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Lachende Augen, fröhliches Gekreische oder einfach nur Dankbarkeit – immer wieder erleben wir den Beweis dafür, wie wunderbar es ist andere Menschen glücklich zu machen und damit das eigene Leben zu versüßen.

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Skidoo fahren bei Minusgraden in Schwedisch Lappland – love it!

Was mit einem Donnerschlag am 21sten Januar in mein Leben trat, wurde zu meinem großen Glück. Es ist so. Nachdem die ersten Wochen vergangen waren und die erste und zweite Chemotherapie überstanden, der Schädel kahl rasiert und der Verstand ja zu dieser Lebensphase sagte, hatte ich wieder Kraft voranzuschreiten.

Kraft ist mein Lebenselixier.
Sie macht mich lebendig und lässt meinen Verstand sprühen. So konnte ich, trotz der miesen Krankheit beruflich voranschreiten, Erfolge einheimsen und das Fundament für Outdoor against Cancer #stayfitgethealthy, einer gemeinnützigen Organisation legen. Einer Organisation, die zunächst Menschen mir Krebserkrankung die Schönheit der Natur und die Wichtigkeit von Outdoor-Aktivitäten nahe bringen wird.

Nach finaler Gründung im Januar 2016 werden wir gemeinsam mit dem Brustzentrum der LMU München eine Studie durchführen, welche die positiven Auswirkungen von Outdoor-Aktivitäten auf Krebspatienten und -patientinnen belegen soll. Und das wird sie, so viel ist sicher.

In einem zweiten Schritt wird es eine OaC-Ausbildung für jene Menschen geben, die interessierte Krebspatienten mit in die Natur nehmen. Gedacht ist hier in erster Linie eine Zusammenarbeit mit den Bergwanderführern, Fitnesstrainern, Yogalehrern, um nur einige zu nennen. Diese Ausbildung wird 3 x 3 Tage dauern und medizinische, sportwissenschaftliche und alpine Aspekte beinhalten. Mit diesen OaC-zertifizierten Trainern werden dann länderübergreifend Outdoor-Aktivtäten angeboten werden.

Ebenso im Plan ein OaC-Dorf, welches krebserkrankten Menschen nach der Therapie die Möglichkeit geben wird in alpiner Landschaft zu gesunden. Dies war nur ein kleiner Auszug aus dem, was bis dato entwickelt wurde.

Kein Wunder also, dass ich mich zu den glücklichen Menschen zählen kann. Ein wenig fehlen mir die Worte für all die Dinge, die mir gerade während meiner zehntägigen Auszeit in Schwedisch Lappland durch den Kopf gehen.

Mit Unterstützung von meinen Freunden Christoph Lefkes und Kurt Löffelmann ist bereits ein ganzheitliches Konzept für OaC entstanden – jetzt geht es nur noch darum, unseren Visionen final Gestalt zu geben. Ein wunderbares Gefühl. 

Bereits vor finalem Gründungsstatus hatten wir eine riesige Anzahl von Unterstützern, die uns geholfen haben Speed auf dieses Thema zu bringen.

Mein besonderer Dank gilt den Kollegen und PR-Agenturen die über OaC berichtet haben und uns damit an der Verbreitung der Message unterstützen. Natürlich den finanziellen Unterstützern, die unseren Start erst ermöglichten wie Lowa Sportschuhe GmbH, BERG Outdoor, Klean Kanteen, European Outdoor Group, Outdoor Messe Friedrichshafen und Buff. Und natürlich all den Firmen und Partnern, die uns ihre Unterstützung für 2016 bereits zugesagt haben.

All das war nicht immer leicht im vergangenen Jahr, aber jede investierte Sekunde war es wert – wert für die Menschen da draußen, denen OaC in Zukunft helfen wird und auch für mich.

In diesem Sinne wünsche ich  friedliche Feiertage und einen guten Start in das Jahr 2016.

