Einfach weiterleben!

Mir zerrinnt die Zeit zwischen den Fingern. Die nächsten Tage steht noch ein Termin beim Onkologen an, beim Operateur und ein alles entscheidender Termin zum Staging.

Einfach weiterleben! (c) iPhone Petra Thaller

Einfach weiterleben! (c) iPhone Petra Thaller

Mit dem Onkologen komme ich gut zu Rande. Er ist ein neutraler, freundlicher Mensch, der mir bestätigt, dass man heil aus der Sache rauskommen kann. Er ist wichtig, aber nicht vordergründig für mich. Ich kann mich auch nicht an seine Worte erinnern, dafür aber an meine, wie ich mich wieder über meinen Diagnostiker beschwere. „Er ist ein herausragender Diagnostiker“, höre ich ihn sagen, mehr nicht.

Während des Gespräches erfahre ich die nächsten Schritte: Zunächst das Staging. Hier wird nachgesehen, ob Knochen, Leber und Lunge frei sind. Danach ein Termin mit dem Plastischen Chirurgen zur Entfernung des Sentinel, des Wächterlymphknotens, um diesen dann zu untersuchen, ob er bereits befallen ist, oder nicht. Danach ein Termin beim Chirurgen zum Einsetzen des Ports, über welchen die Chemo in den Körper geleitet wird. Ich habe keine Angst, das ist beruhigend, sehr sogar.

Die nächsten Tage sind toll
Ich kann mich wieder voll und ganz auf meine Arbeit konzentrieren, mache Sport,  wunderbar. So mag ich das. Keine schwarzen Gedanken, keine Ängste, ich nehme das Leben in die Hand. Rufe bei der Krankenkasse an, um einige Dinge zu klären und beim Amt für Familie und Soziales. Hier lass ich mir schon mal den Schwerbehinderten-Fragenbogen zusenden. Das weiß ich noch von meiner Mutter. Krebs bedeutet nicht nur Krankheit, sondern auch Steuervergünstigung und Behindertenausweiß.

Meine Freunde finden mich skurril. Behindertenausweis, Steuervergünstigung. Ich organisiere meine Termine für die ispo in München.

„Warum tust du dir das jetzt an?“, fragen einige Freunde. Weil das Leben weiter geht, auch während und nach der Krankheit. Und genau das ist der Schlüssel zum Glücklichsein. Das Leben geht weiter und findet im Hier und Jetzt statt und in der Zukunft. Fragen wie, warum gerade ich, was habe ich falsch gemacht, werde ich sterben? All diese Fragen stelle ich mir nicht. Ich werde leben und glücklich sein. 

Klinikum Maistraße München
Frauenklinik Maistrasse Campus Innenstadt LMU München

Frauenklinik Maistrasse Campus Innenstadt LMU München

Über Prof. Dr. Kurt Hecher und Dr. Maike Manz habe ich den Kontakt zu Professor Dr. Nadja Harbeck von der Universitätsklinik München, sie ist eine Koryphäe in Sachen Brustkrebs. Der Termin ist erst in fünf Tagen, nun, sei es drum, auf diese fünf Tage kommt es ja wohl nicht an.

Ich gehe in die Geduldsschule, und wie. So wie ich mir das vorstelle, läuft das in meiner neuen Welt einfach nicht. Krebs heute, Heilung morgen, vergiss es einfach. Geduld ist meine ganz persönliche Challenge, mein Lernpotential auf dieser abenteuerlichen Reise. Ich arbeite – viel, gerne, liebe meinen Job, mein Beruf ist Berufung und so konzentriere ich mich die nächsten Tage drauf.

Zeit zwischen den Terminen
Mir ist meine Stringenz ein wenig abhanden gekommen. Manchmal komme ich mir vor als wäre mein Gehirn durchlässig, durchlöchert, nicht mehr ganz. Also setze ich mich hin und schreibe mir alles auf, was ich tun muss, um den Laden am Laufen zu halten. Gute Idee, Petra, das funktioniert gut. Und so lebe ich die nächsten Tage einfach normal, ist ja auch ein ganz normales Leben, ich gehe Laufen, treffe Freunde – mehr als zuvor. Dieser Krebs hat also auch was Gutes.

