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Ich möchte es mit meinem Lieblingszitat beginnen:
Ihr aber seht und sagt: Warum? Aber ich träume und sage: Warum nicht? G. B. Shaw

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Geh raus und lauf‘! © Sara Thaller

Es gibt immer mehrere Wege im Leben, ich beschreite immer jenen, den ich für mich für richtig und wichtig erachte. Niemals jenen, der vermeintlich einfach erscheint. Warum das so ist, weiß ich nicht. Es ist einfach so. Wenn andere sagen: Das geht nicht! Dann fühle ich mich geradezu angespornt es trotz aller Widrigkeiten zu versuchen. Ein gemütliches Leben ist nicht das meinige. Habe ich eine Vision, muss ich es zumindest versuchen, diese in die Tat umzusetzen. So verhält es sich auch mit Outdoor against Cancer.

Die Idee entstand auf einer meiner gemütlichen Skitouren während der Chemotherapie: Ich merkte wie Schritt für Schritt die Krankheit in den Hintergrund trat, Energie meinen durchaus geschwächten Körper durchströmte und meine Gedanken zu fliegen begannen … Wann kann ich wieder auf Expedition gehen? Wenn ich jetzt weiter trainiere, muss ich nicht von vorne anfangen! Ich muss das Kortison, das es sich langsam aber sicher  in Form von unschönen Pölsterchen an an Hüfte und Bauch gemütlich machte, wieder loswerden. Schritt für Schritt lösten sich auch diese Gedanken auf und ich erstarkte.

Egal was ich draußen unternahm, es war immer der gleiche Prozess … abschalten, Gedanken fliegen lassen, stark werden, den Kopf frei bekommen, Normalität – ein wunderbares Lebensgefühl.

Ich möchte damit nicht sagen, dass es immer leicht war, den Fuß vor die Türe zu setzen, aber es war immer großartig. Jeder Augenblick draußen. Egal, ob beim Laufen an der Isar, beim Rennradfahren, auf kleinen Bergtouren, beim Kraft- und Ausdauertraining  in meinem geliebten Outdoor-Fitnessstudio am Entenweiher in München. (Standorte der Studios in eurer Nähe findet ihr unter 4F Circles.)

Jede große Idee beginnt im Kleinen und so folge ich nach und nach dem Motto: Beginnen gibt Stärke. Vollenden gibt Kraft. 

Erste Chemotherapie (c) iPhone Petra Thaller

Es ist nun alles getan, sämtliche Untersuchungen sind erfolgt. Die Wächterlymphknoten entnommen und lediglich zwei waren von Metastasen befallen, der Port gesetzt, die genetische Untersuchung erledigt. Ich bin bereit für den nächsten Schritt: die erste Chemotherapie.

1. Chemositzung

1. Chemositzung (c) iPhone Petra Thaller

Es ist Montag, 3. März 2015 9.00 Uhr. 
Was auf mich zukommt weiß ich nicht. Ich sitze im Therapieraum von Dr. Sattler im Arabellahochhaus. Ikea lässt grüßen und nachdem ich wieder einmal nicht superpünktlich bin, erwische ich lediglich das letzte freie Sofa im Eingangsraum. Nun was soll’s. Bewaffnet mit leckerem Cappuccino, einem Croissant und einer leckeren Leberkässemmel aus dem Chocolatte meiner Freundin Yurdagül Balci, harre ich der Dinge die da kommen.

Ich werde über den Port mit den Chemikalien versorgt, so richtig erklärt wird mir nichts – ist ja schließlich für den Chemopfleger lediglich Routine. Für mich allerdings nicht. Nun, ich sitze also geduldig da und nehme die nächsten zweieinhalb Stunden einen Cocktail nach dem anderen zu mir. Ein roter ist auch dabei.

