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Jochberg Rechter Gully  Germany  Petra Thaller  Franz Perchtold 135

„Auch Erinnerungen helfen glücklich und zufrieden zu sein. Der große Vorteil, wenn mal alles nicht so läuft wie man es sich wünscht. Wir arbeiten jeden Tag an späteren Erinnerungen, also packen wir es an.“ Petra Thaller © Klaus Kranebitter, Ort: Jochberg Rechter Gully

Wenn ich mich in meinem Umfeld, ja nennen wir es Umfeld, das ist neutral, umsehe, dann habe ich sehr häufig den Eindruck, dass die Menschen förmlich danach schreien unglücklich zu sein. Seit einigen Tagen treibt mich dieser Gedanke um und ich bekam ihn nicht so recht zu fassen. Aber jetzt. Schon gestern wieder hatte ich im Café meiner Freunde ein interessantes Gespräch.


Ein Mann beklagt sich über seine Partnerin, sie sei auf ihr Aussehen fixiert. Ganz speziell auf ihre Haare. Die Worte seiner Schilderungen umschwirren meinen Kopf. Wort- und Buchstabenfetzen entstehen aus dem Gehörten und formieren sich zu einem Wort: Schwermut oder Depression. Ich kenne den Mann nur von Sehen und plötzlich höre ich mich sagen: „Hat Ihre Partnerin Depressionen?“ Erleichtert höre ich ein lautes, deutliches „Ja!“, und die Wolke um meinen Kopf wird größer und er spricht sich viel von der Seele – Details? Sie habe kein Selbstbewusstsein, höre ich. Details? Sind unwichtig. Ich muss gehen.

Seine Worte hallen nach …
Ich habe so viele Menschen um mich, die nicht glücklich sind. Und ganz ehrlich, von all jenen Personen ist nicht eine davon in wirklicher Not, unheilbar krank, krank ja, aber nicht unheilbar. Allerdings setzen sie ihren Gedankenfokus immerwährend auf das Negative. Die Haare (hässlich oder nicht vorhanden), die pralle Brust aus ihren frühen Zwanzigern – heute nicht mehr so schön, die Falten im Gesicht zu tief (bullshit), auf den Händen Altersflecken (lächerlich), der Nachbar ein schickeres Auto oder mehr Reisen. Der Chef ein A. , der Job ätzend. Also fokussieren sie sich entweder auf ihre Kinder – die sind dann mal einfach weg ab einem bestimmten Alter, ihr Aussehen (das wird zwar in meinen Augen nicht schlechter nur anders), ihren Geldbeutel (der bei den meisten die ich kenne ausreichend gefüllt ist) oder darauf, was die anderen von ihnen denken könnten. Das macht schrägt und ja, das macht schwermütig, schlechtlaunig und depressiv. Und so wird das Loch tiefer und tiefer, bis sie von selbst nicht mehr rauskommen. Und, auf die direkte Frage, ob sie Depressionen haben, schwermütig sind und sich nicht doch vielleicht fachlich helfen lassen möchten, kommt ein entschiedenes NEIN.

Wäre es nicht viel schöner
…wenn man den Blick Richtung Himmel richtet und sich über die Formation der Wolken freut. Einen tiefen Atemzug der kühlen Winterluft nimmt und sich über diesen freut. Wäre es nicht schöner, die geliebten vermeintlich ‚alten‘ Winterstiefel aus dem Keller zu holen, diese zu pflegen und damit in die kühle Zeit hinaus zu marschieren, anstatt wie verrückt nach ‚Neuen‘ zu suchen, um sie dann nach einem Jahr wieder im Keller verschwinden zu lassen und das Spiel von Neuem zu beginnen. Wäre es nicht schöner und glücklich machender neidlos zu sein. Okay, nun werden viele Menschen sagen, was für ein BlaBla – das mag in ihren Augen sein. Aber vornehmen, vornehmen kann man sich das allemal. Für niemanden ist das Leben immer leicht, auch wenn es so aussieht. Doch das Talent glücklich zu sein, das können wir lernen. Wir können versuchen das Schöne zu sehen. Denn so ist das Leben einfach leicher.

