„Ja Leute, ich bin wieder da. Wie es war? Prima. Ich habe Hunger und zwar richtig.“ Zum Dinner gibt es zwei Scheiben Brot, eine Margarine und drei Scheiben Käse sowie zwei winzig kleine Käseecken. Kein Gemüse, keine Gurkenscheibe. Nicht einmal Wasser stellen sie einem hin.

(c) Sorin Morar

(c) Sorin Morar.

 

Verrückt. Ich verspüre solch eine intensive Lust nach Salat, dass ich mich entschließe die nette Aufwachschwester zu fragen, ob ich kurz raus darf an die frische Luft.
Nicht in meinem sexy hinternfreien Nachthemd, sondern standesgemäß im lässigen OnePiece mit Uggs und Daunenjacke. Was sonst. Sie starrt mich mit ihren riesigen braunen Augen an und kann nicht nein sagen.
Bingo. Ich darf raus, nach nur sechs Stunden. Vorsichtshalber bekomme ich noch einen Einweghandschuh über den Zugang an der Hand, damit kein Schmutz reinkommt. Dann bin ich weg.  Den Drainagebeutel verstecke ich unterm Anorak, schließlich möchte ich die Leute nicht erschrecken. Ich atme tief ein, ja, genauso machen es Heldinnen. Sie machen das was sie möchten. „Brave Mädchen kommen in den Himmel …“, schießt es mir durch den Kopf, „ich komme überall hin!“

Was ich möchte. Keine Ahnung. Nur raus hier und was Frisches zu essen besorgen. Um die Ecke ist ein Italiener, dort gehe ich hin. Es ist anstrengender als gedacht, ich telefoniere mit meiner Freundin Michaela– eine wahrhaft echte Freundin, sie erklärt mich zwar für verrückt, begleitet mich aber am Telefon bis ins Lokal. Sie kennt mich. Ich muss aufhören und bestellen. Büffelmozzarella mit Ruccola und Tomate – yeah und Orangenlimonade. Welche ein Genuss. Mit meiner kulinarischen Beute kehre ich langsam zurück. Ich bin schlapp, aber glücklich und freue mich auf dieses wunderbare Essen.

Soap-Gespräche
Es ist wie in diesen Soaps, die ich mir, nach dem Kieferbruch von vor drei Jahren, nächtelang angesehen habe, um irgendwann in meinen süßen schmerzfreien Schlaf hinüberzudämmern. Wir sitzen im Zimmer: Maria, ihr Mann und ich. Trinken Crémant, ihr wisst schon, dieses Sprudelwasser aus der Champagnertraube, die aber nicht in der Champagne wächst und daher darf sich dieses Zeug auch nicht Champagner nennen. Ich bin wirklich verrückt, schmunzle ich in mich hinein. Aber das Leben findet nunmal jetzt statt. Also wir trinken Fake-Champagner und sprechen: übers Leben. Nicht über meine Krankheit.
Ich durfte ja bereits am Morgen vor meiner OP Marias Hintern betrachten– den Ort Nummer zwei des Geschehens. Dort haben Sie ihr links und rechts jeweils ein Stück herausgenommen und daraus eine wundervolle Brust modelliert. Und ganz ehrlich, sie ist wirklich gelungen. Die Originalform, sie sieht aus wie das Original. Nur vielleicht noch einen Ticken schöner. Maria zeigt mir Bilder von ihren Nacktaufnahmen vor der OP. Wirklich wundervoll ästhetische Nacktbilder einer „Durchschnittsfrau“. Kein Supermodel und keine Superstar. Einfach einer wunderschönen, sportlichen Frau. Maria hat sich viel mehr Gedanken über die OP gemacht als ich. Ist klar. Schließlich ist sie Trägerin des BRCA1-Gens. Dies bedeutet: Ein Lebenszeitrisiko an Brustkrebs zu erkranken von 80% bis 90 %, das Risiko an Eierstockkrebs zu erkranken beläuft sich auf 20% bis 30%. Maria ist die letzte überlebende Frau in Ihrer Familie und soll ich euch was sagen, mit Ihrer Entschlossenheit Entscheidungen in die richtige Richtung zu treffen, wird sie auch die erste Frau dieser Familie werden, die bis in hohe Alter den Männern den Kopf verdrehen darf.

Gut gemacht Maria! Ich bin stolz auf solche Frauen, Frauen die zu sich zum Leben, zu ihren Entscheidungen stehen. Und nicht zaudern, ihre angeborene Weiblichkeit gegen eine neue austauschen.