Es war ein langer Weg, voller Höhen und Tiefen, die ich wunderbar bewältigt habe.
Es gab Tage, an denen selbst mir der Sport draußen  nicht wirklich leicht fiel und Tage, an denen ich hätte Berge besteigen können – im Schneckentempo. Aber eines war sowohl den guten, als auch den schlechten Tagen gemein: Sobald ich draußen war, ging es mir besser. Daher habe ich beschlossen kein Wort mehr über die Vergangenheit zu verlieren und euch weiterhin an den positiven Dingen teilnehmen zu lassen, an den Geschichten, die es wert sind sie zu erzählen. Eingestreut wird es im Rückblick sicher den einen oder anderen Moment geben, den ich auch heute noch wichtig finde mitzuteilen.

Gipfelgespräch International Mountain Summit, Brixen © Michaela Wiese

Eines steht fest, die Chemotherapie, all die traurigen Dinge, die sich ereignen können, Ängste und Nöte, welche Betroffene und ihre Familien ereilen, werden zu Hauf in Foren und Blogs besprochen und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Leider bekommen hierdurch die Menschen eben auch Angst. Furcht greift um sich und genau das möchte ich nicht. Es gibt nichts zu fürchten, denn all das was während der Therapie passiert, für eine die eine große Sache gut – zunächst für das eigene Überleben und schließlich für ein weiteres Leben mit den Menschen, die wir lieben und die uns lieben.

Mein letzter Post ist Monate her
Ich verspürte einfach keine Lust über die Krankheit zu schreiben. Wollte nicht in Konkurrenz mit Menschen treten, denen es ein riesiges Bedürfnis ist über ihr Leid zu sprechen. Vielmehr verspürte ich eine große Kraft in mir, Menschen mit Krebs zu helfen, so wie meine Kinder und meine Freunde mir halfen. All diese Menschen akzeptierten einfach meinen Tatendrang, mein: „Ich muss jetzt raus, ich muss mich spüren, ich muss spüren, dass ich noch Kraft habe.“ Zuzusehen, wie ein Mensch, der immer nur so vor Energie und Kraft strotzte, langsam aber sicher, trotz der regelmäßigen Outdoor-Aktivitäten, immer langsamer wurde. Früh zu Bett ging und morgens am liebsten liegen geblieben wäre, ist nicht leicht. Zu akzeptieren, dass dieser Mensch alles weiterhin selbst machen möchte, sich nicht helfen lassen, um die Normalität im Leben nicht zu verlieren, ist nicht einfach. Dafür möchte und muss ich an dieser Stellen all meinen Lieben danken.

„Kaum ziehe ich meine Bergklamotten an, fühle ich mich wie Batwomen, stark und bereit alles leisten zu können.“ Petra Thaller © Michaela Wiese

In den Monaten der Chemotherapie habe ich den Grundstein für mein viertes Baby gelegt
Outdoor against Cancer (OAC)– unter dem Motto #stayfitgethealthy haben wir es uns zum Ziel gesetzt, Krebskranken Menschen und ihren Familien zu helfen. Sei es mit speziell ausgearbeiteten Touren in den Bergen, einem eigenen OaC-Dorf, wir wollen beratend zur Seite stehen und dafür sorgen, dass die wichtige Normalität aus dem Leben nicht verschwindet.

Mein ganz persönliches Engagement startet klein
Ab Mitte November werde ich zunächst ein Mal pro Woche mit Patientinnen des Brustzentrums der LMU München rausgehen, um mit ihnen die Magie des Outdoor-Trainings zu teilen. Eineinhalb Stunden draußen trainieren. Im Focus stehen dabei sanfte Bewegungen um die Leistungsfähigkeit zu erhalten, Kraft und Ausdauer aufzubauen, den Kopf frei bekommen. Diese Stunden sollen dazu dienen den Patientinnen zu zeigen, dass Outdoor-Aktivitäten während der Chemotherapie und natürlich im Anschluss daran, ein wunderbarer Weg sind.

#stayfitgethealthy
Es geht nicht darum Höchstleistungen zu vollbringen, sondern darum fit zu bleiben und nach Möglichkeit zu gesunden.