Der ersten Schnee in diesem Jahr
Heute beispielsweise schneit es zum ersten Mal in München und ich wäre so gerne in den Bergen, beim Skifahren. Geht aber nicht, da ich sonst alle die Dinge, die mir ebenso wichtig sind – z. B. diese Zeilen endlich einmal zu schreiben und hoffentlich damit anderen Menschen zu helfen – nicht schaffe. Also erfreue ich mich am morgendlichen Lauf, den Schneeflocken vor meinem Fenster, meinem Chai neben meinem Computer und an dem Wissen, dass Alles auf einmal eben nicht geht.

Wenn nicht glücklich, dann wenigstens ein wenig zufriedener sein – das ist schon mal ein Anfang.

Plötzlich Prinzessin …© Sorin Morar und Thomas Straub

Versetzt euch mal zurück in eure Kindheit:
Ja auch ihr Männer. Die meisten Mädchen waren Indianerin oder Indianer, Cowgirls oder Cowboys , manch eine wollte Pippi Langstrumpf sein und die Jungs waren neidisch, dass es kein wirkliches männliches Pendant dazu gab und ganz viele Prinzessin – Prinz wollte ohnehin keiner werden. Richtig? Nun was ist all diesen ‚Berufsgruppen‘ gemein … genau, sie sind stark. Indianerinnen und Indianer kennen keinen Schmerz, Cowgirls und -boys sind einfach nur cool und tragen eine Waffe, um alles was ihnen und ihren Freunden ans Leder will wegzuballern. Pippi Langstrumpf ist nach wie vor das Sinnbild eines wilden, ungestümen Mädchens, einfach anders als die anderen, klar manchmal auch traurig, aber im Großen und Ganzen so, wie viele Mädchen sein möchten. Ja und Prinzessinnen sind  schön, elegant, stolz, gepflegt, wenn sie hinfallen, auch wenn dies in der Öffentlichkeit geschieht – stehen sie auf, richten sich das Körnchen und gehen weiter ihren Prinzessinnen-Weg.

Wir haben also die Wahl, mir gefallen alle vier Persönlichkeiten sehr gut, wobei ich die Prinzessin allen vorziehe. Nicht weil sie reich und schön ist, sondern die sprichwörtliche Attitude des Hinfallens, Aufstehens, Kronerichtens und Weitergehens gefällt mir sehr gut. Es sagt dabei ja niemand, dass es immer leicht ist.

Ich hatte gestern so einen Prinzessinnentag.
Nichts Dramatisches, aber für einen Menschen, der aufgrund der Geschehnisse in der Vergangenheit ohnehin schon einen recht engen Zeitkorridor, in welchem er sein Arbeitsleben frei gestalten kann, wirklich einschneidend. Ich habe meine Bestrahlungstermine bekommen: Diese finden spätabends statt, dann, wenn ich mir in den vergangenen Monaten, recht diszipliniert, meine Kraft im Schlaf geholt habe.

Das ist ein Kronenereignis.
Da muss sofort der Verstand greifen: Kinder und alte Menschen kommen tagsüber dran, kräftige, starke Menschen – Indianer, Cowboys oder -girls, Prinzessionen und Prinzen sowie männliche und weibliche Pippilangstrumpfs eben nachts. Ganz ehrlich, ich freue mich darüber unter der letzteren Gruppe zu sein,  auch wenn mich die Tatsache gestern wirklich erzürnt hat, weil ich eben so gerne schlafe.

So nehme ich nun meinen medizinischen Terminplan, trage ihn ganz diszipliniert in meinen persönlichen Kalender ein, versuche heute noch zwei Modifikationen mit der Strahlentherapie hinzubekommen, um zwei wichtige Geschäftstermine nicht umlegen zu müssen und werde dann die sechs Wochen eben in einem anderen Rhythmus leben.

Ganz Prinzessin eben!