Die Zeit vergeht im Flug
Ich habe mein Laptop dabei und arbeite. Doch dann passiert das Unsägliche. Eine Frau meines Alters kommt mit ihrer Mutter (sie sitzt im Rollstuhl und kann sich nicht mehr artikulieren) in den Raum. Sie ältere Dame wird – bitte verzeiht den Ausdruck – direkt vor mir geparkt. In voller Montur, Hut, Mantel, wartet sie geduldig was nun passiert. Ich muss sie ständig anstarren, was mir richtig peinlich ist. Nun, die Tochter soll in der Apotheke um die Ecke ein Medikament für die Mutter besorgen. Für eine halbe Stunde kümmert sich niemand um diese Frau. Plötzlich taucht die aufgelöste Tochter wieder auf. Es entsteht ein kurzer Disput mit dem Chemopfleger, weil sie die Apotheke nicht gefunden hat. Welch ein Irrsinn. Die Rollstuhlfrau versucht sich einzumischen, daraufhin entfacht ein Streit zwischen Mutter und Tochter … wo bin ich nur hingeraten. Beschämt drehe ich mich weg.

Als ich kurze Zeit darauf wieder vom meinem Laptop hochblicke, sehe ich, wie der Chemopfleger den Pullover der älteren Frau hochhebt, mitten im Raum, ungeschützt vor fremden Blicken, und ihr eine Spritze in die Bauchdecke gibt. Ich bin entsetzt. Warum wird Intimsphäre nicht gewahrt? Warum gibt es keine Achtung dieser Frau gegenüber?

Die Szene ist irgendwann abgeschlossen, Mutter und Tochter haben die Praxis verlassen. Nach zweieinhalb Stunden, werde ich abgestöpselt. „Bis in drei Wochen Frau Thaller und trinken Sie viel!“ Das war’s? „Und nehmen Sie Ihre Tabletten, damit Ihnen nicht übel wird.“
Kein Info über wöchentliche Blutchecks, kein Hinweis, dass ich auf die Körpertemperatur achten muss, nichts. Das soll ich alles erst viel später von meiner Freundin Maike aus Lübeck erfahren.

Ich merke nichts
Im Anschluss an die erste Chemositzung fahre ich noch zu unsere Agentur, um mir den Fortschritt der Moutains4U anzusehen und die Umsetzung der Artikel zu besprechen. Eine seltsame Stimmung umfängt mich. Ich weiß nicht was passiert. Die Horrorgeschichten derer, die mir über die Therapie erzählt haben, stimmen mich ein wenig seltsam. Es ist einfach komisch nicht zu wissen was passiert.

Der Abend verläuft normal, ich trinke viel, esse mit den Kindern und gehe zu Bett. Ich bin richtig nervös, wache nachts ständig auf. Immer in Erwartung, dass irgendwas passiert – tut es aber nicht. Es passiert einfach nichts. Das kann ja nicht sein, ich bin keine Ausnahme! Sicher nicht! Nun, ich nehme alles so an, wie es eben ist und schlafe dann endgültig gegen Morgen tief und fest ein.

Briefe an mich

Es ist schön zu lesen, dass Menschen ehrlichen Anteil an Geschichten haben, auch wenn sie nicht vom Elend einer Krankheit handeln, sondern von den positiven Seiten. Wenn sie mit einem Schmunzeln erzählt werden, anstatt mit dem bitteren Beigeschmack des Leids. Darüber freue ich mich persönlich am meisten. Denn schließlich findet das Leben in der Gegenwart statt.

Briefe an mich

Briefe an mich

Einen schönen guten Morgen wünsche ich dir liebe Petra,
ich kenne dich leider nicht persönlich, was aber keinen Unterschied macht Anteil an deiner Geschichte zu haben und mich zu freuen wenn du wieder in der Natur warst und schöne Dinge erlebst.
Ich wünsche dir alles Gute für die kommende Zeit und ich finde du siehst auch ohne Haare wunderschön aus und finde es toll wie du damit umgehst.
Ich schicke dir positive ENERGIE und vielleicht gibt es einmal gelegenheit sich persönlich zu begegnen.

Bis bald ganz liebe Grüße

So könnte ein leeres Gesicht aussehen. Nur das mit dem leidenden Ausdruck wollte ich nicht aufnehmen. (c) iPhone Petra Thaller

Wie ich wohl ohne Haare aussehe, ohne Augenbrauen und ohne Wimpern. Kurzerhand greife ich zur Schere – nicht um mir die Haare zu schneiden, nein, um mir ein Stück Leukoplast von der Rolle abzuschneiden und über meine Augenbrauen zu kleben.