Briefe an mich

Nach und nach werde ich Briefe von Freunden und bis dato Unbekannten auf meiner Seite veröffentlichen. Ohne Namensnennung und ohne persönlichen Bezug, um die Privatsphäre der Menschen zu wahren. Dies sind Worte für alle, die mit einer ähnlichen Situation umgehen müssen, Worte die das Gefühl des sich alleine Fühlens vielleicht ein wenig erträglicher Briefe an mich

Briefe an mich (c) iPhone Petra Thaller

Ich beantworte jede Nachricht so gut ich kann. Wenn ich also die Ihre oder deine noch nicht beantwortet habe, werde ich dies sicher noch tun. Und Danke an alle, die mir schreiben.  Das gibt Kraft und Mut diesen Weg intensive weiterzugehen.
Liebe Petra,
nachdem ich lange nicht auf Facebook unterwegs war, hab ich erst kürzlich mitbekommen, was dich für ein Sch … Schicksal ereilt hat. Das tut mir echt sehr, sehr leid! :-(. Ich bin mir aber sicher – nachdem was ich jetzt alles auf deiner Seite gelesen hab – du schaffst das und du bist sicher stärker als dieses blöde Tier – wär doch gelacht!
 
Warum schreib ich dir diese Zeilen? Deine Geschichte nimmt mich gerade ziemlich mit – meine Mama ist letztes Jahr an Hautkrebs operiert worden – nach der OP war die Prognose seitens Ärzten sehr gut. Dieses Jahr im März war sie zweimal wg. OP eines Lymphons im Krankenhaus und bekommt jetzt auch Chemo. Nachdem meine Mama aber seit zig Jahren alles andere als gesund gelebt hat (starke Raucherin, keine Bewegung – aber immerhin viel Schlaf ) verkraftet sie die Chemo natürlich nicht so gut – und sie zieht sich noch mehr zurück in ihr Schneckenhaus. Alle Bemühungen sie da raus zu bekommen oder sie zu bewegen, dass sie endlich das Rauchen aufhört scheitern kläglich in verletzenden Kommentaren. Ich sag ja nie, dass man Hochleistungssport machen muss – aber nur einfach eine Stunde spazieren gehen – das wäre ja schon echt grandios.
 

Als ich deine Geschichte gelesen hab, war eigentlich mein erster Gedanke: „Könnte nicht meine Mama nur einen winzigen Teil deiner lebensbejahenden Energie haben? – Oder, wie verdammt noch mal, kann man sie dazubringen sich endlich mal was Gutes zu tun?“ Es ist wirklich schlimm und ich leide so sehr darunter, weil ich es einfach nicht verstehen kann, dass man sich mit Gewalt selber kaputt machen will … Wenn ich dann deine Geschichte dazu lesen, denk ich mir immer: Wie geil ist das denn? – Genauso und nicht anders!

Mach weiter so – bleib stark – und lass dich nicht unterkriegen! Never!

 
So jetzt reichts – sonst muss ich gleich wieder weinen, wenn ich weiter schreibe!
 
Herzliche Grüße und pass auf auf dich, ja!

„Ja Leute, ich bin wieder da. Wie es war? Prima. Ich habe Hunger und zwar richtig.“ Zum Dinner gibt es zwei Scheiben Brot, eine Margarine und drei Scheiben Käse sowie zwei winzig kleine Käseecken. Kein Gemüse, keine Gurkenscheibe. Nicht einmal Wasser stellen sie einem hin.

(c) Sorin Morar

(c) Sorin Morar.