Alles läuft in den richtigen Bahnen
Es ist Montag. Erst ein Geschäftstermin, der läuft perfekt und stimmt mich positiv, dann der Termin in der Uniklinik. Ich frage mich zum Vorzimmer von Prof. Harbeck durch. Ich mag die Klinik nicht wirklich. Hier umfängt mich das Gefühl von Krankheit. Eine Mutter trägt ihr winzig kleines Baby durch den Gang – es hängt am Tropf. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Ich sehe traurige Gesichter in alten Gemäuern und wie beim Amt muss ich für die Anmeldung eine Nummer ziehen. 42 blinkt auf, ich betrete den kleinen Anmelderaum und erschrecke. Vor mit sitzt eine junge Frau, schmal. Sie trägt ihre Bluse ein wenig zu offenherzig. Kein BH, dafür starre ich auf ihren Brustkorb, als hätte sie kein Gesicht und erblicke ein Tattoo. An das Motiv kann ich mich nicht erinnern, aber an dieses blaue Tattoo auf der durchscheinenden weißen Haut. Langsam wandern meine Augen zu ihrem Gesicht. Auch durchscheinend. Sie trägt ein beiges Kopftuch auf beiger Haut. Okey, so möchte ich das auf keinem Fall. Ich fühle mich provoziert, mir kommt vor als schreie sie mir ins Gesicht, ich habe Krebs und du sollst das auch sehen. Mir wird schlecht. Nein das will ich nicht, ich will so nicht aussehen und ich möchte auch nicht, dass anderen Menschen bei meinem Anblick schlecht wird. Sicher nicht.

Prof. Harbeck ist echt in Ordnung, eine auf dem Boden gebliebene Professorin, die mir Mut macht.  Sie bestätigt die Therapieabfolge, die mir nun bevorsteht.
Ich muss keine Angst haben, dass ich nicht weiter arbeiten kann. Genau das wollte ich hören! Meine Haare werde ich verlieren, aber da gibt es ja hübsche Lösungen und sie kommen wieder.

Es ist schon skurril. Da beschäftige ich mich mit meinen Haaren und habe Krebs. Aber so bin ich eben. Ich bin stark und darauf bin ich auch stolz. Ich stelle Fragen, bekomme Antworten und kann mir so ein Bild von meiner Situation machen und die sieht nicht so schlecht aus. 

Hier geht es zum Brustzentrum der LMU München.

(c) Sorin Morar & Thomas Straub. Das Foto ist entstanden bei unserem ersten Shooting.

Zu meinem Job gehört Recherche. Valide Fakten. Fakten! Und die, die bekomme ich nun mal von Ärzten und nicht aus dem Internet. Ich beschließe die wohlgemeinten Worte meines geschockten Umfeldes zu ignorieren. Jawohl, zu ignorieren. Ich höre nur auf Andrea und die Ärzte. Keine Internetrecherche.

(c) Sorin Morar & Thomas Straub. Das Foto ist entstanden bei unserem ersten Shooting.

(c) Sorin Morar & Thomas Straub. Das Foto ist entstanden bei unserem ersten Shooting.

Gut gemeinte Ratschläge
Wer alles Krebs hat und wer daran gestorben ist und an welchem. Das Mitteilungsbedürfnis mancher Menschen ist kurios. Irgendwie lustig und ich kann auch nicht böse sein. Nein, ich bin froh, dass ein Tabuthema dann doch offen diskutiert wird. Das soll ich versuchen und jenes und … Stooooop. Anfangs höre ich noch anständig zu, ich bin überfrachtet von guten Ratschlägen und liebe meine Freunde dafür noch mehr. Aber ich packe sie gleich wieder in die Vergessensschublade. Leider landet dort auch so manch anderes, das dort nicht hingehört. So ist das wohl am Anfang bei jedem Umzug. Du findest die Dinge nicht mehr, die vorher einfach zu finden waren und der Automatismus muss neu erlernt werden. Aber das schaffe ich.