So  könnte ein leeres Gesicht aussehen. Nur das mit dem leidenden Ausdruck wollte ich nicht aufnehmen. (c) iPhone Petra Thaller

So könnte ein leeres Gesicht aussehen. Nur das mit dem leidenden Ausdruck wollte ich nicht aufnehmen. (c) iPhone Petra Thaller

Dann setze ich mir eine Mütze auf, verstaue meine Haarpracht unter selbiger und pudere mir mein Gesicht hell, farblos, transparent. Ich trete vor den Spiegel und betrachte mich erschrocken – jetzt noch der theatralisch leidende Gesichtsausdruck und ich bin das perfekte Krebs-Gesicht – scarry. Sara erschrickt. „Du spinnst, warum machst du das?“ Und dann, dann möchte sie es ebenfalls probieren. Mitgehangen, mitgefangen. Es ist nicht leicht für eine junge Frau solch eine Mutter zu haben. Eine, die alles als eine Challenge annimmt und die immer versucht, das Gute in der Sache zu sehen.

Nicht einfach, wenn ich dann auch noch sage, was ich doch für ein Glück habe, Krebs zu haben. Dass ich diese Erfahrung machen darf und dadurch vielleicht anderen Menschen helfen kann. „Mama, du spinnst“, kommentiert Sara wiederum meine Gedanken.

Der Port vor der ersten Chemo
Wie ich die Vorstellung verabscheue, dass in meinen Körper dieses Ding eingesetzt wird. Ein Fremdkörper, der nun mein Leben weiterhin begleitet. Ich bin in einer Tagesklinik in der Sonnenstraße, es ist 12.00 Uhr mittags. Parkplatz: vor der Türe, was sonst.

Sie sind schon dran Frau Thaller, kommen Sie bitte mit. Dann wird mir wieder eines der superschönen, hinternfreien Nachthemden gereicht, eine äußerst attraktive Kopfbedeckung, wie die Duschhauben in manchen Hotels und Überzieher für die Füße. Los geht’s. Ich bekomme ein Bett zugewiesen, den Zugang gelegt und warte. Dann kommt mein Operateur wir sprechen über den Port und ich erinnere ihn an meine Bitte unseres Erstgespräches, er möge mir den Port so setzen, dass ich noch problemlos einen Rucksack tragen kann. Er schmuntzelt. Und schon bin ich dran. In dem kleinen OP-Raum werde ich Zeugin eines Steitgespräches zweier Schwestern und höre mich fragen: „Na, wie lange sind Sie denn schon hier Ladies?“ Dann dämmere ich weg.

Es ist vollbracht, denke ich mir, als ich langsam wieder in den Wachzustand zurückdämmere, zwei OPs habe ich nun hinter mir. Es ist vollbracht. Jetzt bin ich bereit um meinen neuen Mitbewohner loszuwerden. Es ist der 24. Februar 2015.

auf meinem Weg nach Hause, nach 22 Stunden im Hospital (c) iPhone Petra Thaller - bin noch nicht losgefahren :-)

Das Telefon läutet. Sara ist dran. Sie weint. Ihr Körper schmerzt. Ich bin hellwach. Gehe zur Nachtschwester und bitte um „Freigang“ für 45 Minuten, um nach der Tochter zu sehen. Ihre Begeisterung hält sich in Grenzen. Kurz darauf düse ich durch die Nacht zu uns nach Hause.

Auf meinem Weg nach Hause, nach 22 Stunden im Hospital  (c) iPhone Petra Thaller - bin noch nicht losgefahren :-)

Auf meinem Weg nach Hause, nach 22 Stunden im Hospital (c) iPhone Petra Thaller – bin noch nicht losgefahren 🙂

Da Kind glüht. Fieberthermometer. Es funktioniert nicht. Also Mama Hand an die Stirn und erfühlen, was in diesem Körper los ist. Ich schätze so kurz vor der magischen 40 und krame in unserer Medikamentenkiste: Halsscherzen, Gliederschmerzen, Husten, Fieber. Ich stelle den Medikamentencocktail zusammen und gebe ihn Sara. Als ich kurz darauf das Haus verlasse ist sie eingeschlafen. Ich muss schon schmunzeln. Ich bin verrückt. Anstatt eine meiner wirklich guten Nachbarinnen oder Freundinnen anzurufen, rücke ich selbst aus. Denn das passt in das Drehbuch meines Lebens. Das eben anders ist. Es ist mein Drehbuch und ich erhebe mich nicht über andere Menschen, die an solch einem Morgen einfach liegen bleiben und andere die Arbeit tun lassen.