 

Verrückt. Ich verspüre solch eine intensive Lust nach Salat, dass ich mich entschließe die nette Aufwachschwester zu fragen, ob ich kurz raus darf an die frische Luft.
Nicht in meinem sexy hinternfreien Nachthemd, sondern standesgemäß im lässigen OnePiece mit Uggs und Daunenjacke. Was sonst. Sie starrt mich mit ihren riesigen braunen Augen an und kann nicht nein sagen.
Bingo. Ich darf raus, nach nur sechs Stunden. Vorsichtshalber bekomme ich noch einen Einweghandschuh über den Zugang an der Hand, damit kein Schmutz reinkommt. Dann bin ich weg.  Den Drainagebeutel verstecke ich unterm Anorak, schließlich möchte ich die Leute nicht erschrecken. Ich atme tief ein, ja, genauso machen es Heldinnen. Sie machen das was sie möchten. „Brave Mädchen kommen in den Himmel …“, schießt es mir durch den Kopf, „ich komme überall hin!“

Was ich möchte. Keine Ahnung. Nur raus hier und was Frisches zu essen besorgen. Um die Ecke ist ein Italiener, dort gehe ich hin. Es ist anstrengender als gedacht, ich telefoniere mit meiner Freundin Michaela– eine wahrhaft echte Freundin, sie erklärt mich zwar für verrückt, begleitet mich aber am Telefon bis ins Lokal. Sie kennt mich. Ich muss aufhören und bestellen. Büffelmozzarella mit Ruccola und Tomate – yeah und Orangenlimonade. Welche ein Genuss. Mit meiner kulinarischen Beute kehre ich langsam zurück. Ich bin schlapp, aber glücklich und freue mich auf dieses wunderbare Essen.

Soap-Gespräche
Es ist wie in diesen Soaps, die ich mir, nach dem Kieferbruch von vor drei Jahren, nächtelang angesehen habe, um irgendwann in meinen süßen schmerzfreien Schlaf hinüberzudämmern. Wir sitzen im Zimmer: Maria, ihr Mann und ich. Trinken Crémant, ihr wisst schon, dieses Sprudelwasser aus der Champagnertraube, die aber nicht in der Champagne wächst und daher darf sich dieses Zeug auch nicht Champagner nennen. Ich bin wirklich verrückt, schmunzle ich in mich hinein. Aber das Leben findet nunmal jetzt statt. Also wir trinken Fake-Champagner und sprechen: übers Leben. Nicht über meine Krankheit.
Ich durfte ja bereits am Morgen vor meiner OP Marias Hintern betrachten– den Ort Nummer zwei des Geschehens. Dort haben Sie ihr links und rechts jeweils ein Stück herausgenommen und daraus eine wundervolle Brust modelliert. Und ganz ehrlich, sie ist wirklich gelungen. Die Originalform, sie sieht aus wie das Original. Nur vielleicht noch einen Ticken schöner. Maria zeigt mir Bilder von ihren Nacktaufnahmen vor der OP. Wirklich wundervoll ästhetische Nacktbilder einer „Durchschnittsfrau“. Kein Supermodel und keine Superstar. Einfach einer wunderschönen, sportlichen Frau. Maria hat sich viel mehr Gedanken über die OP gemacht als ich. Ist klar. Schließlich ist sie Trägerin des BRCA1-Gens. Dies bedeutet: Ein Lebenszeitrisiko an Brustkrebs zu erkranken von 80% bis 90 %, das Risiko an Eierstockkrebs zu erkranken beläuft sich auf 20% bis 30%. Maria ist die letzte überlebende Frau in Ihrer Familie und soll ich euch was sagen, mit Ihrer Entschlossenheit Entscheidungen in die richtige Richtung zu treffen, wird sie auch die erste Frau dieser Familie werden, die bis in hohe Alter den Männern den Kopf verdrehen darf.

Gut gemacht Maria! Ich bin stolz auf solche Frauen, Frauen die zu sich zum Leben, zu ihren Entscheidungen stehen. Und nicht zaudern, ihre angeborene Weiblichkeit gegen eine neue austauschen.

8.45 Uhr, ich stehe in der Praxis der Radiologie, vier Stunden soll ich für diesen Termin einplanen. Also habe ich alles eingepackt, was ich zum Leben tagsüber benötige. Mein iPad, mein iPhone und mein MacBook.

