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Es ist schön, wenn man sich verlassen kann. Es ist nicht so, dass uns die Kinder auffangen sollen. Aber, so oft ist es so, dass sie es tun, ohne es zu wissen. (c) iPhone Sara Thaller, years ago.

„Wenn’s läuft, dann läuft’s“, könnte ich gerade mein Leben beschreiben. Alles positiv. Positive Gespräche, positive Termine, gute Arbeit, viel Freude. Der eine oder andere Querschläger, der immer mal wieder daherkommt, detoniert nicht bei mir. Den Fangen meine Freunde für mich ab und schlagen zurück. Weil ich eines in solch kurzer Zeit nun endlich gelernt habe: Ich muss um Hilfe bitten. Es gibt Dinge, die ich nicht kann, von denen ich keine Ahnung habe. Ich werde doch noch ein kluges Mädchen, so eines, wie ich immer sein wollte. Klug, erfolgreich, beliebt, lustig und anderen Halt gebend. So und nicht anders möchte ich sein. Ich arbeite daran und dieser neue Freund ist mein Lehrmeister.

Es ist schön, wenn man sich verlassen kann. Es ist nicht so, dass uns die Kinder auffangen sollen. Aber, so oft ist es so, dass sie es tun, ohne es zu wissen. (c) iPhone Sara Thaller, years ago.

Es ist schön, wenn man sich verlassen kann. Es ist nicht so, dass uns die Kinder auffangen sollen. Aber, oft tun sie dies, ohne es zu wissen. (c) iPhone Sara Thaller. Diese Aufnahme liegt Jahre zurück.

Der schwarze Donnerstag
Eigentlich war er nicht schwarz, nur meine Psyche war es an diesem Tag. Und zwar exakt ab 15.00 Uhr, als ich die Praxis des Port-Chirurgen im Olympiazentrum betrat. Die Leute dort waren nett, der Doc auch, er hat mir alles erklärt, wie das Einsetzen des Ports funktioniert und was schief laufen kann. Ein vertrauenswürdiger Kerl. Aber die Beschreibung, wie diese OP von Statten geht und wie dann der Schlauch … mir lief plötzlich ein eisiger Schauer über den Rücken. Ich gebe mich souverän und vereinbare einen Termin für den 24. Februar. Ich will dieses Ding da nicht in meinem Körper haben, bei mir sträubt sich alles.

Und da sind sie wieder, die leisen Tränen. Diese leisen Dinger, die mir aus den Augen rinnen und deren Fluss ich nicht stoppen kann. Ich beschließe spontan meinem Onkologen einen Besuch abzustatten. Ich habe den Arztbrief von Prof. Harbeck im Gepäck. Sie schlägt eine Studie vor und ein weiteres Medikament, das in USA bereits zugelassen ist, bei uns noch nicht.
Die Tränen laufen weiter. Ein echt schwarzer Donnerstag. Bis dahin dachte ich, ich bekomme 4 Gaben Chemo alle drei Wochen, dann die Brust-OP und dann nochmal 12 Gaben wöchentlich. Jetzt erfahre ich, dass ich da wohl was falsch verstanden habe. Erst die gesamte Chemo und dann die OP im September.
Ich frage noch, wann ich die Haare verlieren werden. „Exakt 14 Tage nach der ersten Chemo.“, lautet die Antwort.
Ob wir gleich einen Termin vereinbaren wollen, werde ich gefragt. Und mir wird mitgeteilt, dass ich noch einen Herzultraschall benötige. Man zeigt mir das Zimmer, in welchem die Chemotherapie stattfinden wird. Die Tränen laufen einfach weiter. Seit nunmehr 30 Minuten. So ein Mist. Der Raum ist wie im Film, diese komischen Sitzbetten, zwei nebeneinander, der Blick aus dem Fenster: trist. Ikeakissen sollen eine wohnliche Atmosphäre suggerieren. Da will ich nicht hin.
An diesem Tag will ich einfach nichts. Auch nicht den Herzultraschall, der natürlich gut ist, wie sollte es bei meinem Herzen auch anders sein. Ich kann nicht aus den Augen sehen. Aber niemand spricht mich darauf an. Auf meine Tränen. Ich sehe aus wie ein Heulmonster, obwohl ich das überhaupt nicht bin. Ich bin kein Jammerlappen, kein Heulmädchen.