Nein, das mache ich nicht. Vier Stunden später werde ich entlassen. Exakt 22 Stunden nach dem Eingriff.

Ich atme tief durch
Dann ziehe ich los, kaufe alles was in eine anständige Hühnersuppe rein muss und bereite sie dem Kind. Mein Arm schmerzt. Ich mache zu viel. Das steht fest. Eigentlich sollte ich ein wenig langsamer tun. Und mein Körper signalisiert mir das auch. Doch ich kann nicht. Ich wurstle mich so durch den ganzen Tag. Bearbeite meine eMails. Vereinbare Termine für die nächsten Tage, telefoniere mit Andi und meinen Freundinnen. Den Blog fasse ich nicht an. Ich habe festgestellt, dass ich mich zu sehr in Details der Krankheit verlieren würde und nicht im Leben. Das möchte ich nicht. Und in Wirklichkeit tue ich das auch nicht.

Mein Leben ist derart komplex, dass ich keine Zeit für den Krebs habe. Er ist zur Nebenrolle abgestempelt und wird aus der Ecke auch nicht herauskommen, bis die Autorin ihn aus dem Film schreibt. Weil er stirbt. So einfach ist das.
Mein Leben ist leben, etwas schaffen, mich austauschen. Und immer wieder kommen ein paar Arschgeigen, verzeiht, die meinen, sie müssen mir einen Strich durch mein durch und durch gutes Leben machen. Privatmenschen und auch Geschäftspartner. Diese gruseligen Gestalten sind bestenfalls Zeit- und Energiediebe. Mehr aber nicht.

Wisst ihr, was mich dieser Krebs lehrt?
Er lehrt mich, mich besser abzugrenzen. Klarer zu werden, klar zu formulieren und noch zielgerichteter zu Handeln. Mein Krebs ist mein Lehrmeister. Durch ihn lerne ich Dinge, die meine Kinder längst beherrschen. Er zeigt mir wo es lang geht. Und, dass ich meine Zeit nicht mit Nebensächlichkeiten und vor allem nicht mit den Unzulänglichkeiten anderer vergeuden darf. Dafür bin ich dankbar.

Briefe an mich

Das ist heute mein ganz persönlicher Brief. Denn heute bin ich wieder dran mit der nächsten Chemo – dieses Mal im Wochenrhythmus – 12 Wochen lang ist Mittwoch mein Chemo-Tag und dann ist’s vorbei. Also ganz lieben Dank für diese Zeilen, sie sind heute mein Mutmacher des Tages!

Briefe an mich (c) iPhone Petra Thaller

Briefe an mich (c) iPhone Petra Thaller

Liebe Petra,

jetzt muss ich dir doch schreiben, aber ich ziehe nicht die Öffentlichkeit vor. Ich finde es grandios, wie du das alles von der Seele schreibst.
Ich lese jede Zeile und warte auf die nächste und überlege mir, wie es mir wohl erginge  … Und mir würde es nicht so ergehen – ich hätte Angst und Zweifel und wahrscheinlich auch Panik.

Deine Worte geben mir, als noch gesunden Menschen, Mut und Hoffung und geben mir jetzt schon Kraft, falls mal etwas Unerwartetes eintritt.
Ich beschäftige mich viel mit Sterben und Tod, aber mittlerweile bestimmt nicht mehr voller Angst und Sorge. Deshalb habe ich die Ausbildung zum Kinderhospizhelfer gemacht und warte aber  ängstlich und gleichermaßen auch neugierig auf meinen ersten „Einsatz“. Deine Worte helfen mir dabei.

Danke, ich würde dich jetzt sehr gerne in den Arm nehmen!

