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THE NEW LOOK © Sorin Morar

Das hatte ich mir so gedacht und die ersten Tage gelang dies auch sehr gut. Laufen gehen, Fotoshooting mit Sorin Morar und Thomas Straub an einem Tag, Fotoshooting mit Sorin Morar bei mir Zuhause an einem anderen. Die Haare müssen ab, bevor ich sie verliere – und dann …

© Sorin Morar und Thomas Straub

Darf ich vorstellen: Olga. © Sorin Morar und Thomas Straub

Es ist ein lustiges Shooting mit Sorin und Thomas, irgendwie finden sich hier drei Menschen, die es wirklich gut miteinander können. Die beiden Fotografen sind mir sehr nahe, ich kann mich fallen lassen und meinen Gefühlen, meinen Emotionen freien Lauf lassen, offen, ohne Angst verletzt zu werden.  Bekannte Gefühle, jene, die Erinnerungen aus wach werden lassen, als ich als junge Frau mein Geld mit Moderationen verschiedener TV-Formate und beim Film verdiente. Kamerascheu bin ich also nicht geworden, das beruhigt. Dafür musste ich mit Schrecken feststellen, dass das Gesicht, wenn es ehrlich und ausdrucksstark abgelichtet wird, alt und ja, auch ein wenig müde wirkt. Aber irgendwie auch … schön. Ehrlich.

Am liebsten habe ich dieses Bild oben – Sorin’s Arm mit Olga, jener Errungenschaft, nach der ich lange gesucht habe, die ich unbedingt haben musste und nicht ein Mal getragen habe. Sie ist nicht ehrlich, passt nicht zu mir. Mit ihr komme ich mir vor wie eine Schaufensterpuppe. Instinktiv wusste ich das zu diesem Zeitpunkt schon. Später hat sich dies bestätigt. Olga gehört zwischenzeitlich einer jungen Frau, die hoffentlich glücklich mit ihr ist.

Ein seltsames Gefühl

Tag drei nach der ersten Chemotherapie macht sich in meinem Körper ein seltsames Gefühl breit, undefinierbar, seltsam. Das Kortison hält mich nachts wach und tagsüber fühle ich mich ein wenig schlapp. Also, gehe ich laufen, was sonst, laufen macht den Kopf frei und ich fühle mich danach jedes Mal glücklich und stark. Doch irgendwie mag dieses dumme Gefühl nicht schwinden. Es ist nicht greifbar. Nun so hangle ich mich durch die Tage, arbeite, mache Sport und organisiere meinen ‚Glatzentag‘.

„De wachn ja wieda“, © Selfi Andreas Ried

Mein Bergfreund Andi ist solidarisch und lässt sich auch eine Glatze rasieren – am gleichen Tag – und grinst … „de wachsn ja wieda“, typisch Andi, danke dir an dieser Stelle für deinen trockenen Humor!

Hairday: Oder wie die Friseurin verzweifelt

Nun ist er also da, der gefürchtete Tag, der Tag, an dem ich meine Haarpracht nun gegen Glatze tausche – bewusst mit die Haare abschneiden lasse, bevor sie mir büschelweise in wenigen Tagen ausgehen werden. Keine vorübergehende Kurzhaarfrisur, sondern einen Radikalschnitt – denn: „De wachen ja wieda“.

Bilder sind in diesem Falle sicher besser als Worte, daher gibt es nun Einblicke in die Prozedur des Haarschneidens – ungeschminkt und es gab keine Träne, außer die der lieben Friseurin. Meine Tochter Sara war mit dabei, ein kleines Familienfest der anderen Art.

Bilder sagen mehr als Worte

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

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© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

Der erste Cut ist getan, alle sind erleichtert. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Sieht ja gar nicht so schlecht aus, wenn die Haarpracht runter ist. © Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

Wir nähern uns an, Kurzhaarschnitt so viel weiß ich jetzt schon, kommt nicht in Frage 😉 © Sorin Morar

© Sorin Morar

Danke an die Tochter, dass sie diesem ‚Spaß‘ mitgemacht hat. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Not my style. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Schräg. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Viel Gesicht. © Sorin Morar

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Final cut. © Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