Meine Tochter Sara ruft mich an, wir müssen noch Foodshoppen gehen. Das ist die Rettung, mein Mädchen, sie möchte Essen kaufen gehen. Das tun wir auch und mit dem Telefonat versiegen die Tränen und Kraft durchströmt meinen Körper und meine Seele. Ich bin erschöpft vom Nichtstun. Wir kochen, um 20.00 Uhr gehe ins Bett und schlafe den komischen Tag einfach weg.

Jeder Tag ist einzigartig
So viel steht fest, jeder Tag beginnt von neuem. Das Grau des vergangenen ist einfach weg. Freitag der 13. ist für mich immer ein Glückstag, seitdem ich in der achten Klasse meine einzige Eins in Mathe an einem Freitag dem 13. geschrieben habe. Heute, wieder an einem Freitag den 13. ist Genetik-Tag. Sara kommt mit, es ist ein gutes Gefühl, dass die Tochter mit dabei ist und mithören kann, dass alles nicht so schlimm aussieht. Die Genetikerin ist die Frau meines geliebten Gynäkologen, der, der den Sohn auf die Welt gebracht hat.
Sie ist einmalig, das war zu erwarten. Ich verstehe endlich worum es geht und erfahre, dass ich wahrscheinlich ohnehin nicht dieses wirklich gefährliche Gen in mir trage. Das würde mich so sehr freuen für meine Kinder und für mich. Wir sprechen über die Eierstöcke, die im Falle des Falles dann auch noch rausmüssen. Und über die Faszination der Genetik.
Mein Gegenüber kommt ins Schwärmen. Ich fühle mich gut aufgehoben.

Sara und ich gehen shoppen, Geburtstagshoppen für Sara und zwei meiner Freundinnen. Ein hübsch normales Leben, danach zu Dean & David Salat zum Lunch besorgen und zurück nach Hause an den Schreibtisch. Ich bin superproduktiv. Wirklich. Meine Arbeit bereitet mir Freude. Ich bin motiviert und auch richtig gut in allem, was ich zur Zeit tue. Feiern gehört seit den Weihnachtsferien wieder zu meinem Alltag – wie sehr hatte ich dieses Gefühl vermisst.

8.45 Uhr, ich stehe in der Praxis der Radiologie, vier Stunden soll ich für diesen Termin einplanen. Also habe ich alles eingepackt, was ich zum Leben tagsüber benötige. Mein iPad, mein iPhone und mein MacBook.

Manches Mal fehlt einfach der Durchblick, aber das wird besser, wenn man den ersten Schritt hinaus wagt und sich den Dingen stellt. (c) iPhone Petra Thaller

Manches Mal fehlt einfach der Durchblick, aber das wird besser, wenn man den ersten Schritt hinaus wagt und sich den Dingen stellt. (c) iPhone Petra Thaller

Auf die Frage nach einem WLan-Netz ernte ich ein müdes Lächeln und den schnippischen Satz der Empfangslady „Wir haben hier auch kein Internet für privat“. Kein Netz, schreien mich meine mobilen Geräte an. Kein Netz. Okay, dann eben nicht. Dann eben Gala, Vogue und Harpers Bazar.

Erst ist die Lunge dran, dann wird das Kontrastmittel gespritzt, dann Ultraschall der Leber und des Bauchraums. Bingo. Alles fein. Kein versteckter Scheißkerl. Das Kontrastmittel muss zweieinhalb Stunden einwirken, ich möge doch ins Café gehen und ordentlich frühstücken und viel trinken, mindestens einen Liter. Ich fahre an meinen Schreibtisch und arbeite, trinke Tee und frühstücke.
Kurz nach zwölf bin ich wieder vor Ort, eine Kamera durchleuchtet meinen gesamten Körper und wieder: Bingo, da ist nichts. Keine weiteren Tumore höre ich den Arzt sagen, die Knochensubstand sehr gut.