Ich möchte es mit meinem Lieblingszitat beginnen:
Ihr aber seht und sagt: Warum? Aber ich träume und sage: Warum nicht? G. B. Shaw

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Geh raus und lauf‘! © Sara Thaller

Es gibt immer mehrere Wege im Leben, ich beschreite immer jenen, den ich für mich für richtig und wichtig erachte. Niemals jenen, der vermeintlich einfach erscheint. Warum das so ist, weiß ich nicht. Es ist einfach so. Wenn andere sagen: Das geht nicht! Dann fühle ich mich geradezu angespornt es trotz aller Widrigkeiten zu versuchen. Ein gemütliches Leben ist nicht das meinige. Habe ich eine Vision, muss ich es zumindest versuchen, diese in die Tat umzusetzen. So verhält es sich auch mit Outdoor against Cancer.

Die Idee entstand auf einer meiner gemütlichen Skitouren während der Chemotherapie: Ich merkte wie Schritt für Schritt die Krankheit in den Hintergrund trat, Energie meinen durchaus geschwächten Körper durchströmte und meine Gedanken zu fliegen begannen … Wann kann ich wieder auf Expedition gehen? Wenn ich jetzt weiter trainiere, muss ich nicht von vorne anfangen! Ich muss das Kortison, das es sich langsam aber sicher  in Form von unschönen Pölsterchen an an Hüfte und Bauch gemütlich machte, wieder loswerden. Schritt für Schritt lösten sich auch diese Gedanken auf und ich erstarkte.

Egal was ich draußen unternahm, es war immer der gleiche Prozess … abschalten, Gedanken fliegen lassen, stark werden, den Kopf frei bekommen, Normalität – ein wunderbares Lebensgefühl.

Ich möchte damit nicht sagen, dass es immer leicht war, den Fuß vor die Türe zu setzen, aber es war immer großartig. Jeder Augenblick draußen. Egal, ob beim Laufen an der Isar, beim Rennradfahren, auf kleinen Bergtouren, beim Kraft- und Ausdauertraining  in meinem geliebten Outdoor-Fitnessstudio am Entenweiher in München. (Standorte der Studios in eurer Nähe findet ihr unter 4F Circles.)

Jede große Idee beginnt im Kleinen und so folge ich nach und nach dem Motto: Beginnen gibt Stärke. Vollenden gibt Kraft. 

THE NEW LOOK © Sorin Morar

Das hatte ich mir so gedacht und die ersten Tage gelang dies auch sehr gut. Laufen gehen, Fotoshooting mit Sorin Morar und Thomas Straub an einem Tag, Fotoshooting mit Sorin Morar bei mir Zuhause an einem anderen. Die Haare müssen ab, bevor ich sie verliere – und dann …

© Sorin Morar und Thomas Straub

Darf ich vorstellen: Olga. © Sorin Morar und Thomas Straub

Es ist ein lustiges Shooting mit Sorin und Thomas, irgendwie finden sich hier drei Menschen, die es wirklich gut miteinander können. Die beiden Fotografen sind mir sehr nahe, ich kann mich fallen lassen und meinen Gefühlen, meinen Emotionen freien Lauf lassen, offen, ohne Angst verletzt zu werden.  Bekannte Gefühle, jene, die Erinnerungen aus wach werden lassen, als ich als junge Frau mein Geld mit Moderationen verschiedener TV-Formate und beim Film verdiente. Kamerascheu bin ich also nicht geworden, das beruhigt. Dafür musste ich mit Schrecken feststellen, dass das Gesicht, wenn es ehrlich und ausdrucksstark abgelichtet wird, alt und ja, auch ein wenig müde wirkt. Aber irgendwie auch … schön. Ehrlich.

Am liebsten habe ich dieses Bild oben – Sorin’s Arm mit Olga, jener Errungenschaft, nach der ich lange gesucht habe, die ich unbedingt haben musste und nicht ein Mal getragen habe. Sie ist nicht ehrlich, passt nicht zu mir. Mit ihr komme ich mir vor wie eine Schaufensterpuppe. Instinktiv wusste ich das zu diesem Zeitpunkt schon. Später hat sich dies bestätigt. Olga gehört zwischenzeitlich einer jungen Frau, die hoffentlich glücklich mit ihr ist.