Ein Wochenende Pause
Seit einigen Wochen habe ich genau für dieses Wochenende einen Flug zu Freunden nach Hamburg gebucht. Ich zaudere – soll ich fliegen, oder besser doch nicht, hier bleiben und einfach so tun, als wäre nichts. Nacharbeiten wäre angesagt. Dieser Krebs ist ein Zeitdieb, ein mieser kleiner Zeitdieb. Er hindert mich daran einfach zu arbeiten, meinen zielgerichteten Weg zu gehen. So funktioniert das nicht, ich möchte normal weiterleben und nicht ständig in Zeitnot stecken.

Ich brauche Zeit! Schon die Jahre zuvor, hatte ich mir immer längere Tage gewünscht – und jetzt? Noch längere? Oder einfach noch stringenter sein. Mir fällt das schwer. Nun gut, die Entscheidung steht, ich fliege. Besuche meine Freunde.

(c) Sorin Morar & Thomas Straub. Das Foto ist entstanden bei unserem ersten Shooting.

(c) Sorin Morar & Thomas Straub. Das Foto ist entstanden bei unserem ersten Shooting.

Ich lerne täglich dazu. Neue Begriffe wie Sentinel gehören ebenso dazu, wie Geduld. Meine ganz schwache Seite. Ich bin ungeduldig und will schnelle Lösungen. Nicht tagelang rumeiern und warten was passiert. Klare Worte, damit kann ich gut umgehen.

In der Stadt gibt es ein Mammazentrum, dort sollen die Besten der Besten urteilen über meine Befunde. Gynäkologen, Onkologen, Plastische Chirurgen werden in mein Leben einziehen und es hoffentlich wieder auf die Gerade schieben. Ich helfe mit – ohne wenn und aber. Das fällt, wie man sich denken kann, nicht immer ganz leicht. Mir ist die Sprache nicht vertraut, sind die Begrifflichkeiten fremd.

Zum ersten Mal schlage ich im Mamma-Zentrum auf. Eine seltsame Atmosphäre umfängt mich. Ein wahrhaft altes Pärchen unterhält sich im anderen Wartezimmer. Die Frau hat Krebs. Ich schließe die Türe zu meinem kleinen Warteraum und telefoniere. Ich möchte mit dem Krebs der anderen nichts zu tun haben. Auch nicht mit deren Leiden. Ich will das alles nicht hören. Ich brauche gesunde, starke Menschen um mich herum. Keine Kranken, die sich nicht mehr auskennen und mit dunklen Gesichtern durchs Leben gehen. Ich will die Geschichten der anderen nicht hören. Das interessiert mich nicht. Ich möchte kein Wehklagen in meinem Umfeld. Ich bin klar. Glasklar und mit jeder weiteren Minute des Wartens auf den Satz: „Frau Thaller, kommen Sie mit.“, weiß ich, dass es jetzt ernst ist.

Ein weiterer Ultraschall.
Machen Sie sich bitte obenrum frei. Ich schmunzle. Wie oft habe ich diesen Satz in den vergangenen Tagen gehört? Frauenarzt, Mammographie, Röntgen, Mammazentrum. Vier Mal in fünf Tagen. Arme hoch, die Brüste werden abgetastet. Dann folgt der Ultraschall. Dieser Doc sieht mehr, mehr Tumore. „Sie brauchen ein MRT, damit wir mehr Klarheit bekommen, wo die Burschen genau sitzen, das brauchen wir für die OP, ist aber kostenpflichtig.“ „Wir vereinbaren für Sie dort einen Termin, nächste Woche.“

Warten, wieder muss ich warten und bin alleine mit diesem Befund. „Die Hormonrezeptoren kommen am Freitag, dann wissen wir mehr.“ Wiedervorstellung nach dem MRT. Wiederschaun und alles Gute. … Mir reicht’s. Was soll ich jetzt mit der Diagnose. Ach ja, damit ich es nicht vergesse. Die Brust muss ab und zwar ganz. Das erfahre ich mit einem Lächeln bei der Verabschiedung. Dieser Doc hat auch Krebs, das weiß ich, woher ist egal.  Was ich aber auch weiß ist, dass er im Umgang mit Menschen in meiner Situation völlig ungeeignet ist. Der Typ Egomane, mit dem niemand etwas zu tun haben möchte.