Happy Birthday Frau Thaller, ich könnte Schreien vor Glück. Meiner Familie und meinen Freunden teile ich mit, dass ich ab sofort am 10. Februar, exakt 20 Tage nach der Erstdiagnose, meinen zweiten Geburtstag feiere. Jawohl, es ist nur Brustkrebst. Wie genial ist das denn. Und wie schön es nun auch wirklich zu wissen.

Besucht beim Plastischen Chirurgen
Am gleichen Tag, eine Stunde später sitze ich in einer superschicken Praxis von Prof. Fansa, er ist plastischer Chirurg, spezialisiert auf die weibliche Mamma. Ein sympathischer Typ. Auf dem Fensterbrett liegen Brustimplantate verschiedener Größen. Aber so weit sind wir noch nicht, nicht am heutigen Tag. Er bespricht mit mir die Entnahme des Sentinel. Dann werden meine Brüste aus vier Perspektiven fotografiert, sofort ein Termin mit dem Anästhesisten vereinbar. Ich möge mich beeilen, dann kann das Blut noch gleich heute abgenommen werden und eingeschickt.
So sollte es dann auch sein. Parkplatz vor der Praxis in der Sonnenstraße gecheckt. Blut abgenommen, Lungenfunktion getestet, EKG, ein Arztgespräch, ein Anästhesiegespräch, die Ärztin ist gerade mal dreißig himmeljung und cool.

Für die erste OP ich bin also gut vorbereitet. Nach einem acht Stunden-Ärztetag sitze ich endlich am Schreibtisch. So richtig viel schaffe ich nicht, ich bin mit freuen beschäftigt und mit Geburtstag feiern. Ein cooler Tag in die absolut richtige Richtung. Da saß echt ein Meister am Drehbuch.

 

Ich gehe offen, ja sogar offensiv mit dem Thema Krebs um. Für genau diesen Weg habe ich mich entschieden. Und mein Umfeld muss damit leben, mit dieser Offenheit.

(c) Sorin Morar

(c) Sorin Morar

Manche können es, manche nicht. Manche bewundern mich, was völlig unnötig ist. Manchen fangen an zu schweigen, aber die meisten Menschen um mich herum reagieren genial. Einfach genial, denken mit, recherchieren für mein Leben. Bieten ihre selbstlose Hilfe an, wenn ich diese benötige. Wirklich, diese Krankheit führt mir vor Augen, was ich doch für wunderbare Menschen kenne. Wie sehr ich mich auf meine Freunde und auch auf meine Geschäftspartner verlassen kann. Offenheit ist ein Geschenk und ich breche eine Lanze dafür. Wer nicht spricht, wird nichts erfahren.

Ich geh zu meinem Friseur, hole mir Rat. Die Haare lasse ich mir nicht abschneiden, das muss ich noch früh genug. Ach ja, mein Okologe hat mir ein Perückenrezept gegeben. Ich kann also jederzeit losziehen und Haare shoppen. Meine Freundinnen interessiert, ob ich mir verschiedene Perücken kaufe, schwarz, blond, braun, lang, kurz? Sicher nicht! Ich kaufe mir Haare wie meine, denn wissen darf es jeder, sehen aber nicht. Ein Petra-Gesetz – dachte ich :-).

Mein neues Zuhause
Es wird mir schnell vertraut, ich beginne mich in ihm wohl zu fühlen. Finde die Lichtschalter und kann mich im Dunklen schon sehr gut orientieren. Mein Leben in dieser neuen Umgebung ist ausgefüllt, fröhlich, schön, manchmal traurig. Angst gibt es nicht. Mut jedoch sehr viel. Glück gibt es auch und negative Energien müssen draußen bleiben. Freunde fühlen sich mit mir dort wohl, wir lachen viel und auch meine Familie kennt sich schon ganz gut aus. Sara fürchtet die nächsten Monate, sie ist verwandelt, ich glaube das letzte Stück Pubertät ist bei dem Umzug auf der Strecke geblieben. Sie übernimmt Verantwortung und Joshua ebenso. Er steht kurz vor dem Abi und konzentriert sich darauf. All dies fällt leicht, weil Angst bei nicht im Vordergrund steht, sondern glücklich sein, Leben, sich freuen, Erfolg ist auch dabei.