Manches Mal fehlt einfach der Durchblick, aber das wird besser, wenn man den ersten Schritt hinaus wagt und sich den Dingen stellt. (c) iPhone Petra Thaller

Manches Mal fehlt einfach der Durchblick, aber das wird besser, wenn man den ersten Schritt hinaus wagt und sich den Dingen stellt. (c) iPhone Petra Thaller

Auf die Frage nach einem WLan-Netz ernte ich ein müdes Lächeln und den schnippischen Satz der Empfangslady „Wir haben hier auch kein Internet für privat“. Kein Netz, schreien mich meine mobilen Geräte an. Kein Netz. Okay, dann eben nicht. Dann eben Gala, Vogue und Harpers Bazar.

Erst ist die Lunge dran, dann wird das Kontrastmittel gespritzt, dann Ultraschall der Leber und des Bauchraums. Bingo. Alles fein. Kein versteckter Scheißkerl. Das Kontrastmittel muss zweieinhalb Stunden einwirken, ich möge doch ins Café gehen und ordentlich frühstücken und viel trinken, mindestens einen Liter. Ich fahre an meinen Schreibtisch und arbeite, trinke Tee und frühstücke.
Kurz nach zwölf bin ich wieder vor Ort, eine Kamera durchleuchtet meinen gesamten Körper und wieder: Bingo, da ist nichts. Keine weiteren Tumore höre ich den Arzt sagen, die Knochensubstand sehr gut.

Happy Birthday Frau Thaller, ich könnte Schreien vor Glück. Meiner Familie und meinen Freunden teile ich mit, dass ich ab sofort am 10. Februar, exakt 20 Tage nach der Erstdiagnose, meinen zweiten Geburtstag feiere. Jawohl, es ist nur Brustkrebst. Wie genial ist das denn. Und wie schön es nun auch wirklich zu wissen.

Besucht beim Plastischen Chirurgen
Am gleichen Tag, eine Stunde später sitze ich in einer superschicken Praxis von Prof. Fansa, er ist plastischer Chirurg, spezialisiert auf die weibliche Mamma. Ein sympathischer Typ. Auf dem Fensterbrett liegen Brustimplantate verschiedener Größen. Aber so weit sind wir noch nicht, nicht am heutigen Tag. Er bespricht mit mir die Entnahme des Sentinel. Dann werden meine Brüste aus vier Perspektiven fotografiert, sofort ein Termin mit dem Anästhesisten vereinbar. Ich möge mich beeilen, dann kann das Blut noch gleich heute abgenommen werden und eingeschickt.
So sollte es dann auch sein. Parkplatz vor der Praxis in der Sonnenstraße gecheckt. Blut abgenommen, Lungenfunktion getestet, EKG, ein Arztgespräch, ein Anästhesiegespräch, die Ärztin ist gerade mal dreißig himmeljung und cool.

Für die erste OP ich bin also gut vorbereitet. Nach einem acht Stunden-Ärztetag sitze ich endlich am Schreibtisch. So richtig viel schaffe ich nicht, ich bin mit freuen beschäftigt und mit Geburtstag feiern. Ein cooler Tag in die absolut richtige Richtung. Da saß echt ein Meister am Drehbuch.

 

Ich gehe offen, ja sogar offensiv mit dem Thema Krebs um. Für genau diesen Weg habe ich mich entschieden. Und mein Umfeld muss damit leben, mit dieser Offenheit.

(c) Sorin Morar

(c) Sorin Morar

Manche können es, manche nicht. Manche bewundern mich, was völlig unnötig ist. Manchen fangen an zu schweigen, aber die meisten Menschen um mich herum reagieren genial. Einfach genial, denken mit, recherchieren für mein Leben. Bieten ihre selbstlose Hilfe an, wenn ich diese benötige. Wirklich, diese Krankheit führt mir vor Augen, was ich doch für wunderbare Menschen kenne. Wie sehr ich mich auf meine Freunde und auch auf meine Geschäftspartner verlassen kann. Offenheit ist ein Geschenk und ich breche eine Lanze dafür. Wer nicht spricht, wird nichts erfahren.