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© Sorin Morar

© Sorin Morar

© Sorin Morar

Ich sag nur Olga. © Sorin Morar

© Sorin Morar

Olga … immer wieder Olga © Sorin Morar

© Sorin Morar

Fremdkörper © Sorin Morar

© Sorin Morar

Geschafft … die Frage ist, wer war hier mehr erleichtert :-). © Sorin Morar

© Sorin Morar

Stilleben mit Haaren © Sorin Morar

© Sorin Morar

Na also, darf ich vorstellen, THE NEW LOOK © Sorin Morar

Sieht man es mir an? Ich bin froh, dass dieser Schritt getan ist. Froh, dass ich diesen Schritt weiter bin, denn jeder Tag ist ein Tag, der mich dem Ziel: Erfolgreiches Ende der Chemotherapie, näher bringt. Und ich habe einen Vorsatz, auch wenn es nicht immer ganz leicht fällt: Lebe dein leben, nimm es in die Hand, dann geht diese Zeit auch schnell vorüber.

Erste Chemotherapie (c) iPhone Petra Thaller

Es ist nun alles getan, sämtliche Untersuchungen sind erfolgt. Die Wächterlymphknoten entnommen und lediglich zwei waren von Metastasen befallen, der Port gesetzt, die genetische Untersuchung erledigt. Ich bin bereit für den nächsten Schritt: die erste Chemotherapie.

1. Chemositzung

1. Chemositzung (c) iPhone Petra Thaller

Es ist Montag, 3. März 2015 9.00 Uhr. 
Was auf mich zukommt weiß ich nicht. Ich sitze im Therapieraum von Dr. Sattler im Arabellahochhaus. Ikea lässt grüßen und nachdem ich wieder einmal nicht superpünktlich bin, erwische ich lediglich das letzte freie Sofa im Eingangsraum. Nun was soll’s. Bewaffnet mit leckerem Cappuccino, einem Croissant und einer leckeren Leberkässemmel aus dem Chocolatte meiner Freundin Yurdagül Balci, harre ich der Dinge die da kommen.

Ich werde über den Port mit den Chemikalien versorgt, so richtig erklärt wird mir nichts – ist ja schließlich für den Chemopfleger lediglich Routine. Für mich allerdings nicht. Nun, ich sitze also geduldig da und nehme die nächsten zweieinhalb Stunden einen Cocktail nach dem anderen zu mir. Ein roter ist auch dabei.

Die Zeit vergeht im Flug
Ich habe mein Laptop dabei und arbeite. Doch dann passiert das Unsägliche. Eine Frau meines Alters kommt mit ihrer Mutter (sie sitzt im Rollstuhl und kann sich nicht mehr artikulieren) in den Raum. Sie ältere Dame wird – bitte verzeiht den Ausdruck – direkt vor mir geparkt. In voller Montur, Hut, Mantel, wartet sie geduldig was nun passiert. Ich muss sie ständig anstarren, was mir richtig peinlich ist. Nun, die Tochter soll in der Apotheke um die Ecke ein Medikament für die Mutter besorgen. Für eine halbe Stunde kümmert sich niemand um diese Frau. Plötzlich taucht die aufgelöste Tochter wieder auf. Es entsteht ein kurzer Disput mit dem Chemopfleger, weil sie die Apotheke nicht gefunden hat. Welch ein Irrsinn. Die Rollstuhlfrau versucht sich einzumischen, daraufhin entfacht ein Streit zwischen Mutter und Tochter … wo bin ich nur hingeraten. Beschämt drehe ich mich weg.

Als ich kurze Zeit darauf wieder vom meinem Laptop hochblicke, sehe ich, wie der Chemopfleger den Pullover der älteren Frau hochhebt, mitten im Raum, ungeschützt vor fremden Blicken, und ihr eine Spritze in die Bauchdecke gibt. Ich bin entsetzt. Warum wird Intimsphäre nicht gewahrt? Warum gibt es keine Achtung dieser Frau gegenüber?

Die Szene ist irgendwann abgeschlossen, Mutter und Tochter haben die Praxis verlassen. Nach zweieinhalb Stunden, werde ich abgestöpselt. „Bis in drei Wochen Frau Thaller und trinken Sie viel!“ Das war’s? „Und nehmen Sie Ihre Tabletten, damit Ihnen nicht übel wird.“
Kein Info über wöchentliche Blutchecks, kein Hinweis, dass ich auf die Körpertemperatur achten muss, nichts. Das soll ich alles erst viel später von meiner Freundin Maike aus Lübeck erfahren.

Ich merke nichts
Im Anschluss an die erste Chemositzung fahre ich noch zu unsere Agentur, um mir den Fortschritt der Moutains4U anzusehen und die Umsetzung der Artikel zu besprechen. Eine seltsame Stimmung umfängt mich. Ich weiß nicht was passiert. Die Horrorgeschichten derer, die mir über die Therapie erzählt haben, stimmen mich ein wenig seltsam. Es ist einfach komisch nicht zu wissen was passiert.