Ganz liebe Grüße

Briefe an mich

Nach und nach werde ich Briefe von Freunden und bis dato Unbekannten auf meiner Seite veröffentlichen. Ohne Namensnennung und ohne persönlichen Bezug, um die Privatsphäre der Menschen zu wahren. Dies sind Worte für alle, die mit einer ähnlichen Situation umgehen müssen, Worte die das Gefühl des sich alleine Fühlens vielleicht ein wenig erträglicher Briefe an mich

Briefe an mich (c) iPhone Petra Thaller

Ich beantworte jede Nachricht so gut ich kann. Wenn ich also die Ihre oder deine noch nicht beantwortet habe, werde ich dies sicher noch tun. Und Danke an alle, die mir schreiben.  Das gibt Kraft und Mut diesen Weg intensive weiterzugehen.
Liebe Petra,
nachdem ich lange nicht auf Facebook unterwegs war, hab ich erst kürzlich mitbekommen, was dich für ein Sch … Schicksal ereilt hat. Das tut mir echt sehr, sehr leid! :-(. Ich bin mir aber sicher – nachdem was ich jetzt alles auf deiner Seite gelesen hab – du schaffst das und du bist sicher stärker als dieses blöde Tier – wär doch gelacht!
 
Warum schreib ich dir diese Zeilen? Deine Geschichte nimmt mich gerade ziemlich mit – meine Mama ist letztes Jahr an Hautkrebs operiert worden – nach der OP war die Prognose seitens Ärzten sehr gut. Dieses Jahr im März war sie zweimal wg. OP eines Lymphons im Krankenhaus und bekommt jetzt auch Chemo. Nachdem meine Mama aber seit zig Jahren alles andere als gesund gelebt hat (starke Raucherin, keine Bewegung – aber immerhin viel Schlaf ) verkraftet sie die Chemo natürlich nicht so gut – und sie zieht sich noch mehr zurück in ihr Schneckenhaus. Alle Bemühungen sie da raus zu bekommen oder sie zu bewegen, dass sie endlich das Rauchen aufhört scheitern kläglich in verletzenden Kommentaren. Ich sag ja nie, dass man Hochleistungssport machen muss – aber nur einfach eine Stunde spazieren gehen – das wäre ja schon echt grandios.
 

Als ich deine Geschichte gelesen hab, war eigentlich mein erster Gedanke: „Könnte nicht meine Mama nur einen winzigen Teil deiner lebensbejahenden Energie haben? – Oder, wie verdammt noch mal, kann man sie dazubringen sich endlich mal was Gutes zu tun?“ Es ist wirklich schlimm und ich leide so sehr darunter, weil ich es einfach nicht verstehen kann, dass man sich mit Gewalt selber kaputt machen will … Wenn ich dann deine Geschichte dazu lesen, denk ich mir immer: Wie geil ist das denn? – Genauso und nicht anders!

Mach weiter so – bleib stark – und lass dich nicht unterkriegen! Never!

 
So jetzt reichts – sonst muss ich gleich wieder weinen, wenn ich weiter schreibe!
 
Herzliche Grüße und pass auf auf dich, ja!

„Ja Leute, ich bin wieder da. Wie es war? Prima. Ich habe Hunger und zwar richtig.“ Zum Dinner gibt es zwei Scheiben Brot, eine Margarine und drei Scheiben Käse sowie zwei winzig kleine Käseecken. Kein Gemüse, keine Gurkenscheibe. Nicht einmal Wasser stellen sie einem hin.

(c) Sorin Morar

(c) Sorin Morar.

 

Verrückt. Ich verspüre solch eine intensive Lust nach Salat, dass ich mich entschließe die nette Aufwachschwester zu fragen, ob ich kurz raus darf an die frische Luft.
Nicht in meinem sexy hinternfreien Nachthemd, sondern standesgemäß im lässigen OnePiece mit Uggs und Daunenjacke. Was sonst. Sie starrt mich mit ihren riesigen braunen Augen an und kann nicht nein sagen.
Bingo. Ich darf raus, nach nur sechs Stunden. Vorsichtshalber bekomme ich noch einen Einweghandschuh über den Zugang an der Hand, damit kein Schmutz reinkommt. Dann bin ich weg.  Den Drainagebeutel verstecke ich unterm Anorak, schließlich möchte ich die Leute nicht erschrecken. Ich atme tief ein, ja, genauso machen es Heldinnen. Sie machen das was sie möchten. „Brave Mädchen kommen in den Himmel …“, schießt es mir durch den Kopf, „ich komme überall hin!“