Ich geh zu meinem Friseur, hole mir Rat. Die Haare lasse ich mir nicht abschneiden, das muss ich noch früh genug. Ach ja, mein Okologe hat mir ein Perückenrezept gegeben. Ich kann also jederzeit losziehen und Haare shoppen. Meine Freundinnen interessiert, ob ich mir verschiedene Perücken kaufe, schwarz, blond, braun, lang, kurz? Sicher nicht! Ich kaufe mir Haare wie meine, denn wissen darf es jeder, sehen aber nicht. Ein Petra-Gesetz – dachte ich :-).

Mein neues Zuhause
Es wird mir schnell vertraut, ich beginne mich in ihm wohl zu fühlen. Finde die Lichtschalter und kann mich im Dunklen schon sehr gut orientieren. Mein Leben in dieser neuen Umgebung ist ausgefüllt, fröhlich, schön, manchmal traurig. Angst gibt es nicht. Mut jedoch sehr viel. Glück gibt es auch und negative Energien müssen draußen bleiben. Freunde fühlen sich mit mir dort wohl, wir lachen viel und auch meine Familie kennt sich schon ganz gut aus. Sara fürchtet die nächsten Monate, sie ist verwandelt, ich glaube das letzte Stück Pubertät ist bei dem Umzug auf der Strecke geblieben. Sie übernimmt Verantwortung und Joshua ebenso. Er steht kurz vor dem Abi und konzentriert sich darauf. All dies fällt leicht, weil Angst bei nicht im Vordergrund steht, sondern glücklich sein, Leben, sich freuen, Erfolg ist auch dabei.

Ich schreibe meine Gedanken nieder, in kurzen Kapiteln und merke, wie sehr ich mich auf genau diese Zeit schon immer gefreut habe. Schreiben ist meine Berufung; Geschichten erzählen, mein Wunsch. Im Alltag vor dem Umzug habe ich dies hinten angestellt und 1.000 Ausreden gefunden, warum ich nicht schreibe. Warum ich „nur“ arbeite. Jetzt weiß ich warum: Ich hatte kein Thema.

Mir wurde der Krebs geschenkt, um darüber zu schreiben, um anderen Frauen, aber auch Männern Mut zu machen, Kraft zu geben, sich mit dem „Feind“ zu verbünden, um gestärkt weiterschreiten zu können. Für Verzweiflung, Hass und Angst steht hier kein Raum zur Verfügung.

Einfach weiterleben!

Mir zerrinnt die Zeit zwischen den Fingern. Die nächsten Tage steht noch ein Termin beim Onkologen an, beim Operateur und ein alles entscheidender Termin zum Staging.

Einfach weiterleben! (c) iPhone Petra Thaller

Einfach weiterleben! (c) iPhone Petra Thaller

Mit dem Onkologen komme ich gut zu Rande. Er ist ein neutraler, freundlicher Mensch, der mir bestätigt, dass man heil aus der Sache rauskommen kann. Er ist wichtig, aber nicht vordergründig für mich. Ich kann mich auch nicht an seine Worte erinnern, dafür aber an meine, wie ich mich wieder über meinen Diagnostiker beschwere. „Er ist ein herausragender Diagnostiker“, höre ich ihn sagen, mehr nicht.

Während des Gespräches erfahre ich die nächsten Schritte: Zunächst das Staging. Hier wird nachgesehen, ob Knochen, Leber und Lunge frei sind. Danach ein Termin mit dem Plastischen Chirurgen zur Entfernung des Sentinel, des Wächterlymphknotens, um diesen dann zu untersuchen, ob er bereits befallen ist, oder nicht. Danach ein Termin beim Chirurgen zum Einsetzen des Ports, über welchen die Chemo in den Körper geleitet wird. Ich habe keine Angst, das ist beruhigend, sehr sogar.