Der Abend verläuft normal, ich trinke viel, esse mit den Kindern und gehe zu Bett. Ich bin richtig nervös, wache nachts ständig auf. Immer in Erwartung, dass irgendwas passiert – tut es aber nicht. Es passiert einfach nichts. Das kann ja nicht sein, ich bin keine Ausnahme! Sicher nicht! Nun, ich nehme alles so an, wie es eben ist und schlafe dann endgültig gegen Morgen tief und fest ein.

So könnte ein leeres Gesicht aussehen. Nur das mit dem leidenden Ausdruck wollte ich nicht aufnehmen. (c) iPhone Petra Thaller

Wie ich wohl ohne Haare aussehe, ohne Augenbrauen und ohne Wimpern. Kurzerhand greife ich zur Schere – nicht um mir die Haare zu schneiden, nein, um mir ein Stück Leukoplast von der Rolle abzuschneiden und über meine Augenbrauen zu kleben.

So  könnte ein leeres Gesicht aussehen. Nur das mit dem leidenden Ausdruck wollte ich nicht aufnehmen. (c) iPhone Petra Thaller

So könnte ein leeres Gesicht aussehen. Nur das mit dem leidenden Ausdruck wollte ich nicht aufnehmen. (c) iPhone Petra Thaller

Dann setze ich mir eine Mütze auf, verstaue meine Haarpracht unter selbiger und pudere mir mein Gesicht hell, farblos, transparent. Ich trete vor den Spiegel und betrachte mich erschrocken – jetzt noch der theatralisch leidende Gesichtsausdruck und ich bin das perfekte Krebs-Gesicht – scarry. Sara erschrickt. „Du spinnst, warum machst du das?“ Und dann, dann möchte sie es ebenfalls probieren. Mitgehangen, mitgefangen. Es ist nicht leicht für eine junge Frau solch eine Mutter zu haben. Eine, die alles als eine Challenge annimmt und die immer versucht, das Gute in der Sache zu sehen.

Nicht einfach, wenn ich dann auch noch sage, was ich doch für ein Glück habe, Krebs zu haben. Dass ich diese Erfahrung machen darf und dadurch vielleicht anderen Menschen helfen kann. „Mama, du spinnst“, kommentiert Sara wiederum meine Gedanken.

Der Port vor der ersten Chemo
Wie ich die Vorstellung verabscheue, dass in meinen Körper dieses Ding eingesetzt wird. Ein Fremdkörper, der nun mein Leben weiterhin begleitet. Ich bin in einer Tagesklinik in der Sonnenstraße, es ist 12.00 Uhr mittags. Parkplatz: vor der Türe, was sonst.

Sie sind schon dran Frau Thaller, kommen Sie bitte mit. Dann wird mir wieder eines der superschönen, hinternfreien Nachthemden gereicht, eine äußerst attraktive Kopfbedeckung, wie die Duschhauben in manchen Hotels und Überzieher für die Füße. Los geht’s. Ich bekomme ein Bett zugewiesen, den Zugang gelegt und warte. Dann kommt mein Operateur wir sprechen über den Port und ich erinnere ihn an meine Bitte unseres Erstgespräches, er möge mir den Port so setzen, dass ich noch problemlos einen Rucksack tragen kann. Er schmuntzelt. Und schon bin ich dran. In dem kleinen OP-Raum werde ich Zeugin eines Steitgespräches zweier Schwestern und höre mich fragen: „Na, wie lange sind Sie denn schon hier Ladies?“ Dann dämmere ich weg.

Es ist vollbracht, denke ich mir, als ich langsam wieder in den Wachzustand zurückdämmere, zwei OPs habe ich nun hinter mir. Es ist vollbracht. Jetzt bin ich bereit um meinen neuen Mitbewohner loszuwerden. Es ist der 24. Februar 2015.

Ich gehe offen mit meiner neuen Beziehung um. Einer Beziehung, in die ich mich nicht freiwillig begeben habe. 

Mysteriös, mysteriös … (c) iPhone Petra Thaller

 

Denn, soviel ist sicher, wenn ich nicht offensiv mit dem Thema an sich umgehe, gehe ich unter. Ich würde ersticken an Gedanken, an Phantasien, an Visionen vielleicht auch an Angst. Angst, die ich nicht habe. Ich habe keine Angst den Kumpel wieder los zu werden – alles zu seiner Zeit; Angst zu sterben habe ich schon gleich gar nicht.

