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Der Tag startet früh, als die Kinder von einem Fest nach Hause kommen. Es ist kurz vor vier Uhr morgens. Ich hatte mir ohnehin um diese Uhrzeit den Wecker gestellt. Ich muss noch etwas fertig machen für unser EU-Projekt Interreg IVa. Am Sonntag war ich einfach mit Familie und mir beschäftigt und kam nicht so wirklich zum Arbeiten. Nun hole ich in zwei Stunden das auf, was mir sonst den Sonntag durcheinandergeschmissen hätte. Ich schreibe und bin pünktlich um 6.00 Uhr fertig. Duschen, packen, losfahren, alles läuft nach Plan.

Um 7.00 Uhr bin ich in der Klinik. Dort, wo ich meinen Sohn zur Welt gebracht habe. Eine schöne Klinik, direkt am Englischen Garten in München. Es ist wie vor 18 Jahren, die Menschen sind ausnehmend freundlich, die Klinik familiär. Ich überlege kurz, ob ich mir ein Einzelzimmer nehmen soll, sehe aber für eine Nacht davon ab. Zudem bin ich neugierig auf die Frauen, die mir begegnen. Wie sich herausstellt soll, ist das genau die richtige Entscheidung.

In meinem Zimmer liegen zwei Frauen, Maria, weil sie sich die Brüste vorsorglich aufgrund der genetischen Diagnose BRCA 1 hat abnehmen und mit ‘Material‘ aus dem Oberschenkel hat wieder neu gestalten lassen. Marla, hatte auch eine Sentinel-OP, darf heute wieder nach Hause. Marla erfahre ich, hat sich gleich alle weiteren befallenen Lymphkonten herausnehmen lassen und sich gegen Chemo entschieden. Mir stellen sich die Nackenhaare auf und ein Blick zu Maria bestätigt meine Gedanken. Begriffe wie Anthroposophie und alternativer Weg ereilen mein Ohr. Am liebsten würde ich Marla wachrütteln. Misteltherapie, all das ist ja recht und schön. Auch ich beschäftige mich mit alternativen Möglichkeiten, anschließend. Für mich steht fest, ich möchte die Errungenschaften der Medizin komplett ausschöpfen nutzen, um mein Risiko so gering wie möglich halten und dafür tue ich alles. Ich liebe das Leben, so einfach ist das!

Ich muss los, das Taxi wartet bereits. Eine kleine Stadtrundfahrt mit Stopover in der Radiologie. Dort wird mir das radioaktive Kontrastmittel zur Markierung des Sentinel gespritzt. Jener Lymphkontengruppe, die es gilt herauszunehmen, um zu sehen, ob und wie viele Lymphknoten dieser Gruppe bereits befallen sind.

Es ist ein langsames Erwachen
Dachte ich noch vor wenigen Augenblicken ich fände mich in meiner neuen Umgebung zurecht, so verschwimmen gerade eben die Lichtschalter hinter einer Nebelwand. Alles läuft nach Plan, bereits nach 15 Minuten ist der Wächterlymphknoten erkennbar. Weitere 30 Minuten später macht man eine erneute Aufnahme um schließlich anhand eines Messgerätes, welches die radioaktiven Strahlen der Injektion exakt wiedergibt. Dabei wird in der Achselhöhe der genaue Punkt markiert, an welchem das OP-Team dann den Schnitt für die Entnahme setzen muss.

Der Taxifahrer, der mich dort abholt, um mich in die Klinik zurückzufahren betrachtet mich unsicher – vielleicht bilde ich mir das auch ein. Nicht eingebildet habe ich mir allerdings den Satz: ‚ob ich denn überhaupt zu Fuß die Treppen gehen kann, oder sagte er möchte. Ich weiß es nicht mehr.‘ Ich musste lächeln. Wie ich doch die Menschen verunsichere. Ich plaudere mit ihm über belanglose Dinge.

Zurück im Krankenhaus
Da liegen sie, die Indizien der Operation: ein freundliches Nachthemd – hinten offen, die visuelle Offenbarung des Hinterns, gepaart mit halterlosen Gummistrümpfen, genial. Die Krankenschwester drängt: Ich solle mir schnell die Sachen überziehen, die OP stehe kurz bevor. 

Na dann spring ich mal in diese wunderbaren Klamotten, ziehe die Daunenjacke meiner Tochter an (die hatte ich mir ausgeliehen, um etwas familiäres dabei zu haben) und meine Uggs, setzte mich auf’s Bett und schreibe. Was gibt es besseres als in solchen Situationen zu schreiben? An mein Ohr dringt die Stimme der Alternativmedizin-Patientin Marla. Sie stört meine Gedanken, ich krame nach den Kopfhörern. Da kommt der Satz aus dem Nichts: „Frau Thaller, auf geht’s der OP wartet.“