Was ich möchte. Keine Ahnung. Nur raus hier und was Frisches zu essen besorgen. Um die Ecke ist ein Italiener, dort gehe ich hin. Es ist anstrengender als gedacht, ich telefoniere mit meiner Freundin Michaela– eine wahrhaft echte Freundin, sie erklärt mich zwar für verrückt, begleitet mich aber am Telefon bis ins Lokal. Sie kennt mich. Ich muss aufhören und bestellen. Büffelmozzarella mit Ruccola und Tomate – yeah und Orangenlimonade. Welche ein Genuss. Mit meiner kulinarischen Beute kehre ich langsam zurück. Ich bin schlapp, aber glücklich und freue mich auf dieses wunderbare Essen.

Soap-Gespräche
Es ist wie in diesen Soaps, die ich mir, nach dem Kieferbruch von vor drei Jahren, nächtelang angesehen habe, um irgendwann in meinen süßen schmerzfreien Schlaf hinüberzudämmern. Wir sitzen im Zimmer: Maria, ihr Mann und ich. Trinken Crémant, ihr wisst schon, dieses Sprudelwasser aus der Champagnertraube, die aber nicht in der Champagne wächst und daher darf sich dieses Zeug auch nicht Champagner nennen. Ich bin wirklich verrückt, schmunzle ich in mich hinein. Aber das Leben findet nunmal jetzt statt. Also wir trinken Fake-Champagner und sprechen: übers Leben. Nicht über meine Krankheit.
Ich durfte ja bereits am Morgen vor meiner OP Marias Hintern betrachten– den Ort Nummer zwei des Geschehens. Dort haben Sie ihr links und rechts jeweils ein Stück herausgenommen und daraus eine wundervolle Brust modelliert. Und ganz ehrlich, sie ist wirklich gelungen. Die Originalform, sie sieht aus wie das Original. Nur vielleicht noch einen Ticken schöner. Maria zeigt mir Bilder von ihren Nacktaufnahmen vor der OP. Wirklich wundervoll ästhetische Nacktbilder einer „Durchschnittsfrau“. Kein Supermodel und keine Superstar. Einfach einer wunderschönen, sportlichen Frau. Maria hat sich viel mehr Gedanken über die OP gemacht als ich. Ist klar. Schließlich ist sie Trägerin des BRCA1-Gens. Dies bedeutet: Ein Lebenszeitrisiko an Brustkrebs zu erkranken von 80% bis 90 %, das Risiko an Eierstockkrebs zu erkranken beläuft sich auf 20% bis 30%. Maria ist die letzte überlebende Frau in Ihrer Familie und soll ich euch was sagen, mit Ihrer Entschlossenheit Entscheidungen in die richtige Richtung zu treffen, wird sie auch die erste Frau dieser Familie werden, die bis in hohe Alter den Männern den Kopf verdrehen darf.

Gut gemacht Maria! Ich bin stolz auf solche Frauen, Frauen die zu sich zum Leben, zu ihren Entscheidungen stehen. Und nicht zaudern, ihre angeborene Weiblichkeit gegen eine neue austauschen.

André Tappe für Thaller Media

(c) André Tappe für Thaller Media

… Von wegen. Zwei Aufzugfahrten später sitze ich wieder in meinem Zimmer. Notfall. Ich muss noch warten.

Endlich ist es so weit – oder die skurrile Atmosphäre vor der OP
Ich liege auf meinem OP-Bett und bekomme den Zugang für die Infusion gelegt. Kein leichter Akt für die Narkoseschwester. Bevor sie vergeblich im Arm nach einem leichten Zugang sucht, schlage ich ihr vor doch den Handrücken zu nehmen, bis dato hat das immer geklappt bei mir. Und ja, ich weiß, dass diese Stelle am Körper echt schmerzt, wenn die Nadel unter die Haut in die Ader geschoben wird. Aber, ich kann mich aber auch nur zu gut daran erinnern, wie sehr es schmerzte, als die letzte Narkoseschwester nicht fündig wurde und mir den Arm förmlich zerstochen hat, um dann doch den Zugang auf dem Handrücken zu legen. Dann doch lieber gleich so. Fuck. Das tut wirklich weh.