Vielmehr ist es eine Zeiterscheinung. Wie eine Schwangerschaft. Auf einen bestimmten Zeitraum beschränkt. Und während der Schwangerschaft leben wir ja auch weiter, machen Pläne, freuen uns daran und daran, dass es irgendwann vorbei ist und ein neues Zeitalter anbricht.

Ich kann mich, obwohl ich ihn mir nicht ausgesucht habe, sogar für meinen neuen Bewohner in gewisser Hinsicht begeistern. Er zeigt mir neue Wege auf und er zeigt mir auf, wie sehr mich die Menschen doch mögen. Wie sehr sie mich Petra schätzen. Meine Art Dinge anzugehen, meinen Weg durch das Leben. Mit einem starken Lachen und leisen Tränen, die niemand sieht.

Stärke ist meine Stärke
Ich bin gerne stark für andere und für mich selbst. Gebe Rückhalt und habe ein offenes Ohr. Ich glaube an mich. Bin weder Optimist, noch Pessimist. Ich bin positiv.  Ja das ist es, wenn ich mich charakterisieren müsste, möchte ich die Attribute stark und positiv verwenden, so sehe ich mich gerne und so lebe ich mein Leben. Stark und positiv.

Im Falle von Sara war das ganz klar: Kind, zwar schon beinahe erwachsen, ist krank, dann muss ich eben handeln.

Menschen erzählen mir ihre Sorgen, dann höre ich eben zu. Sie brauchen das und ich darf mir dazu meine Gedanken machen. Sorgen übernehme ich nicht. Und wenn ich nur zu dem Schluss komme und bei mir denke: Dann ändere was. Mach was, dass du deinen Zustand ist Positive kehrst.

Ich habe einen guten Freund, er hat oberflächlich gesehen einfach alles was man sich so wünschen kann. Sieht gut aus, ist erfolgreich, besitzt das eine oder andere Statussymbol. Ein kluger, witziger, sympathischer Bursche. Kurz: ein Prachtexemplar. Wenn er nur nicht immer krank wäre. Kaum ein Telefonat in welchem er nicht ein Zipperlein hier oder dort hat. Er selbst erkennt das nicht mehr. Er selbst nicht. Ich höre ihm zu. Mehr kann ich nicht tun. Am liebsten würde ich ihm sagen, er möge den einen oder anderen Zustand in seinem Leben ändern. Darf ich das? Nein, das muss er selbst machen. Ich bin dazu da ihm zuzuhören, mit ihm zu lachen und aufregende Gespräche zu führen. Ändern muss er sein Leben selbst.

Das ist das Geheimnis des Lebens – wenn wir etwas möchten, dann sind wir selbst dafür verantwortlich dies zu bekommen, oder eben nicht. Träume bringen uns weiter, wie schön ist es, wenn sich der eine oder andere realisieren lässt – nicht zuletzt weil wir daran glauben, dafür arbeiten und manchmal eben dafür auch kämpfen.

auf meinem Weg nach Hause, nach 22 Stunden im Hospital (c) iPhone Petra Thaller - bin noch nicht losgefahren :-)

Das Telefon läutet. Sara ist dran. Sie weint. Ihr Körper schmerzt. Ich bin hellwach. Gehe zur Nachtschwester und bitte um „Freigang“ für 45 Minuten, um nach der Tochter zu sehen. Ihre Begeisterung hält sich in Grenzen. Kurz darauf düse ich durch die Nacht zu uns nach Hause.

Auf meinem Weg nach Hause, nach 22 Stunden im Hospital  (c) iPhone Petra Thaller - bin noch nicht losgefahren :-)

Auf meinem Weg nach Hause, nach 22 Stunden im Hospital (c) iPhone Petra Thaller – bin noch nicht losgefahren 🙂

Da Kind glüht. Fieberthermometer. Es funktioniert nicht. Also Mama Hand an die Stirn und erfühlen, was in diesem Körper los ist. Ich schätze so kurz vor der magischen 40 und krame in unserer Medikamentenkiste: Halsscherzen, Gliederschmerzen, Husten, Fieber. Ich stelle den Medikamentencocktail zusammen und gebe ihn Sara. Als ich kurz darauf das Haus verlasse ist sie eingeschlafen. Ich muss schon schmunzeln. Ich bin verrückt. Anstatt eine meiner wirklich guten Nachbarinnen oder Freundinnen anzurufen, rücke ich selbst aus. Denn das passt in das Drehbuch meines Lebens. Das eben anders ist. Es ist mein Drehbuch und ich erhebe mich nicht über andere Menschen, die an solch einem Morgen einfach liegen bleiben und andere die Arbeit tun lassen.

