinnen oder Freundinnen anzurufen, rücke ich selbst aus. Denn das passt in das Drehbuch meines Lebens. Das eben anders ist. Es ist mein Drehbuch und ich erhebe mich nicht über andere Menschen, die an solch einem Morgen einfach liegen bleiben und andere die Arbeit tun lassen.

Nein, das mache ich nicht. Vier Stunden später werde ich entlassen. Exakt 22 Stunden nach dem Eingriff.

Ich atme tief durch
Dann ziehe ich los, kaufe alles was in eine anständige Hühnersuppe rein muss und bereite sie dem Kind. Mein Arm schmerzt. Ich mache zu viel. Das steht fest. Eigentlich sollte ich ein wenig langsamer tun. Und mein Körper signalisiert mir das auch. Doch ich kann nicht. Ich wurstle mich so durch den ganzen Tag. Bearbeite meine eMails. Vereinbare Termine für die nächsten Tage, telefoniere mit Andi und meinen Freundinnen. Den Blog fasse ich nicht an. Ich habe festgestellt, dass ich mich zu sehr in Details der Krankheit verlieren würde und nicht im Leben. Das möchte ich nicht. Und in Wirklichkeit tue ich das auch nicht.

Mein Leben ist derart komplex, dass ich keine Zeit für den Krebs habe. Er ist zur Nebenrolle abgestempelt und wird aus der Ecke auch nicht herauskommen, bis die Autorin ihn aus dem Film schreibt. Weil er stirbt. So einfach ist das.
Mein Leben ist leben, etwas schaffen, mich austauschen. Und immer wieder kommen ein paar Arschgeigen, verzeiht, die meinen, sie müssen mir einen Strich durch mein durch und durch gutes Leben machen. Privatmenschen und auch Geschäftspartner. Diese gruseligen Gestalten sind bestenfalls Zeit- und Energiediebe. Mehr aber nicht.

Wisst ihr, was mich dieser Krebs lehrt?
Er lehrt mich, mich besser abzugrenzen. Klarer zu werden, klar zu formulieren und noch zielgerichteter zu Handeln. Mein Krebs ist mein Lehrmeister. Durch ihn lerne ich Dinge, die meine Kinder längst beherrschen. Er zeigt mir wo es lang geht. Und, dass ich meine Zeit nicht mit Nebensächlichkeiten und vor allem nicht mit den Unzulänglichkeiten anderer vergeuden darf. Dafür bin ich dankbar.