Ich schreibe meine Gedanken nieder, in kurzen Kapiteln und merke, wie sehr ich mich auf genau diese Zeit schon immer gefreut habe. Schreiben ist meine Berufung; Geschichten erzählen, mein Wunsch. Im Alltag vor dem Umzug habe ich dies hinten angestellt und 1.000 Ausreden gefunden, warum ich nicht schreibe. Warum ich „nur“ arbeite. Jetzt weiß ich warum: Ich hatte kein Thema.

Mir wurde der Krebs geschenkt, um darüber zu schreiben, um anderen Frauen, aber auch Männern Mut zu machen, Kraft zu geben, sich mit dem „Feind“ zu verbünden, um gestärkt weiterschreiten zu können. Für Verzweiflung, Hass und Angst steht hier kein Raum zur Verfügung.

Einfach weiterleben!

Mir zerrinnt die Zeit zwischen den Fingern. Die nächsten Tage steht noch ein Termin beim Onkologen an, beim Operateur und ein alles entscheidender Termin zum Staging.

Einfach weiterleben! (c) iPhone Petra Thaller

Einfach weiterleben! (c) iPhone Petra Thaller

Mit dem Onkologen komme ich gut zu Rande. Er ist ein neutraler, freundlicher Mensch, der mir bestätigt, dass man heil aus der Sache rauskommen kann. Er ist wichtig, aber nicht vordergründig für mich. Ich kann mich auch nicht an seine Worte erinnern, dafür aber an meine, wie ich mich wieder über meinen Diagnostiker beschwere. „Er ist ein herausragender Diagnostiker“, höre ich ihn sagen, mehr nicht.

Während des Gespräches erfahre ich die nächsten Schritte: Zunächst das Staging. Hier wird nachgesehen, ob Knochen, Leber und Lunge frei sind. Danach ein Termin mit dem Plastischen Chirurgen zur Entfernung des Sentinel, des Wächterlymphknotens, um diesen dann zu untersuchen, ob er bereits befallen ist, oder nicht. Danach ein Termin beim Chirurgen zum Einsetzen des Ports, über welchen die Chemo in den Körper geleitet wird. Ich habe keine Angst, das ist beruhigend, sehr sogar.

Die nächsten Tage sind toll
Ich kann mich wieder voll und ganz auf meine Arbeit konzentrieren, mache Sport,  wunderbar. So mag ich das. Keine schwarzen Gedanken, keine Ängste, ich nehme das Leben in die Hand. Rufe bei der Krankenkasse an, um einige Dinge zu klären und beim Amt für Familie und Soziales. Hier lass ich mir schon mal den Schwerbehinderten-Fragenbogen zusenden. Das weiß ich noch von meiner Mutter. Krebs bedeutet nicht nur Krankheit, sondern auch Steuervergünstigung und Behindertenausweiß.

Meine Freunde finden mich skurril. Behindertenausweis, Steuervergünstigung. Ich organisiere meine Termine für die ispo in München.

„Warum tust du dir das jetzt an?“, fragen einige Freunde. Weil das Leben weiter geht, auch während und nach der Krankheit. Und genau das ist der Schlüssel zum Glücklichsein. Das Leben geht weiter und findet im Hier und Jetzt statt und in der Zukunft. Fragen wie, warum gerade ich, was habe ich falsch gemacht, werde ich sterben? All diese Fragen stelle ich mir nicht. Ich werde leben und glücklich sein. 

Klinikum Maistraße München
Frauenklinik Maistrasse Campus Innenstadt LMU München

Frauenklinik Maistrasse Campus Innenstadt LMU München

Über Prof. Dr. Kurt Hecher und Dr. Maike Manz habe ich den Kontakt zu Professor Dr. Nadja Harbeck von der Universitätsklinik München, sie ist eine Koryphäe in Sachen Brustkrebs. Der Termin ist erst in fünf Tagen, nun, sei es drum, auf diese fünf Tage kommt es ja wohl nicht an.

Ich gehe in die Geduldsschule, und wie. So wie ich mir das vorstelle, läuft das in meiner neuen Welt einfach nicht. Krebs heute, Heilung morgen, vergiss es einfach. Geduld ist meine ganz persönliche Challenge, mein Lernpotential auf dieser abenteuerlichen Reise. Ich arbeite – viel, gerne, liebe meinen Job, mein Beruf ist Berufung und so konzentriere ich mich die nächsten Tage drauf.