Nein, das mache ich nicht. Vier Stunden später werde ich entlassen. Exakt 22 Stunden nach dem Eingriff.

Ich atme tief durch
Dann ziehe ich los, kaufe alles was in eine anständige Hühnersuppe rein muss und bereite sie dem Kind. Mein Arm schmerzt. Ich mache zu viel. Das steht fest. Eigentlich sollte ich ein wenig langsamer tun. Und mein Körper signalisiert mir das auch. Doch ich kann nicht. Ich wurstle mich so durch den ganzen Tag. Bearbeite meine eMails. Vereinbare Termine für die nächsten Tage, telefoniere mit Andi und meinen Freundinnen. Den Blog fasse ich nicht an. Ich habe festgestellt, dass ich mich zu sehr in Details der Krankheit verlieren würde und nicht im Leben. Das möchte ich nicht. Und in Wirklichkeit tue ich das auch nicht.

Mein Leben ist derart komplex, dass ich keine Zeit für den Krebs habe. Er ist zur Nebenrolle abgestempelt und wird aus der Ecke auch nicht herauskommen, bis die Autorin ihn aus dem Film schreibt. Weil er stirbt. So einfach ist das.
Mein Leben ist leben, etwas schaffen, mich austauschen. Und immer wieder kommen ein paar Arschgeigen, verzeiht, die meinen, sie müssen mir einen Strich durch mein durch und durch gutes Leben machen. Privatmenschen und auch Geschäftspartner. Diese gruseligen Gestalten sind bestenfalls Zeit- und Energiediebe. Mehr aber nicht.

Wisst ihr, was mich dieser Krebs lehrt?
Er lehrt mich, mich besser abzugrenzen. Klarer zu werden, klar zu formulieren und noch zielgerichteter zu Handeln. Mein Krebs ist mein Lehrmeister. Durch ihn lerne ich Dinge, die meine Kinder längst beherrschen. Er zeigt mir wo es lang geht. Und, dass ich meine Zeit nicht mit Nebensächlichkeiten und vor allem nicht mit den Unzulänglichkeiten anderer vergeuden darf. Dafür bin ich dankbar.

Es ist schön, wenn man sich verlassen kann. Es ist nicht so, dass uns die Kinder auffangen sollen. Aber, so oft ist es so, dass sie es tun, ohne es zu wissen. (c) iPhone Sara Thaller, years ago.

„Wenn’s läuft, dann läuft’s“, könnte ich gerade mein Leben beschreiben. Alles positiv. Positive Gespräche, positive Termine, gute Arbeit, viel Freude. Der eine oder andere Querschläger, der immer mal wieder daherkommt, detoniert nicht bei mir. Den Fangen meine Freunde für mich ab und schlagen zurück. Weil ich eines in solch kurzer Zeit nun endlich gelernt habe: Ich muss um Hilfe bitten. Es gibt Dinge, die ich nicht kann, von denen ich keine Ahnung habe. Ich werde doch noch ein kluges Mädchen, so eines, wie ich immer sein wollte. Klug, erfolgreich, beliebt, lustig und anderen Halt gebend. So und nicht anders möchte ich sein. Ich arbeite daran und dieser neue Freund ist mein Lehrmeister.

Es ist schön, wenn man sich verlassen kann. Es ist nicht so, dass uns die Kinder auffangen sollen. Aber, so oft ist es so, dass sie es tun, ohne es zu wissen. (c) iPhone Sara Thaller, years ago.

Es ist schön, wenn man sich verlassen kann. Es ist nicht so, dass uns die Kinder auffangen sollen. Aber, oft tun sie dies, ohne es zu wissen. (c) iPhone Sara Thaller. Diese Aufnahme liegt Jahre zurück.

Der schwarze Donnerstag
Eigentlich war er nicht schwarz, nur meine Psyche war es an diesem Tag. Und zwar exakt ab 15.00 Uhr, als ich die Praxis des Port-Chirurgen im Olympiazentrum betrat. Die Leute dort waren nett, der Doc auch, er hat mir alles erklärt, wie das Einsetzen des Ports funktioniert und was schief laufen kann. Ein vertrauenswürdiger Kerl. Aber die Beschreibung, wie diese OP von Statten geht und wie dann der Schlauch … mir lief plötzlich ein eisiger Schauer über den Rücken. Ich gebe mich souverän und vereinbare einen Termin für den 24. Februar. Ich will dieses Ding da nicht in meinem Körper haben, bei mir sträubt sich alles.