Willkommen in der Realität
Wow, ich bekomme keine Luft mehr. Was ist, wenn der Bursche noch wo anders sitzt. Ich war doch gerade auf Expedition und bin fit. Fühle mich gut. Mich schmerzt meine Brust. Die Biopsie lässt grüßen. „Nun, liebe Petra“, spreche ich mit mir selbst,  das kriegst du hin und wirst wie Phönix aus der Asche steigen. Genau. Hoffentlich sind die Ergebnisse der Hormonrezeptoren, ein neues Wort in meinem Wortschatz, hoffentlich sind diese positiv, dass ich keine Chemo brauche. Was ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht weiß, ist der Umstand, dass es wiederum andere Indikatoren gibt, die selbst bei positiven Östrogen- und Progesteron-Rezeptoren, eine Chemo erfordern. Na ja, alles weiß man eben nicht sofort, kann ich hier nur anfügen. Sei es drum. Ich hoffe diese Dinger sind positiv und ich kann meine langen Haare behalten, muss nicht spucken und mich schlapp fühlen.

Die Zeit des Wartens ist die schlimmste, Ergebnisse zu haben, das allerbeste was einem passieren kann, denn nur dann weiß man was zu tun ist, oder eben auch nicht. 

Ich mache jetzt einen kleinen Zeitsprung Richtung Zukunft – einen kleinen Ausflug ins Thema Sport und Leben. 

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(c) Andreas Ried, iPhone-Selfie, Titel: Wer feiern kann, kann auch auf Skitour gehen oder das Wochenende der Lädierten

Ich bin wieder einmal mit meinem Freund Andi unterwegs. Er ist in den vergangenen Jahren zum Vertrauten geworden, zum Bergfreund noch dazu. Vor fünf Wochen hatte er beim Skifahren einen unglücklichen Sturz und dieser hat Bänder im Knie in Unruhe versetzt. Was genau – bitte verzeih Andi, dass ich mir das nicht gemerkt habe – weiß ich nicht. In jedem Falle konnte dieser bewegungswilde Zeitgenosse keinen Sport machen. Fünf lange Wochen. Gepaart mit einer Grippe waren das fatale fünf Wochen.

Wehe sie lassen ihn raus. Dann kann man mit diesem wunderbaren Freund eine Menge Spaß haben. Er ist zuvorkommend, lustig, laut und manchmal leise. Erzählt liebend gerne, weiß eine Menge und ist ein wahrhaft guter Zuhörer. Zur Zeit beschäftigt ihn wieder einmal die liebe Weiblichkeit.

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(c) Andreas Ried iPhone- Selfie

Mein Thema ist für mich an solchen Tagen zwar da, aber nicht vordergründig und als Andi mir anbietet sich auch eine Glatze rasieren zu lassen und mich frägt, ob wir nicht ein gemeinsames Projekt für Frauen mit einer Krebserkrankung auf die Beine stellen wollen, freue ich mich riesig. Mein Leben nimmt durch den Krebs eine unvorhersehbare Richtung an.

Der Böse Bube bringt mein Leben auf Vordermann. Dass ich abends schon wieder auf einem Fest bin (in meinen Bergklamotten unter schicker Gesellschaft) und dort eine der wohl faszinierendsten Frauen kennen lernen darf, macht den Tag zu einem runden Erlebnis.

Die Kinder? Wie sage ich es den Kindern? Sage ich es Ihnen überhaupt? Mit welchen Worten? Es ist alles nebulös. Wie werden sie es aufnehmen? Die Phase der Unsicherheiten ist kurz.