Zeit zwischen den Terminen
Mir ist meine Stringenz ein wenig abhanden gekommen. Manchmal komme ich mir vor als wäre mein Gehirn durchlässig, durchlöchert, nicht mehr ganz. Also setze ich mich hin und schreibe mir alles auf, was ich tun muss, um den Laden am Laufen zu halten. Gute Idee, Petra, das funktioniert gut. Und so lebe ich die nächsten Tage einfach normal, ist ja auch ein ganz normales Leben, ich gehe Laufen, treffe Freunde – mehr als zuvor. Dieser Krebs hat also auch was Gutes.

Alles läuft in den richtigen Bahnen
Es ist Montag. Erst ein Geschäftstermin, der läuft perfekt und stimmt mich positiv, dann der Termin in der Uniklinik. Ich frage mich zum Vorzimmer von Prof. Harbeck durch. Ich mag die Klinik nicht wirklich. Hier umfängt mich das Gefühl von Krankheit. Eine Mutter trägt ihr winzig kleines Baby durch den Gang – es hängt am Tropf. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Ich sehe traurige Gesichter in alten Gemäuern und wie beim Amt muss ich für die Anmeldung eine Nummer ziehen. 42 blinkt auf, ich betrete den kleinen Anmelderaum und erschrecke. Vor mit sitzt eine junge Frau, schmal. Sie trägt ihre Bluse ein wenig zu offenherzig. Kein BH, dafür starre ich auf ihren Brustkorb, als hätte sie kein Gesicht und erblicke ein Tattoo. An das Motiv kann ich mich nicht erinnern, aber an dieses blaue Tattoo auf der durchscheinenden weißen Haut. Langsam wandern meine Augen zu ihrem Gesicht. Auch durchscheinend. Sie trägt ein beiges Kopftuch auf beiger Haut. Okey, so möchte ich das auf keinem Fall. Ich fühle mich provoziert, mir kommt vor als schreie sie mir ins Gesicht, ich habe Krebs und du sollst das auch sehen. Mir wird schlecht. Nein das will ich nicht, ich will so nicht aussehen und ich möchte auch nicht, dass anderen Menschen bei meinem Anblick schlecht wird. Sicher nicht.

Prof. Harbeck ist echt in Ordnung, eine auf dem Boden gebliebene Professorin, die mir Mut macht.  Sie bestätigt die Therapieabfolge, die mir nun bevorsteht.
Ich muss keine Angst haben, dass ich nicht weiter arbeiten kann. Genau das wollte ich hören! Meine Haare werde ich verlieren, aber da gibt es ja hübsche Lösungen und sie kommen wieder.

Es ist schon skurril. Da beschäftige ich mich mit meinen Haaren und habe Krebs. Aber so bin ich eben. Ich bin stark und darauf bin ich auch stolz. Ich stelle Fragen, bekomme Antworten und kann mir so ein Bild von meiner Situation machen und die sieht nicht so schlecht aus. 

Hier geht es zum Brustzentrum der LMU München.

Die Kinder? Wie sage ich es den Kindern? Sage ich es Ihnen überhaupt? Mit welchen Worten? Es ist alles nebulös. Wie werden sie es aufnehmen? Die Phase der Unsicherheiten ist kurz.

(c) Sorin Morar & Thomas Straub. Das Fotos entstand während des ersten Fotoshootings für meinen Blog.
(c) Sorin Morar & Thomas Straub. Das Fotos entstand während des ersten Fotoshootings für meinen Blog.
Ich besuche eine zuverlässige, jahrelange Freundin Andrea, sie liest den Befund. Andrea ist Heilpraktikerin, eine von den vernünftigen und guten. Verteufelt die klassische Medizin nicht. Im Gegenteil. Alles zu seiner Zeit. In meiner neuen Zeit gibt es keine Alternativen. Ich bin sauer. Worauf? Keine Ahnung. Auf dem Weg in mein altes Zuhause telefoniere ich mit meinem Jürgen, dem Vater unserer Kinder. Er wird es Joshua unserem Sohn mitteilen, ich unserer Tochter Sara. Sara sieht mich mit großen Augen an und weint. Ich halte sie im Arm und das große Mädchen weint. Die Nachricht schockiert andere Menschen mehr als mich. Meine Kinder allen voran. Joshua bekommt nachts Fieber. Eine Scheißsituation. Wie immer im Leben greife ich zur Alltäglichkeit, zur Normalität.