Die nächsten Tage sind toll
Ich kann mich wieder voll und ganz auf meine Arbeit konzentrieren, mache Sport,  wunderbar. So mag ich das. Keine schwarzen Gedanken, keine Ängste, ich nehme das Leben in die Hand. Rufe bei der Krankenkasse an, um einige Dinge zu klären und beim Amt für Familie und Soziales. Hier lass ich mir schon mal den Schwerbehinderten-Fragenbogen zusenden. Das weiß ich noch von meiner Mutter. Krebs bedeutet nicht nur Krankheit, sondern auch Steuervergünstigung und Behindertenausweiß.

Meine Freunde finden mich skurril. Behindertenausweis, Steuervergünstigung. Ich organisiere meine Termine für die ispo in München.

„Warum tust du dir das jetzt an?“, fragen einige Freunde. Weil das Leben weiter geht, auch während und nach der Krankheit. Und genau das ist der Schlüssel zum Glücklichsein. Das Leben geht weiter und findet im Hier und Jetzt statt und in der Zukunft. Fragen wie, warum gerade ich, was habe ich falsch gemacht, werde ich sterben? All diese Fragen stelle ich mir nicht. Ich werde leben und glücklich sein. 

Ich mache jetzt einen kleinen Zeitsprung Richtung Zukunft – einen kleinen Ausflug ins Thema Sport und Leben. 

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(c) Andreas Ried, iPhone-Selfie, Titel: Wer feiern kann, kann auch auf Skitour gehen oder das Wochenende der Lädierten

Ich bin wieder einmal mit meinem Freund Andi unterwegs. Er ist in den vergangenen Jahren zum Vertrauten geworden, zum Bergfreund noch dazu. Vor fünf Wochen hatte er beim Skifahren einen unglücklichen Sturz und dieser hat Bänder im Knie in Unruhe versetzt. Was genau – bitte verzeih Andi, dass ich mir das nicht gemerkt habe – weiß ich nicht. In jedem Falle konnte dieser bewegungswilde Zeitgenosse keinen Sport machen. Fünf lange Wochen. Gepaart mit einer Grippe waren das fatale fünf Wochen.

Wehe sie lassen ihn raus. Dann kann man mit diesem wunderbaren Freund eine Menge Spaß haben. Er ist zuvorkommend, lustig, laut und manchmal leise. Erzählt liebend gerne, weiß eine Menge und ist ein wahrhaft guter Zuhörer. Zur Zeit beschäftigt ihn wieder einmal die liebe Weiblichkeit.

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(c) Andreas Ried iPhone- Selfie

Mein Thema ist für mich an solchen Tagen zwar da, aber nicht vordergründig und als Andi mir anbietet sich auch eine Glatze rasieren zu lassen und mich frägt, ob wir nicht ein gemeinsames Projekt für Frauen mit einer Krebserkrankung auf die Beine stellen wollen, freue ich mich riesig. Mein Leben nimmt durch den Krebs eine unvorhersehbare Richtung an.

Der Böse Bube bringt mein Leben auf Vordermann. Dass ich abends schon wieder auf einem Fest bin (in meinen Bergklamotten unter schicker Gesellschaft) und dort eine der wohl faszinierendsten Frauen kennen lernen darf, macht den Tag zu einem runden Erlebnis.

Es sind harmonische Feiertage bei uns im Haus. Ich werde meinen geschätzten Gastgeberpflichten mehr als gerecht und bin dabei voll in meinem Element. Kochen, Freunde bewirten, ein wenig arbeiten. Den Rest des vergangenen Jahres sowohl geschäftlich, als auch privat in Ordnung bringen.

(c) Petra Thaller iPhone, Vegetarische Quiche, Brustkrebs-Patientinnen sollten die Sojawürstchen weglassen, warum, können Sie nachlesen. Hier geht’s zu meinem Rezept. Brustkrebs-Patientinnen sollten die Sojawürstchen weglassen, warum, können Sie HIER nachlesen.

 

(c) Petra Thaller, iPhone Hier im Glas: Dinkelmehlboden (Bisquitteig), Zitronenquarkjoghurt Mischung nach eigenen Geschmack sowie Blaubeeren – extraordinär gut. Mit Honig nach Geschmack gesüßt.