Ein seltsames Gefühl

Tag drei nach der ersten Chemotherapie macht sich in meinem Körper ein seltsames Gefühl breit, undefinierbar, seltsam. Das Kortison hält mich nachts wach und tagsüber fühle ich mich ein wenig schlapp. Also, gehe ich laufen, was sonst, laufen macht den Kopf frei und ich fühle mich danach jedes Mal glücklich und stark. Doch irgendwie mag dieses dumme Gefühl nicht schwinden. Es ist nicht greifbar. Nun so hangle ich mich durch die Tage, arbeite, mache Sport und organisiere meinen ‚Glatzentag‘.

„De wachn ja wieda“, © Selfi Andreas Ried

Mein Bergfreund Andi ist solidarisch und lässt sich auch eine Glatze rasieren – am gleichen Tag – und grinst … „de wachsn ja wieda“, typisch Andi, danke dir an dieser Stelle für deinen trockenen Humor!

Hairday: Oder wie die Friseurin verzweifelt

Nun ist er also da, der gefürchtete Tag, der Tag, an dem ich meine Haarpracht nun gegen Glatze tausche – bewusst mit die Haare abschneiden lasse, bevor sie mir büschelweise in wenigen Tagen ausgehen werden. Keine vorübergehende Kurzhaarfrisur, sondern einen Radikalschnitt – denn: „De wachen ja wieda“.

Bilder sind in diesem Falle sicher besser als Worte, daher gibt es nun Einblicke in die Prozedur des Haarschneidens – ungeschminkt und es gab keine Träne, außer die der lieben Friseurin. Meine Tochter Sara war mit dabei, ein kleines Familienfest der anderen Art.

Bilder sagen mehr als Worte

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

Der erste Cut ist getan, alle sind erleichtert. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Sieht ja gar nicht so schlecht aus, wenn die Haarpracht runter ist. © Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

Wir nähern uns an, Kurzhaarschnitt so viel weiß ich jetzt schon, kommt nicht in Frage 😉 © Sorin Morar

© Sorin Morar

Danke an die Tochter, dass sie diesem ‚Spaß‘ mitgemacht hat. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Not my style. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Schräg. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Viel Gesicht. © Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

Final cut. © Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

Ich sag nur Olga. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Olga … immer wieder Olga © Sorin Morar

© Sorin Morar

Fremdkörper © Sorin Morar

© Sorin Morar

Geschafft … die Frage ist, wer war hier mehr erleichtert :-). © Sorin Morar

© Sorin Morar

Stilleben mit Haaren © Sorin Morar

© Sorin Morar

Na also, darf ich vorstellen, THE NEW LOOK © Sorin Morar

Sieht man es mir an? Ich bin froh, dass dieser Schritt getan ist. Froh, dass ich diesen Schritt weiter bin, denn jeder Tag ist ein Tag, der mich dem Ziel: Erfolgreiches Ende der Chemotherapie, näher bringt. Und ich habe einen Vorsatz, auch wenn es nicht immer ganz leicht fällt: Lebe dein leben, nimm es in die Hand, dann geht diese Zeit auch schnell vorüber.

Briefe an mich

Es ist schön zu lesen, dass Menschen ehrlichen Anteil an Geschichten haben, auch wenn sie nicht vom Elend einer Krankheit handeln, sondern von den positiven Seiten. Wenn sie mit einem Schmunzeln erzählt werden, anstatt mit dem bitteren Beigeschmack des Leids. Darüber freue ich mich persönlich am meisten. Denn schließlich findet das Leben in der Gegenwart statt.

Briefe an mich

Briefe an mich

Einen schönen guten Morgen wünsche ich dir liebe Petra,
ich kenne dich leider nicht persönlich, was aber keinen Unterschied macht Anteil an deiner Geschichte zu haben und mich zu freuen wenn du wieder in der Natur warst und schöne Dinge erlebst.
Ich wünsche dir alles Gute für die kommende Zeit und ich finde du siehst auch ohne Haare wunderschön aus und finde es toll wie du damit umgehst.
Ich schicke dir positive ENERGIE und vielleicht gibt es einmal gelegenheit sich persönlich zu begegnen.

Bis bald ganz liebe Grüße

Ich gehe offen mit meiner neuen Beziehung um. Einer Beziehung, in die ich mich nicht freiwillig begeben habe. 