„Der OP muss noch geputzt werden, Frau Thaller. Wir sind gleich so weit.“
Ich liege also gefühlte Ewigkeiten da und warte, starre auf die Beleuchtung im Vorraum und warte. Betten werden vorbeigeschoben, die wartende Patientin neben mir abgeholt. Putzpersonal geht vorbei … ich warte. „Wissen Sie was, ich schiebe Sie jetzt gleich in den OP und wir machen die weiteren Vorbereitungen dort. Und sobald alles fertig ist, legen wir los.“ Nun gut. Stellt euch vor, ich liege also unter diesen OP-Leuchten und plaudere mit der Schwester. Währenddessen montiert sie zwei „Armausleger“ auf welchen meine Arme dann festgeschnallt werden. Ein Beruhigungsmittel hat bis dato meinen Körper noch nicht erreicht. Ich muss an etwas anderes denken. Ich drehe gleich durch. Ich stehe nicht auf Fesselspiele und schon gleich gar nicht im OP. Und ich frage mich, warum all dies Schwestern nicht aussehen, wie in den hübschen TV Serien aus den USA. Meine Güte, welch schaurige Gedanken habe ich. Als ob es nicht völlig egal ist, wie diese Damen aussehen, wo sie doch alle so freundlich sind.

Erleichterung in Sicht
Die Narkoseärztin. Endlich. Wegdämmern. Angst? Fehlanzeige. Sie spritzt mir ein Mittel, es fließt kühl in die Adern, wenige Atemzüge später bin ich weg. Und Augenblicke weiter, wache ich auf. An einem anderen Ort. Ich bin entspannt. Schlummere wieder weg und wache nochmals auf, als Plastischer Chirurg vor mir steht und mich frägt, ob er mich nach der Fallkonferenz am nächsten Donnerstag um 21.00 Uhr noch anrufen soll, oder lieber am darauffolgenden Tag. „Darauffolgender Tag.“, antworte ich und dann bin ich wieder weg. Sie sollen mich doch alle in Ruhe lassen, ich will jetzt schlafen und zwar so lange, bis ich wach bin. Was ich dann irgendwann bin.

Die Schwester im Aufwachraum
Die Unterhaltung mit der Krankenschwester ist klasse. Wir sprechen über mein Lieblingsthema, den Diagnostiker. Über den Plastischen Chirurgen, der mit die Brüste in einem halben Jahr neu modellieren soll. Über Chemotherapie, Haarverlust und all die Dinge, die nun anstehen. Ach ja und über meinen Friseur, dem ich in den nächsten Tagen den vorläufig letzten Besuch abstatten werden, um meine eigenen Haare nochmals so richtig aufpimpen zu lassen. Vier Tage später soll ich erfahren, dass sie bereits dort war und wiederum einen Tag danach treffe ich sie während der Nachkontrolle im Krankenhaus. Sie sieht toll aus und liebt meinen Friseur. Sein Verdienstausfall ist gerettet J.

Wenig später stehen wir gemeinsam am Fenster und genießen die frische, winterliche Abendluft. Die Schwester, der Blutbeutel und ich. 

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Der Tag startet früh, als die Kinder von einem Fest nach Hause kommen. Es ist kurz vor vier Uhr morgens. Ich hatte mir ohnehin um diese Uhrzeit den Wecker gestellt. Ich muss noch etwas fertig machen für unser EU-Projekt Interreg IVa. Am Sonntag war ich einfach mit Familie und mir beschäftigt und kam nicht so wirklich zum Arbeiten. Nun hole ich in zwei Stunden das auf, was mir sonst den Sonntag durcheinandergeschmissen hätte. Ich schreibe und bin pünktlich um 6.00 Uhr fertig. Duschen, packen, losfahren, alles läuft nach Plan.