(c) Sorin Morar & Thomas Straub. Das Fotos entstand während des ersten Fotoshootings für meinen Blog.
(c) Sorin Morar & Thomas Straub. Das Fotos entstand während des ersten Fotoshootings für meinen Blog.
Ich besuche eine zuverlässige, jahrelange Freundin Andrea, sie liest den Befund. Andrea ist Heilpraktikerin, eine von den vernünftigen und guten. Verteufelt die klassische Medizin nicht. Im Gegenteil. Alles zu seiner Zeit. In meiner neuen Zeit gibt es keine Alternativen. Ich bin sauer. Worauf? Keine Ahnung. Auf dem Weg in mein altes Zuhause telefoniere ich mit meinem Jürgen, dem Vater unserer Kinder. Er wird es Joshua unserem Sohn mitteilen, ich unserer Tochter Sara. Sara sieht mich mit großen Augen an und weint. Ich halte sie im Arm und das große Mädchen weint. Die Nachricht schockiert andere Menschen mehr als mich. Meine Kinder allen voran. Joshua bekommt nachts Fieber. Eine Scheißsituation. Wie immer im Leben greife ich zur Alltäglichkeit, zur Normalität.

Jetzt bloß nicht den Kopf verlieren und ihn vor allem nicht in den Sand stecken. Aufstehen und stark sein für mich und meine Familie. Raus in den Sturm – die Flügel halten, so viel ist sicher.

Die ersten Tage
Ich kann schlafen. Weniger lange als vorher, aber ich schlafe. Gut so, das ist wichtig. Nachts wache ich auf, dann ist Gespensterzeit. Sie setzen sich auf meine Bettkante und ärgern mich so lange, bis ich mich entschließe aufzustehen und etwas Sinnvolles zu machen. Spülmaschine ausräumen, Waschmaschine bestücken. Emails checken. Tee trinken. Auf meinem iPad einen Film ansehen. Gegen Morgen schlafe ich wieder ein. Ein gutes Ritual. So lerne jeden Tag mein neues Zuhause ein wenig besser kennen. Es wird mir vertraut. Ich kann damit umgehen. Wobei: Ich bin ja erst im Einzugsstadium. Noch ist nichts passiert. Keine finale Diagnose. Das soll in den kommenden Tagen geschehen.

Der neue Freund ist angeblich nicht der böseste aller bösen Buben. Er ist gut abgegrenzt ein G1 Tumor,  „Glück gehabt, denke ich bei mir“ und blicke nach vorne.

(c) Sorin Morar & Thomas Straub

Termin in zwei Tagen. Und dann beginnt der Irrsinn. Ultraschall, Mammographie – die Ärztin will erst noch die Vergleichsbilder von vor sechs Jahren ansehen. Ich bleibe hart. Ich will es jetzt wissen, ich brauche für mich diese Biopsie. Wieder einmal möchte ich mit dem Kopf durch die Wand. In diesem Falle ist es die einzig richtige Entscheidung.

(c) Sorin Morar, Thomas Straub.

Zwei Tage später blicke ich in die Augen eines wirklich coolen jungen Arztes. Amnesie, Ausziehen, Ultraschall. So kann man das auf den Punkt bringen. Der Blick in seine Augen verrät nichts Gutes. Ich höre mich fragen, ob ich operiert werden muss, fragen, noch bevor der Typ überhaupt Gel auf meine deformierte Brust packt. Ja, höre ich und ich weiß, dass er die Wahrheit sagt. Danach eine Stanzbiopsie. Scheiße, das ist nicht angenehm – fünf Mal. Dann darf ich mir die rosa-weißen Würmchen in einem gläsernen Becher anschauen. Mit einem Druckverband werde ich entlassen. Am nächsten Tag ist das Ergebnis da – 16.00 Uhr.