Jetzt bloß nicht den Kopf verlieren und ihn vor allem nicht in den Sand stecken. Aufstehen und stark sein für mich und meine Familie. Raus in den Sturm – die Flügel halten, so viel ist sicher.

Die ersten Tage
Ich kann schlafen. Weniger lange als vorher, aber ich schlafe. Gut so, das ist wichtig. Nachts wache ich auf, dann ist Gespensterzeit. Sie setzen sich auf meine Bettkante und ärgern mich so lange, bis ich mich entschließe aufzustehen und etwas Sinnvolles zu machen. Spülmaschine ausräumen, Waschmaschine bestücken. Emails checken. Tee trinken. Auf meinem iPad einen Film ansehen. Gegen Morgen schlafe ich wieder ein. Ein gutes Ritual. So lerne jeden Tag mein neues Zuhause ein wenig besser kennen. Es wird mir vertraut. Ich kann damit umgehen. Wobei: Ich bin ja erst im Einzugsstadium. Noch ist nichts passiert. Keine finale Diagnose. Das soll in den kommenden Tagen geschehen.

Der neue Freund ist angeblich nicht der böseste aller bösen Buben. Er ist gut abgegrenzt ein G1 Tumor,  „Glück gehabt, denke ich bei mir“ und blicke nach vorne.

Es sind harmonische Feiertage bei uns im Haus. Ich werde meinen geschätzten Gastgeberpflichten mehr als gerecht und bin dabei voll in meinem Element. Kochen, Freunde bewirten, ein wenig arbeiten. Den Rest des vergangenen Jahres sowohl geschäftlich, als auch privat in Ordnung bringen.

(c) Petra Thaller iPhone, Vegetarische Quiche, Brustkrebs-Patientinnen sollten die Sojawürstchen weglassen, warum, können Sie nachlesen. Hier geht’s zu meinem Rezept. Brustkrebs-Patientinnen sollten die Sojawürstchen weglassen, warum, können Sie HIER nachlesen.

 

(c) Petra Thaller, iPhone Hier im Glas: Dinkelmehlboden (Bisquitteig), Zitronenquarkjoghurt Mischung nach eigenen Geschmack sowie Blaubeeren – extraordinär gut. Mit Honig nach Geschmack gesüßt.

So kenne ich mich seit langer Zeit nicht mehr. Plötzlich gestalten sich in meinem Kopf Pläne. Das ganze Leben fühlt sich erstmals wieder so richtig an. Rund und richtig. Mir scheint, als habe ich viel Zeit wie nie zuvor. Gemeinsam mit den erwachsenen Kindern erlebe ich gute Ferien. Skifahren, Essen, Lachen, Sport. Die Arbeit? Ja, aber nicht so vordergründig wie all die Jahre zuvor.

Schon gleich nach meiner Expedition haben mir Freunde bestätigt, ich sei weiblicher, weicher und irgendwie schön, warum auch immer. Meinem Leben fehlt in diesen Tagen nichts. Ein wenig Chaos vielleicht, an das hatte ich mich gewöhnt.

Die Sache mit der Vernunft
Eines Morgens stehe ich im Bad und betrachte mich ganz ausführlich, wo bin ich richtig, wo vielleicht auch perfekt und wo haben sich im Laufe der Jahre Dinge nicht ganz so schön entwickelt. Ich liebe meinen Hintern und mein Gesicht empfinde ich als schön. Eigentlich schon immer. Ich mag mich. Bleiben eigentlich nur der nicht ganz perfekte Bauch und die Brust. Die rechte vor allem. Die linke ist immer noch prima. Aber die rechte bereitet mir Sorge. Sie sieht komisch aus und das vermeintliche Hämatom wird auch nicht kleiner. Die Brustwarze zieht sich nach innen und ist sehr empfindlich. Warten oder doch sofort zum Doc.