Um 7.00 Uhr bin ich in der Klinik. Dort, wo ich meinen Sohn zur Welt gebracht habe. Eine schöne Klinik, direkt am Englischen Garten in München. Es ist wie vor 18 Jahren, die Menschen sind ausnehmend freundlich, die Klinik familiär. Ich überlege kurz, ob ich mir ein Einzelzimmer nehmen soll, sehe aber für eine Nacht davon ab. Zudem bin ich neugierig auf die Frauen, die mir begegnen. Wie sich herausstellt soll, ist das genau die richtige Entscheidung.

In meinem Zimmer liegen zwei Frauen, Maria, weil sie sich die Brüste vorsorglich aufgrund der genetischen Diagnose BRCA 1 hat abnehmen und mit ‘Material‘ aus dem Oberschenkel hat wieder neu gestalten lassen. Marla, hatte auch eine Sentinel-OP, darf heute wieder nach Hause. Marla erfahre ich, hat sich gleich alle weiteren befallenen Lymphkonten herausnehmen lassen und sich gegen Chemo entschieden. Mir stellen sich die Nackenhaare auf und ein Blick zu Maria bestätigt meine Gedanken. Begriffe wie Anthroposophie und alternativer Weg ereilen mein Ohr. Am liebsten würde ich Marla wachrütteln. Misteltherapie, all das ist ja recht und schön. Auch ich beschäftige mich mit alternativen Möglichkeiten, anschließend. Für mich steht fest, ich möchte die Errungenschaften der Medizin komplett ausschöpfen nutzen, um mein Risiko so gering wie möglich halten und dafür tue ich alles. Ich liebe das Leben, so einfach ist das!

Ich muss los, das Taxi wartet bereits. Eine kleine Stadtrundfahrt mit Stopover in der Radiologie. Dort wird mir das radioaktive Kontrastmittel zur Markierung des Sentinel gespritzt. Jener Lymphkontengruppe, die es gilt herauszunehmen, um zu sehen, ob und wie viele Lymphknoten dieser Gruppe bereits befallen sind.

Es ist ein langsames Erwachen
Dachte ich noch vor wenigen Augenblicken ich fände mich in meiner neuen Umgebung zurecht, so verschwimmen gerade eben die Lichtschalter hinter einer Nebelwand. Alles läuft nach Plan, bereits nach 15 Minuten ist der Wächterlymphknoten erkennbar. Weitere 30 Minuten später macht man eine erneute Aufnahme um schließlich anhand eines Messgerätes, welches die radioaktiven Strahlen der Injektion exakt wiedergibt. Dabei wird in der Achselhöhe der genaue Punkt markiert, an welchem das OP-Team dann den Schnitt für die Entnahme setzen muss.

Der Taxifahrer, der mich dort abholt, um mich in die Klinik zurückzufahren betrachtet mich unsicher – vielleicht bilde ich mir das auch ein. Nicht eingebildet habe ich mir allerdings den Satz: ‚ob ich denn überhaupt zu Fuß die Treppen gehen kann, oder sagte er möchte. Ich weiß es nicht mehr.‘ Ich musste lächeln. Wie ich doch die Menschen verunsichere. Ich plaudere mit ihm über belanglose Dinge.

Zurück im Krankenhaus
Da liegen sie, die Indizien der Operation: ein freundliches Nachthemd – hinten offen, die visuelle Offenbarung des Hinterns, gepaart mit halterlosen Gummistrümpfen, genial. Die Krankenschwester drängt: Ich solle mir schnell die Sachen überziehen, die OP stehe kurz bevor. 

Na dann spring ich mal in diese wunderbaren Klamotten, ziehe die Daunenjacke meiner Tochter an (die hatte ich mir ausgeliehen, um etwas familiäres dabei zu haben) und meine Uggs, setzte mich auf’s Bett und schreibe. Was gibt es besseres als in solchen Situationen zu schreiben? An mein Ohr dringt die Stimme der Alternativmedizin-Patientin Marla. Sie stört meine Gedanken, ich krame nach den Kopfhörern. Da kommt der Satz aus dem Nichts: „Frau Thaller, auf geht’s der OP wartet.“