Mysteriös, mysteriös … (c) iPhone Petra Thaller

 

Denn, soviel ist sicher, wenn ich nicht offensiv mit dem Thema an sich umgehe, gehe ich unter. Ich würde ersticken an Gedanken, an Phantasien, an Visionen vielleicht auch an Angst. Angst, die ich nicht habe. Ich habe keine Angst den Kumpel wieder los zu werden – alles zu seiner Zeit; Angst zu sterben habe ich schon gleich gar nicht.

Vielmehr ist es eine Zeiterscheinung. Wie eine Schwangerschaft. Auf einen bestimmten Zeitraum beschränkt. Und während der Schwangerschaft leben wir ja auch weiter, machen Pläne, freuen uns daran und daran, dass es irgendwann vorbei ist und ein neues Zeitalter anbricht.

Ich kann mich, obwohl ich ihn mir nicht ausgesucht habe, sogar für meinen neuen Bewohner in gewisser Hinsicht begeistern. Er zeigt mir neue Wege auf und er zeigt mir auf, wie sehr mich die Menschen doch mögen. Wie sehr sie mich Petra schätzen. Meine Art Dinge anzugehen, meinen Weg durch das Leben. Mit einem starken Lachen und leisen Tränen, die niemand sieht.

Stärke ist meine Stärke
Ich bin gerne stark für andere und für mich selbst. Gebe Rückhalt und habe ein offenes Ohr. Ich glaube an mich. Bin weder Optimist, noch Pessimist. Ich bin positiv.  Ja das ist es, wenn ich mich charakterisieren müsste, möchte ich die Attribute stark und positiv verwenden, so sehe ich mich gerne und so lebe ich mein Leben. Stark und positiv.

Im Falle von Sara war das ganz klar: Kind, zwar schon beinahe erwachsen, ist krank, dann muss ich eben handeln.

Menschen erzählen mir ihre Sorgen, dann höre ich eben zu. Sie brauchen das und ich darf mir dazu meine Gedanken machen. Sorgen übernehme ich nicht. Und wenn ich nur zu dem Schluss komme und bei mir denke: Dann ändere was. Mach was, dass du deinen Zustand ist Positive kehrst.

Ich habe einen guten Freund, er hat oberflächlich gesehen einfach alles was man sich so wünschen kann. Sieht gut aus, ist erfolgreich, besitzt das eine oder andere Statussymbol. Ein kluger, witziger, sympathischer Bursche. Kurz: ein Prachtexemplar. Wenn er nur nicht immer krank wäre. Kaum ein Telefonat in welchem er nicht ein Zipperlein hier oder dort hat. Er selbst erkennt das nicht mehr. Er selbst nicht. Ich höre ihm zu. Mehr kann ich nicht tun. Am liebsten würde ich ihm sagen, er möge den einen oder anderen Zustand in seinem Leben ändern. Darf ich das? Nein, das muss er selbst machen. Ich bin dazu da ihm zuzuhören, mit ihm zu lachen und aufregende Gespräche zu führen. Ändern muss er sein Leben selbst.

Das ist das Geheimnis des Lebens – wenn wir etwas möchten, dann sind wir selbst dafür verantwortlich dies zu bekommen, oder eben nicht. Träume bringen uns weiter, wie schön ist es, wenn sich der eine oder andere realisieren lässt – nicht zuletzt weil wir daran glauben, dafür arbeiten und manchmal eben dafür auch kämpfen.

auf meinem Weg nach Hause, nach 22 Stunden im Hospital (c) iPhone Petra Thaller - bin noch nicht losgefahren :-)

Das Telefon läutet. Sara ist dran. Sie weint. Ihr Körper schmerzt. Ich bin hellwach. Gehe zur Nachtschwester und bitte um „Freigang“ für 45 Minuten, um nach der Tochter zu sehen. Ihre Begeisterung hält sich in Grenzen. Kurz darauf düse ich durch die Nacht zu uns nach Hause.