Und da sind sie wieder, die leisen Tränen. Diese leisen Dinger, die mir aus den Augen rinnen und deren Fluss ich nicht stoppen kann. Ich beschließe spontan meinem Onkologen einen Besuch abzustatten. Ich habe den Arztbrief von Prof. Harbeck im Gepäck. Sie schlägt eine Studie vor und ein weiteres Medikament, das in USA bereits zugelassen ist, bei uns noch nicht.
Die Tränen laufen weiter. Ein echt schwarzer Donnerstag. Bis dahin dachte ich, ich bekomme 4 Gaben Chemo alle drei Wochen, dann die Brust-OP und dann nochmal 12 Gaben wöchentlich. Jetzt erfahre ich, dass ich da wohl was falsch verstanden habe. Erst die gesamte Chemo und dann die OP im September.
Ich frage noch, wann ich die Haare verlieren werden. „Exakt 14 Tage nach der ersten Chemo.“, lautet die Antwort.
Ob wir gleich einen Termin vereinbaren wollen, werde ich gefragt. Und mir wird mitgeteilt, dass ich noch einen Herzultraschall benötige. Man zeigt mir das Zimmer, in welchem die Chemotherapie stattfinden wird. Die Tränen laufen einfach weiter. Seit nunmehr 30 Minuten. So ein Mist. Der Raum ist wie im Film, diese komischen Sitzbetten, zwei nebeneinander, der Blick aus dem Fenster: trist. Ikeakissen sollen eine wohnliche Atmosphäre suggerieren. Da will ich nicht hin.
An diesem Tag will ich einfach nichts. Auch nicht den Herzultraschall, der natürlich gut ist, wie sollte es bei meinem Herzen auch anders sein. Ich kann nicht aus den Augen sehen. Aber niemand spricht mich darauf an. Auf meine Tränen. Ich sehe aus wie ein Heulmonster, obwohl ich das überhaupt nicht bin. Ich bin kein Jammerlappen, kein Heulmädchen.

Meine Tochter Sara ruft mich an, wir müssen noch Foodshoppen gehen. Das ist die Rettung, mein Mädchen, sie möchte Essen kaufen gehen. Das tun wir auch und mit dem Telefonat versiegen die Tränen und Kraft durchströmt meinen Körper und meine Seele. Ich bin erschöpft vom Nichtstun. Wir kochen, um 20.00 Uhr gehe ins Bett und schlafe den komischen Tag einfach weg.

Jeder Tag ist einzigartig
So viel steht fest, jeder Tag beginnt von neuem. Das Grau des vergangenen ist einfach weg. Freitag der 13. ist für mich immer ein Glückstag, seitdem ich in der achten Klasse meine einzige Eins in Mathe an einem Freitag dem 13. geschrieben habe. Heute, wieder an einem Freitag den 13. ist Genetik-Tag. Sara kommt mit, es ist ein gutes Gefühl, dass die Tochter mit dabei ist und mithören kann, dass alles nicht so schlimm aussieht. Die Genetikerin ist die Frau meines geliebten Gynäkologen, der, der den Sohn auf die Welt gebracht hat.
Sie ist einmalig, das war zu erwarten. Ich verstehe endlich worum es geht und erfahre, dass ich wahrscheinlich ohnehin nicht dieses wirklich gefährliche Gen in mir trage. Das würde mich so sehr freuen für meine Kinder und für mich. Wir sprechen über die Eierstöcke, die im Falle des Falles dann auch noch rausmüssen. Und über die Faszination der Genetik.
Mein Gegenüber kommt ins Schwärmen. Ich fühle mich gut aufgehoben.

Sara und ich gehen shoppen, Geburtstagshoppen für Sara und zwei meiner Freundinnen. Ein hübsch normales Leben, danach zu Dean & David Salat zum Lunch besorgen und zurück nach Hause an den Schreibtisch. Ich bin superproduktiv. Wirklich. Meine Arbeit bereitet mir Freude. Ich bin motiviert und auch richtig gut in allem, was ich zur Zeit tue. Feiern gehört seit den Weihnachtsferien wieder zu meinem Alltag – wie sehr hatte ich dieses Gefühl vermisst.