So kenne ich mich seit langer Zeit nicht mehr. Plötzlich gestalten sich in meinem Kopf Pläne. Das ganze Leben fühlt sich erstmals wieder so richtig an. Rund und richtig. Mir scheint, als habe ich viel Zeit wie nie zuvor. Gemeinsam mit den erwachsenen Kindern erlebe ich gute Ferien. Skifahren, Essen, Lachen, Sport. Die Arbeit? Ja, aber nicht so vordergründig wie all die Jahre zuvor.

Schon gleich nach meiner Expedition haben mir Freunde bestätigt, ich sei weiblicher, weicher und irgendwie schön, warum auch immer. Meinem Leben fehlt in diesen Tagen nichts. Ein wenig Chaos vielleicht, an das hatte ich mich gewöhnt.

Die Sache mit der Vernunft
Eines Morgens stehe ich im Bad und betrachte mich ganz ausführlich, wo bin ich richtig, wo vielleicht auch perfekt und wo haben sich im Laufe der Jahre Dinge nicht ganz so schön entwickelt. Ich liebe meinen Hintern und mein Gesicht empfinde ich als schön. Eigentlich schon immer. Ich mag mich. Bleiben eigentlich nur der nicht ganz perfekte Bauch und die Brust. Die rechte vor allem. Die linke ist immer noch prima. Aber die rechte bereitet mir Sorge. Sie sieht komisch aus und das vermeintliche Hämatom wird auch nicht kleiner. Die Brustwarze zieht sich nach innen und ist sehr empfindlich. Warten oder doch sofort zum Doc.

Die Entscheidung fällt auf Doc – nicht zuletzt weil Tochter und zwei Freundinnen darauf drängen.

(c) Hajo Netzer

Meine Brust hatte sich in den vergangenen Wochen verändert. Ich habe es ignoriert und diese Veränderung auf einen Sturz während meiner Expedition im vergangenen Jahr zurückgeführt. Ein Hämatom. Die Brust ist Sekundenschnelle nach diesem Sturz angeschwollen. Schmerz quälte mich, trotz der Einnahme von Schmerzmitteln und der wahrscheinlich besten ärztlichen Betreuung, die je einem Menschen in der Wildnis zu Teil werden kann.
Es war der drittletzte Tag unseres Ausfluges in die unbewohnte Natur von Irian Jaya. Ich wollte meinen Rucksack über den kleinen Fluss werfen, konnte mich aber nicht von ihm trennen und folgte ihm in das kühle Nass. Ungeschickt, wie ich eben manchmal bin. Ein unspektakulärer, linkischer Sprung, mit wahrhaft heilsamen Folgen für mich.

Filmische Dokumentation: (c) Dr. Georg Schlagbauer

Routineuntersuchung beim Gynäkologen
Ich vereinbare einen Termin bei meinem Frauenarzt, um meine jährliche Krebsvorsorge machen zu lassen und natürlich um die Brust akribisch anzusehen. Den nächstmöglichen Termin bekomme ich nicht bei meinem geschätzten Frauenarzt Dr. Stefan Koch aus München, der auch meinen Sohn auf die Welt brachte, sondern bei einer anderen Ärztin, die bei ihm in der Praxis arbeitet. Recht ist mir das nicht, ich bin in Arztsachen eigen. Wie in so vielen anderen Dingen. Aber nun gut. Mir schien es angebracht dieses Mal eine Ausnahme zu machen. Die Ärztin untersucht natürlich auch meine Brüste, tastete. Macht einen Ultraschall und auch hier ist sich nicht sicher, was dieses Ding da in meiner Brust sein kann – Hämatom, oder … daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

In jedem Falle bekomme  einen zeitnahen Termin bei meinem Frauenarzt, zwei Tage  vor Weihnachten. Ich soll eine Mammographie machen, zur Sicherheit. Wir vereinbaren einen weiteren Termin im Neuen Jahr. Ich möge mich aber zuverlässig melden, wenn sich an der Brust etwas verändert, seine Handynummer habe ich ja.