Die Entscheidung fällt auf Doc – nicht zuletzt weil Tochter und zwei Freundinnen darauf drängen.

(c) Hajo Netzer

Meine Brust hatte sich in den vergangenen Wochen verändert. Ich habe es ignoriert und diese Veränderung auf einen Sturz während meiner Expedition im vergangenen Jahr zurückgeführt. Ein Hämatom. Die Brust ist Sekundenschnelle nach diesem Sturz angeschwollen. Schmerz quälte mich, trotz der Einnahme von Schmerzmitteln und der wahrscheinlich besten ärztlichen Betreuung, die je einem Menschen in der Wildnis zu Teil werden kann.
Es war der drittletzte Tag unseres Ausfluges in die unbewohnte Natur von Irian Jaya. Ich wollte meinen Rucksack über den kleinen Fluss werfen, konnte mich aber nicht von ihm trennen und folgte ihm in das kühle Nass. Ungeschickt, wie ich eben manchmal bin. Ein unspektakulärer, linkischer Sprung, mit wahrhaft heilsamen Folgen für mich.

Filmische Dokumentation: (c) Dr. Georg Schlagbauer

Routineuntersuchung beim Gynäkologen
Ich vereinbare einen Termin bei meinem Frauenarzt, um meine jährliche Krebsvorsorge machen zu lassen und natürlich um die Brust akribisch anzusehen. Den nächstmöglichen Termin bekomme ich nicht bei meinem geschätzten Frauenarzt Dr. Stefan Koch aus München, der auch meinen Sohn auf die Welt brachte, sondern bei einer anderen Ärztin, die bei ihm in der Praxis arbeitet. Recht ist mir das nicht, ich bin in Arztsachen eigen. Wie in so vielen anderen Dingen. Aber nun gut. Mir schien es angebracht dieses Mal eine Ausnahme zu machen. Die Ärztin untersucht natürlich auch meine Brüste, tastete. Macht einen Ultraschall und auch hier ist sich nicht sicher, was dieses Ding da in meiner Brust sein kann – Hämatom, oder … daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

In jedem Falle bekomme  einen zeitnahen Termin bei meinem Frauenarzt, zwei Tage  vor Weihnachten. Ich soll eine Mammographie machen, zur Sicherheit. Wir vereinbaren einen weiteren Termin im Neuen Jahr. Ich möge mich aber zuverlässig melden, wenn sich an der Brust etwas verändert, seine Handynummer habe ich ja.

(c) Sorin Morar & Thomas Straub. Das Bild entstand während des ersten Shootings für meinen Blog.

(c) Sorin Morar & Thomas Straub. Das Bild entstand während des ersten Shootings für meinen Blog.

(c) Sorin Morar & Thomas Straub. Das Bild entstand während des ersten Shootings für meinen Blog.

Es gibt bleibende Ereignisse im Leben eines jeden Menschen. Die eigene Geburt soll dazu gehören – erinnern kann ich mich nicht daran und wenn ich so ehrlich sein darf, möchte ich das auch nicht. Die Vorstellung ist abstoßend. Es ist wohl eines der einzigen Themen im Leben, über das ich mit noch beinahe niemandem gesprochen habe.

Meine Kinder amüsieren sich über die Vorstellung aus mir herausgeschlüpft zu sein und ziehen dabei aber ein angeekeltes Gesicht. Aus ihrem Mund kommt so etwas wie Kopfkino und igitt. Ich kann das zutiefst verstehen.

Wahrhaft bleibende Ereignisse sind Kindergarten, das Bett der Großeltern, Kindergeburtstage, Einschulung und Grundschule, das Gefühl abgewiesen zu werden. Das wunderbare Gefühl Ski unter den Füßen zu haben, nackt Baden im Meer, Schulabschluss und Studium – die eigene Hochzeit. Die eigene Scheidung hingegen verblasst, obwohl sie sicher zu den einschneidenden Begebenheiten zählt.

Ja und dann gibt es in meinem Leben, trotz aller Höhen und Tiefen, die ich immer sehr gut durchschifft habe noch ein weiteres, ein einschneidendes Ereignis, eines, das ich annehmen musste wie einen guten Freund, um daran nicht zu verzweifeln um dran zu wachsen: Krebs.