Auf meinem Weg nach Hause, nach 22 Stunden im Hospital  (c) iPhone Petra Thaller - bin noch nicht losgefahren :-)

Auf meinem Weg nach Hause, nach 22 Stunden im Hospital (c) iPhone Petra Thaller – bin noch nicht losgefahren 🙂

Da Kind glüht. Fieberthermometer. Es funktioniert nicht. Also Mama Hand an die Stirn und erfühlen, was in diesem Körper los ist. Ich schätze so kurz vor der magischen 40 und krame in unserer Medikamentenkiste: Halsscherzen, Gliederschmerzen, Husten, Fieber. Ich stelle den Medikamentencocktail zusammen und gebe ihn Sara. Als ich kurz darauf das Haus verlasse ist sie eingeschlafen. Ich muss schon schmunzeln. Ich bin verrückt. Anstatt eine meiner wirklich guten Nachbarinnen oder Freundinnen anzurufen, rücke ich selbst aus. Denn das passt in das Drehbuch meines Lebens. Das eben anders ist. Es ist mein Drehbuch und ich erhebe mich nicht über andere Menschen, die an solch einem Morgen einfach liegen bleiben und andere die Arbeit tun lassen.

Nein, das mache ich nicht. Vier Stunden später werde ich entlassen. Exakt 22 Stunden nach dem Eingriff.

Ich atme tief durch
Dann ziehe ich los, kaufe alles was in eine anständige Hühnersuppe rein muss und bereite sie dem Kind. Mein Arm schmerzt. Ich mache zu viel. Das steht fest. Eigentlich sollte ich ein wenig langsamer tun. Und mein Körper signalisiert mir das auch. Doch ich kann nicht. Ich wurstle mich so durch den ganzen Tag. Bearbeite meine eMails. Vereinbare Termine für die nächsten Tage, telefoniere mit Andi und meinen Freundinnen. Den Blog fasse ich nicht an. Ich habe festgestellt, dass ich mich zu sehr in Details der Krankheit verlieren würde und nicht im Leben. Das möchte ich nicht. Und in Wirklichkeit tue ich das auch nicht.

Mein Leben ist derart komplex, dass ich keine Zeit für den Krebs habe. Er ist zur Nebenrolle abgestempelt und wird aus der Ecke auch nicht herauskommen, bis die Autorin ihn aus dem Film schreibt. Weil er stirbt. So einfach ist das.
Mein Leben ist leben, etwas schaffen, mich austauschen. Und immer wieder kommen ein paar Arschgeigen, verzeiht, die meinen, sie müssen mir einen Strich durch mein durch und durch gutes Leben machen. Privatmenschen und auch Geschäftspartner. Diese gruseligen Gestalten sind bestenfalls Zeit- und Energiediebe. Mehr aber nicht.

Wisst ihr, was mich dieser Krebs lehrt?
Er lehrt mich, mich besser abzugrenzen. Klarer zu werden, klar zu formulieren und noch zielgerichteter zu Handeln. Mein Krebs ist mein Lehrmeister. Durch ihn lerne ich Dinge, die meine Kinder längst beherrschen. Er zeigt mir wo es lang geht. Und, dass ich meine Zeit nicht mit Nebensächlichkeiten und vor allem nicht mit den Unzulänglichkeiten anderer vergeuden darf. Dafür bin ich dankbar.

Briefe an mich

Das ist heute mein ganz persönlicher Brief. Denn heute bin ich wieder dran mit der nächsten Chemo – dieses Mal im Wochenrhythmus – 12 Wochen lang ist Mittwoch mein Chemo-Tag und dann ist’s vorbei. Also ganz lieben Dank für diese Zeilen, sie sind heute mein Mutmacher des Tages!

Briefe an mich (c) iPhone Petra Thaller

Briefe an mich (c) iPhone Petra Thaller

Liebe Petra,

jetzt muss ich dir doch schreiben, aber ich ziehe nicht die Öffentlichkeit vor. Ich finde es grandios, wie du das alles von der Seele schreibst.
Ich lese jede Zeile und warte auf die nächste und überlege mir, wie es mir wohl erginge  … Und mir würde es nicht so ergehen – ich hätte Angst und Zweifel und wahrscheinlich auch Panik.