Die erste Diagnose
Kurz nach 16.00 Uhr läutet mein Mobiltelefon, ich bin in der Röntgenklinik und warte auf das Ergebnis. Ich kann mich nur an einen Satz erinnern: „Frau Thaller, das geht in die falsche Richtung. Mich hat soeben die Klinik angerufen, es ist ein Mammakarzinom.“ So schnell kann es also gehen. Es geht in die falsche Richtung und das war’s.

Wie auf Knopfdruck zieht sich alles in mir zusammen. Zurückblickend wusste ich es ja bereits, instinktiv. Sportler kennen ihren Körper und sie sind Kämpfer. Müdigkeit wird ignoriert, Unlust auf Sport übergangen und der Umstand auf die vergangenen Jahre geschoben und die viele Arbeit. Es ist ganz einfach. Doch jetzt ist eben alles anders. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, die Handgelenke schmerzen und Tränen fließen leise. Ganz leise. Kein Schreien, kein Toben. Es sind stille Tränen und ein Gefühl des Vakuums macht sich breit.

Mit wem möchte ich jetzt sprechen? Muss ich mich überhaupt mitteilen? Für mich ist klar: ja, ich muss. Ich möchte darüber sprechen. Mein Gefühl in diesem Moment? Ich realisiere es nicht. Es fühlt sich an wie … heiraten, ja oder ausziehen von zu Hause, aufwachen in einem neuen zu Hause.

Ja, das ist es. Ich lebe ab sofort in einem neuen Zuhause. Ich finde die Lichtschalter noch nicht automatisch und im Dunklen fällt mir die Orientierung schwer. Linkisch tapse ich mich durch die ersten Stunden.

Es sind harmonische Feiertage bei uns im Haus. Ich werde meinen geschätzten Gastgeberpflichten mehr als gerecht und bin dabei voll in meinem Element. Kochen, Freunde bewirten, ein wenig arbeiten. Den Rest des vergangenen Jahres sowohl geschäftlich, als auch privat in Ordnung bringen.

(c) Petra Thaller iPhone, Vegetarische Quiche, Brustkrebs-Patientinnen sollten die Sojawürstchen weglassen, warum, können Sie nachlesen. Hier geht’s zu meinem Rezept. Brustkrebs-Patientinnen sollten die Sojawürstchen weglassen, warum, können Sie HIER nachlesen.

 

(c) Petra Thaller, iPhone Hier im Glas: Dinkelmehlboden (Bisquitteig), Zitronenquarkjoghurt Mischung nach eigenen Geschmack sowie Blaubeeren – extraordinär gut. Mit Honig nach Geschmack gesüßt.

So kenne ich mich seit langer Zeit nicht mehr. Plötzlich gestalten sich in meinem Kopf Pläne. Das ganze Leben fühlt sich erstmals wieder so richtig an. Rund und richtig. Mir scheint, als habe ich viel Zeit wie nie zuvor. Gemeinsam mit den erwachsenen Kindern erlebe ich gute Ferien. Skifahren, Essen, Lachen, Sport. Die Arbeit? Ja, aber nicht so vordergründig wie all die Jahre zuvor.

Schon gleich nach meiner Expedition haben mir Freunde bestätigt, ich sei weiblicher, weicher und irgendwie schön, warum auch immer. Meinem Leben fehlt in diesen Tagen nichts. Ein wenig Chaos vielleicht, an das hatte ich mich gewöhnt.

Die Sache mit der Vernunft
Eines Morgens stehe ich im Bad und betrachte mich ganz ausführlich, wo bin ich richtig, wo vielleicht auch perfekt und wo haben sich im Laufe der Jahre Dinge nicht ganz so schön entwickelt. Ich liebe meinen Hintern und mein Gesicht empfinde ich als schön. Eigentlich schon immer. Ich mag mich. Bleiben eigentlich nur der nicht ganz perfekte Bauch und die Brust. Die rechte vor allem. Die linke ist immer noch prima. Aber die rechte bereitet mir Sorge. Sie sieht komisch aus und das vermeintliche Hämatom wird auch nicht kleiner. Die Brustwarze zieht sich nach innen und ist sehr empfindlich. Warten oder doch sofort zum Doc.

Die Entscheidung fällt auf Doc – nicht zuletzt weil Tochter und zwei Freundinnen darauf drängen.

(c) Hajo Netzer

Meine Brust hatte sich in den vergangenen Wochen verändert. Ich habe es ignoriert und diese Veränderung auf einen Sturz während meiner Expedition im vergangenen Jahr zurückgeführt. Ein Hämatom. Die Brust ist Sekundenschnelle nach diesem Sturz angeschwollen. Schmerz quälte mich, trotz der Einnahme von Schmerzmitteln und der wahrscheinlich besten ärztlichen Betreuung, die je einem Menschen in der Wildnis zu Teil werden kann.
Es war der drittletzte Tag unseres Ausfluges in die unbewohnte Natur von Irian Jaya. Ich wollte meinen Rucksack über den kleinen Fluss werfen, konnte mich aber nicht von ihm trennen und folgte ihm in das kühle Nass. Ungeschickt, wie ich eben manchmal bin. Ein unspektakulärer, linkischer Sprung, mit wahrhaft heilsamen Folgen für mich.

Filmische Dokumentation: (c) Dr. Georg Schlagbauer

Routineuntersuchung beim Gynäkologen
Ich vereinbare einen Termin bei meinem Frauenarzt, um meine jährliche Krebsvorsorge machen zu lassen und natürlich um die Brust akribisch anzusehen. Den nächstmöglichen Termin bekomme ich nicht bei meinem geschätzten Frauenarzt Dr. Stefan Koch aus München, der auch meinen Sohn auf die Welt brachte, sondern bei einer anderen Ärztin, die bei ihm in der Praxis arbeitet. Recht ist mir das nicht, ich bin in Arztsachen eigen. Wie in so vielen anderen Dingen. Aber nun gut. Mir schien es angebracht dieses Mal eine Ausnahme zu machen. Die Ärztin untersucht natürlich auch meine Brüste, tastete. Macht einen Ultraschall und auch hier ist sich nicht sicher, was dieses Ding da in meiner Brust sein kann – Hämatom, oder … daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

In jedem Falle bekomme  einen zeitnahen Termin bei meinem Frauenarzt, zwei Tage  vor Weihnachten. Ich soll eine Mammographie machen, zur Sicherheit. Wir vereinbaren einen weiteren Termin im Neuen Jahr. Ich möge mich aber zuverlässig melden, wenn sich an der Brust etwas verändert, seine Handynummer habe ich ja.

(c) Sorin Morar & Thomas Straub. Das Fotos entstand während des ersten Fotoshootings für meinen Blog.

(c) Sorin Morar & Thomas Straub. Das Fotos entstand während des ersten Fotoshootings für meinen Blog.

Mein ganzes Leben lang hatte ich keine Angst. Ich hatte weder Furcht, als ich das Elternhaus verließ, noch davor in die Welt hinaus zu gehen, um Abenteuer zu erleben. Keine Angst zu versagen. Ich wusste, dass ich in mir stark bin, schon immer.

Meine große Stärke
Wie jeder andere Mensch habe ich natürlich auch gejammert. Das gehört schließlich zum guten Ton. Gejammert „ich schaffe das nicht, die hauen mich übers Ohr, ziehen mich über den Tisch“ und trotzdem habe ich mich immer wieder von Neuem in diesen Sturm da draußen gewagt und erst, wenn es richtig kühl und windig wurde, wuchsen mir Flügel, funktionierte mein Kopf präzise und ich begann zu fliegen.

Immer wieder erlebte ich Bruchlandungen, stand auf und schritt wieder hinaus in den Sturm und wurde von Mal zu Mal stärker. Meine Flügel erstarkten zu Adlerschwingen und ich begann mit dem Sturm zu spielen, mich ihn im wohl zu fühlen.

Nicht zuletzt, weil der Großteil meiner Freunde mich in meinem Tun bestärkten und es auch weiterhin tun. Dafür ein riesiges Dankeschön an alle, die mir immer vertraut haben!