Deine Worte geben mir, als noch gesunden Menschen, Mut und Hoffung und geben mir jetzt schon Kraft, falls mal etwas Unerwartetes eintritt.
Ich beschäftige mich viel mit Sterben und Tod, aber mittlerweile bestimmt nicht mehr voller Angst und Sorge. Deshalb habe ich die Ausbildung zum Kinderhospizhelfer gemacht und warte aber  ängstlich und gleichermaßen auch neugierig auf meinen ersten „Einsatz“. Deine Worte helfen mir dabei.

Danke, ich würde dich jetzt sehr gerne in den Arm nehmen!

Ganz liebe Grüße

André Tappe für Thaller Media

(c) André Tappe für Thaller Media

… Von wegen. Zwei Aufzugfahrten später sitze ich wieder in meinem Zimmer. Notfall. Ich muss noch warten.

Endlich ist es so weit – oder die skurrile Atmosphäre vor der OP
Ich liege auf meinem OP-Bett und bekomme den Zugang für die Infusion gelegt. Kein leichter Akt für die Narkoseschwester. Bevor sie vergeblich im Arm nach einem leichten Zugang sucht, schlage ich ihr vor doch den Handrücken zu nehmen, bis dato hat das immer geklappt bei mir. Und ja, ich weiß, dass diese Stelle am Körper echt schmerzt, wenn die Nadel unter die Haut in die Ader geschoben wird. Aber, ich kann mich aber auch nur zu gut daran erinnern, wie sehr es schmerzte, als die letzte Narkoseschwester nicht fündig wurde und mir den Arm förmlich zerstochen hat, um dann doch den Zugang auf dem Handrücken zu legen. Dann doch lieber gleich so. Fuck. Das tut wirklich weh.

„Der OP muss noch geputzt werden, Frau Thaller. Wir sind gleich so weit.“
Ich liege also gefühlte Ewigkeiten da und warte, starre auf die Beleuchtung im Vorraum und warte. Betten werden vorbeigeschoben, die wartende Patientin neben mir abgeholt. Putzpersonal geht vorbei … ich warte. „Wissen Sie was, ich schiebe Sie jetzt gleich in den OP und wir machen die weiteren Vorbereitungen dort. Und sobald alles fertig ist, legen wir los.“ Nun gut. Stellt euch vor, ich liege also unter diesen OP-Leuchten und plaudere mit der Schwester. Währenddessen montiert sie zwei „Armausleger“ auf welchen meine Arme dann festgeschnallt werden. Ein Beruhigungsmittel hat bis dato meinen Körper noch nicht erreicht. Ich muss an etwas anderes denken. Ich drehe gleich durch. Ich stehe nicht auf Fesselspiele und schon gleich gar nicht im OP. Und ich frage mich, warum all dies Schwestern nicht aussehen, wie in den hübschen TV Serien aus den USA. Meine Güte, welch schaurige Gedanken habe ich. Als ob es nicht völlig egal ist, wie diese Damen aussehen, wo sie doch alle so freundlich sind.

Erleichterung in Sicht
Die Narkoseärztin. Endlich. Wegdämmern. Angst? Fehlanzeige. Sie spritzt mir ein Mittel, es fließt kühl in die Adern, wenige Atemzüge später bin ich weg. Und Augenblicke weiter, wache ich auf. An einem anderen Ort. Ich bin entspannt. Schlummere wieder weg und wache nochmals auf, als Plastischer Chirurg vor mir steht und mich frägt, ob er mich nach der Fallkonferenz am nächsten Donnerstag um 21.00 Uhr noch anrufen soll, oder lieber am darauffolgenden Tag. „Darauffolgender Tag.“, antworte ich und dann bin ich wieder weg. Sie sollen mich doch alle in Ruhe lassen, ich will jetzt schlafen und zwar so lange, bis ich wach bin. Was ich dann irgendwann bin.

Die Schwester im Aufwachraum
Die Unterhaltung mit der Krankenschwester ist klasse. Wir sprechen über mein Lieblingsthema, den Diagnostiker. Über den Plastischen Chirurgen, der mit die Brüste in einem halben Jahr neu modellieren soll. Über Chemotherapie, Haarverlust und all die Dinge, die nun anstehen. Ach ja und über meinen Friseur, dem ich in den nächsten Tagen den vorläufig letzten Besuch abstatten werden, um meine eigenen Haare nochmals so richtig aufpimpen zu lassen. Vier Tage später soll ich erfahren, dass sie bereits dort war und wiederum einen Tag danach treffe ich sie während der Nachkontrolle im Krankenhaus. Sie sieht toll aus und liebt meinen Friseur. Sein Verdienstausfall ist gerettet J.

Wenig später stehen wir gemeinsam am Fenster und genießen die frische, winterliche Abendluft. Die Schwester, der Blutbeutel und ich. 

8.45 Uhr, ich stehe in der Praxis der Radiologie, vier Stunden soll ich für diesen Termin einplanen. Also habe ich alles eingepackt, was ich zum Leben tagsüber benötige. Mein iPad, mein iPhone und mein MacBook.

Manches Mal fehlt einfach der Durchblick, aber das wird besser, wenn man den ersten Schritt hinaus wagt und sich den Dingen stellt. (c) iPhone Petra Thaller

Manches Mal fehlt einfach der Durchblick, aber das wird besser, wenn man den ersten Schritt hinaus wagt und sich den Dingen stellt. (c) iPhone Petra Thaller

Auf die Frage nach einem WLan-Netz ernte ich ein müdes Lächeln und den schnippischen Satz der Empfangslady „Wir haben hier auch kein Internet für privat“. Kein Netz, schreien mich meine mobilen Geräte an. Kein Netz. Okay, dann eben nicht. Dann eben Gala, Vogue und Harpers Bazar.

Erst ist die Lunge dran, dann wird das Kontrastmittel gespritzt, dann Ultraschall der Leber und des Bauchraums. Bingo. Alles fein. Kein versteckter Scheißkerl. Das Kontrastmittel muss zweieinhalb Stunden einwirken, ich möge doch ins Café gehen und ordentlich frühstücken und viel trinken, mindestens einen Liter. Ich fahre an meinen Schreibtisch und arbeite, trinke Tee und frühstücke.
Kurz nach zwölf bin ich wieder vor Ort, eine Kamera durchleuchtet meinen gesamten Körper und wieder: Bingo, da ist nichts. Keine weiteren Tumore höre ich den Arzt sagen, die Knochensubstand sehr gut.

Happy Birthday Frau Thaller, ich könnte Schreien vor Glück. Meiner Familie und meinen Freunden teile ich mit, dass ich ab sofort am 10. Februar, exakt 20 Tage nach der Erstdiagnose, meinen zweiten Geburtstag feiere. Jawohl, es ist nur Brustkrebst. Wie genial ist das denn. Und wie schön es nun auch wirklich zu wissen.

Besucht beim Plastischen Chirurgen
Am gleichen Tag, eine Stunde später sitze ich in einer superschicken Praxis von Prof. Fansa, er ist plastischer Chirurg, spezialisiert auf die weibliche Mamma. Ein sympathischer Typ. Auf dem Fensterbrett liegen Brustimplantate verschiedener Größen. Aber so weit sind wir noch nicht, nicht am heutigen Tag. Er bespricht mit mir die Entnahme des Sentinel. Dann werden meine Brüste aus vier Perspektiven fotografiert, sofort ein Termin mit dem Anästhesisten vereinbar. Ich möge mich beeilen, dann kann das Blut noch gleich heute abgenommen werden und eingeschickt.
So sollte es dann auch sein. Parkplatz vor der Praxis in der Sonnenstraße gecheckt. Blut abgenommen, Lungenfunktion getestet, EKG, ein Arztgespräch, ein Anästhesiegespräch, die Ärztin ist gerade mal dreißig himmeljung und cool.

Für die erste OP ich bin also gut vorbereitet. Nach einem acht Stunden-Ärztetag sitze ich endlich am Schreibtisch. So richtig viel schaffe ich nicht, ich bin mit freuen beschäftigt und mit Geburtstag feiern. Ein cooler Tag in die absolut richtige Richtung. Da saß echt ein Meister am Drehbuch.